Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen
Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 26. Juni 2022
Die Journalistin Marina Ovsyannikova1 wurde schlagartig bekannt, als sie am 14. März 2022 in einer live übertragenen Nachrichtensendung ein Anti-Kriegs-Poster in die Kamera hielt.

Auf dem improvisierten Schild stand in einem Mix aus englisch und russisch »Kein Krieg. Stopp den Krieg, glaube keiner Propaganda, hier wirst du belogen. Russen gegen den Krieg«.
Marina Ovsyannikova wurde für einige Stunden verhaftet und zu einer Geldstrafe von umgerechnet 255 Euro verurteilt. Sie verließ Russland und zog nach Berlin, wo sie jetzt für die Welt-Tageszeitung als Journalist arbeitet.
Zwar war die kreative Aktion von Frau Ovsyannikova mutig, ihre Glaubwürdigkeit ist aber vor allem für die Ukrainer gering. Schließlich hat sie vorher jahrzehntelang die russische Staatspropaganda unterstützt. Vielen russischen Dissidenten, die teilweise Jahrzehnte für ihre abweichende Meinung im Gefängnis saßen, muss zudem der ihr verliehene »Václav-Havel-Preis für kreativen Dissens«2 wie Hohn vorkommen.

Protest der ukrainischen Community in Berlin gegen Marina Ovsyannikova3 am 14. April 2022 in Berlin. Auf dem Schild, das die Demonstrantin hält, steht »Deutschland, du hast deine Aufgabe missverstanden«.
Ovsyannikova ist unserer Meinung nach trotz ihrer Dementi weiterhin in den russischen imperialen Narrativen gefangen, wie bereits ihr erster öffentlicher Auftritt in Deutschland zeigte: Sie trug eine Halskette mit den russischen und ukrainischen Farben und sprach davon, dass Ukraine und Russland »brüderliche Nationen« wären -- ein typisches russisches Meme, das von der Kreml-Propaganda für die Unterjochung der Ukraine verwendet wird4.
Nach Ansicht von Frau Ovsyannikova sollte den Russen -- die den Krieg tatsächlich begeistert unterstützen -- nicht die Kollektivschuld daran gegeben werden. In einem Interview beklagte sie gar, dass ihre Mutter mit Behinderung keine Medikamente kaufen und ihre Tochter das Schulessen nicht mit der Kreditkarte bezahlen könnten. Was sollen dazu Ukrainer sagen, die in den letzten 8 Jahren durch die russischen Bomben ihren Besitz, ihre Gesundheit oder sogar ihr Leben verloren haben? Oder die zahlreichen Frauen und Männer, die ihr Leben lang an den psychischen Folgen von Vergewaltigungen und Folter leiden werden?
Am 4. Juli 2022 gab Ovsyannikova bekannt, dass ihre Arbeit für die Welt-Tageszeitung beendet sei und sie und nach Russland zurückkehren werde. Sie streite dort mit Ihrem Mann vor Gericht um das Sorgerecht für ihre Kinder. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Sie bei ihrer Ankunft in Moskau verhaftet werde5.
Ovsyannikova stellte sich am 15. Juli 2022 mit einem Anti-Kriegsposter in die Nähe des Kreml, wurde bald darauf für kurze Zeit festgenommen und zu einer Geldstrafe verurteilt6 . Am 9. August 2022 wurde sie erneut verhaftet7 und wegen Verbreitung von Falschnachrichten über die russische Armee angeklagt. Ihr drohen 10 Jahre Haft8.
Am 1. Oktober 2022 floh Ovsyannikova mit ihrer Tochter aus einem Hausarrest und soll sich inzwischen auf einer landesweiten Fahndungsliste befinden. Am 17. Oktober 2022 meldete die Website des Spiegels, dass Ovsyannikova Russland verlassen hat9.
Manchmal sorgen Zufälle für unbeabsichtigte Schlagzeilen, wie eine alte Frau, die ukrainischen Soldaten mit einer Sowjetflagge entgegen trat. Die offenbar empörten Soldaten nahmen ihr die Flagge weg.
Für die russische Propagandamaschine war das Video ein prächtiges Geschenk. So schien die alte Dame die russische Invasion zu unterstützen. Es schadete auch nicht, dass sie dem Stereotyp einer russischen Bäuerin entsprach und an das allgegenwärtige Weltkriegsmotiv von »Mütterchen Russland« erinnerte.
In kürzester Zeit erschien ihr Bild als »Babushka Z« (»Großmutter Z«, wobei der »Z« auf die russische »Spezialoperation« verweist) auf Armeefahrzeugen, wurde als Aufkleber und Postkarte verteilt und als Wandmalerei verewigt. Im von den Russen eroberten Mariupol und in anderen Städten wurden sogar Statuen von ihr aufgestellt.

Das Video vom Vorfall mit englischsprachiger Untertitelung ist unter anderem auf YouTube zu finden10.
»Babushka Z« gibt es wirklich11. Die 69-jährige Anna Iwanowna lebt zusammen mit ihrem Mann in einem Dorf in der Nähe von Charkiw und ist über den ganzen Medienrummel überhaupt nicht glücklich. Sie unterstützt den Krieg nicht.
BBC-Journalisten gegenüber erklärte Anna Iwanowna, dass sie damals die ukrainischen Soldaten mit russischen verwechselt habe und einfach nur froh war, dass diese offenbar nicht kämpfen würden. Einen politischen Hintergrund gäbe es nicht und die rote Fahne sei nicht sowjetisch, sondern ein Banner der Liebe und des Glücks. Trotz ihrer Kritik am Blutvergießen in der Ukraine schreckte sie allerdings vor Kritik an Putin zurück.
Anna Iwanowna fürchtet nun um ihre Sicherheit, weil sie in der Ukraine als Verräterin gilt und sogar von den eigenen Nachbarn gemieden werde.

Wandmotiv der »Babushka Z«12.

Eines der in Russland aufgestellten Babushka Z-Denkmäler13. Diese bestehen offenbar meistens aus Plastik und nicht Metall oder Stein.
Im Ukraine-Krieg kämpfen nicht nur Ukrainer gegen Russen.
In den separatistischen Gebieten um Luhansk und Donezk werden schon seit Anfang Februar »Bürger« einberufen14. Einige Männer schließen sich auch freiwillig der Separatistenarmee an, andere werden buchstäblich auf der Straße von Rekrutierungskommandos mitgenommen. So kommt es, dass im Ukraine-Krieg Ukrainer gegen Ukrainer kämpfen müssen. Oder, wie im unten vorgestellten Fall, Russen in der ukrainischen Armee gegen Ukrainer, die für Russland kämpfen.

Die Beschreibung: »Russen der russischen "Legion der Freiheit" haben ehemalige Ukrainer gefangen genommen, die auf der Seite Russlands kämpfen.«15
Die Geheimdienstkarriere von Putin16 beginnt noch in der Sowjetunion. Nach dem Jura-Studium war er von 1975 bis 1982 KGB-Offizier in der Auslandsspionage. 1985 bis zum Untergang der DDR in 1989 arbeitete er für den KGB in Dresden.
Ab 1990 ist Putin zunächst Berater des Bürgermeisters von St. Petersburg, 1992 stellvertender Bürgermeister. Es gab während dieser Zeit Hinweise auf Betrug bei seiner Behörde, die Exportlizenzen vergab, welche aber vom Stadtparlament nicht aufgeklärt werden konnten.
In den folgenden Jahren arbeitete Putin in verschiedenen Posten für die russische Regierung von Boris Jelzin. Eine von Putin 1997 eingereichte Dissertation (»Doktorarbeit«) war ein krasses Plagiat von US-Akademikern, welches vermutlich von einem Dritten für Putin verfasst wurde.
In den nächsten Jahren stieg Putin weiter auf. Ab 1998 war er kurz Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB, 1999 wurde er zum Ministerpräsidenten ernannt.
Nach vom FSB inszenierten Bombenanschlägen und darauf folgenden russischen Interventionen gegen Tschetschenien konnte Putin seine Macht festigen. Ende 1999 übernahm Putin von Jelzin die vorläufigen Amtsgeschäfte als Präsident.
Unter Putin, der mit einmaliger Unterbrechung -- aus rechtlichen Gründen, bevor die Verfassung angepasst wurde -- Präsident blieb, wurde Russland stark umgestaltet. Freie Medien und Kritiker wurden mundtot (in Einzelfällen auch »mausetot«17) gemacht, die russischen Regionalverwaltungen verloren an Unabhängigkeit und Militärausgaben wurden gesteigert. Mehrmals waren russische Truppen in direkter oder verdeckter Form an Konflikten beteiligt, unter anderem in Syrien18, Georgien19, Moldau20, später auf der Krim und im Donbass.
Für die russischen Medien sind Fragen zu Putins Familie und seinem Reichtum tabu. Schätzungen seines im In- und Ausland versteckten Vermögens belaufen sich auf bis zu 200 Milliarden US-Dollar, sodass Putin einer der reichsten Menschen der Welt sein dürfte21.
Vermutlich schon in seiner Zeit in St. Petersburg hat er durch Annahme von Bestechungsgeldern ein Millionenvermögen angehäuft, das er später nutzbringend für seinen Aufstieg einsetzte.

Wie weit abgehoben Putin vom »gemeinen Volk« ist, haben Systemkritiker anhand seiner mehr als 1 Milliarde teuren Megavilla mit mehr als 17.600 Quadratmeter Fläche dokumentiert22 Das Video dazu23 sorgte auch in Russland für Diskussionen.
Offiziell hat Putin mit seiner ersten Frau zwei Töchter24, tatsächlich unterhielt er im Laufe seiner Karriere mehrere heimliche Liebschaften. Boulevardmedien25 berichten, dass aus einem Verhältnis mit Olympiasiegerin Alina Kabajewa drei Kinder hervorgegangen sind.
Putin stellt sich in den Medien gerne als männlich, kräftig und überlegen dar. Legendär sind seine auf offiziellen Kanälen veröffentlichten Urlaubsbilder, die ihn beispielsweise mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd oder als Taucher zeigten.
Zu Putins 70ten Geburtstag hat das Forscherkollektiv Proekt im April 2022 eine Unterschung seines Gesundheitszustands veröffentlicht26. Demnach hat ein Team von Krebsärzten Putin wiederholt an seinem Wohnsitz besucht oder auf Reisen begleitet. Mindestens 35 Mal soll ein Onkologe Putins Residenz am Schwarzen Meer besucht und mehr als 160 Tage in der Nähe des Präsidenten verbracht haben. Ein HNO-Arzt habe Putin 59 Mal gesehen und zwischen 2016 und 2020 über 280 Tage bei ihm verbracht.

Luxus pur: Auf einer Propaganda-Veranstaltung im März trug Putin einen mehr als 12.000 US-Dollar teuren Loro Piana-Mantel27. Standbild: Russisches Staatsfernsehen.
Und das ist kein »Scheiß«: Geheimdienstmitarbeiter sammeln auf Putins Reisen seinen Stuhlgang in einem Koffer, der nach Moskau gebracht wird28. Damit verhindert der Kreml, dass durch Stuhluntersuchungen auf den Gesundheitszustand geschlossen werden kann. Diese Praxis soll es schon seit 2017 geben.
Wie krank Putin tatsächlich ist, muss Spekulation bleiben. In letzter Zeit veröffentlichte TV-Aufnahmen zeigen ihn allerdings mit einem aufgedunsenen Gesicht und wenn er sitzt klammert er sich meistens an die Tischplatte.
Am 21. Juli 2022 berichtete die britische Zeitung The Guardian29:
(CIA-Direktor) Burns, der Russisch spricht und seit zwei Jahrzehnten mit Putin zu tun hat, wurde am Mittwoch auf dem Aspen Security Forum zu den regelmäßigen Medienberichten befragt, wonach es Putin schlecht gehe. Burns entgegnete: "Es gibt viele Gerüchte über den Gesundheitszustand von Präsident Putin, und soweit wir das beurteilen können, ist er offenbar kerngesund."
Als möglicher Nachfolger Putins gilt Nikolai Platonowitsch Patruschew30, der bereits in den 1970er Jahren mit Putin zusammengearbeitet haben soll und derzeit eine hochrangige Position im russischen Sicherheitsapparat besetzt. Der europafeindliche nationalistische Hardliner Patruschew gehört zum innersten Zirkel rund um Putin und ist laut Medienberichten auch dessen engste Vertrauensperson31.
Hinweis: In der Ukraine gibt es wie in Russland verschiedene Schreibweisen für Familiennamen. Man darf deshalb bei der Beantragung eines Personalausweises die lateinischen Buchstaben auswählen. Das betrifft auch den Namen des ukrainischen Staatspräsidenten, der offiziell »Volodymyr Zelenskyy« heißt, aber auch »Zelenskiy« oder »Zelensky« verwenden könnte32. Nach einiger Verwirrung hat sich für sein Name in deutschen Medien »Wolodymyr Selenskyj« weitgehend durchgesetzt, während in Schweizer Publikationen »Selenski« üblich ist.
Selenskyj33 ist 26 Jahre jünger als Putin und gehört somit einer ganz anderen Generation an. Nach einem Jurastudium gründete Selenskyj 1997 eine Kabarettgruppe, die 5 Jahre durch die Staaten der ehemaligen Sowjetunion tourte. Sprachprobleme hatte er dort übrigens keine, denn er ist russischsprachig aufgewachsen.
Ab 2006 wurde Selenskyj durch TV-Auftritte bekannt, insbesondere durch die russischsprachige Serie »Diener des Volkes« (2015-2019), in dem er einen Lehrer spielt, der unversehens zum ukrainischen Präsidenten gewählt wird.
2018 trat Selenskyj bei der ukrainischen Präsidentanwahl an, die er auch gewann. Innenpolitisch und wirtschaftlich stieß er zahlreiche Reformen an, mit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs am 24. Februar musste das Land aber auf eine Kriegswirtschaft umgestellt werden. Schon bei seiner Antrittsrede hatte Selenskyj Russland aufgefordert, die Krim zurückzugeben.
Die USA machten ihm zu Beginn der Kriegshandlungen den Vorschlag, ihn aus Kiew in Sicherheit zu bringen, was er mit den Worten ablehnte:
»Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.«34
Die Sorge der Amerikaner war nicht grundlos, denn es gab bisher drei erfolglose Attentatsversuche auf Selenskyj.

Selenskyj am 25. Februar 2022 in einem kurzen Videoclip mit weiteren Politikern auf einer Straße in der ukrainischen Hauptstadt. Bildausschnitt: Wolodimir Selenskyj auf Facebook.
Im Gegensatz zu Putin, der ab und zu durchchoreografierte öffentliche Auftritte absolviert und nur mit wenigen engen Mitarbeitern Kontakt hat, gibt sich Selenskyj volksnah. Beispielsweise besucht Selenskyj regelmäßig Verletzte in Krankenhäusern oder die Front. Sein Markenzeichen ist inzwischen ein olivgrünes T-Shirt, wie es Soldaten unter der Uniform tragen. Sogar beim Besuch von Bundeskanzler Scholz und weiteren Staatsoberhäuptern in Kiew im Juni 2022 trug Selenskyj bei den offiziellen Fototerminen sein markantes T-Shirt und Turnschuhe. Seine Zustimmung in der Bevölkerung stieg seit Kriegsanfang von 25 auf 90 Prozent35.
Selenskyj ist nicht ohne Kritik geblieben. So war der TV-Sender, auf dem seine Serie »Diener des Volkes« lief im Besitz eines ukrainischen Goßindustriellen, außerdem lief die Monate vorher aufgezeichnete Serie noch während seines Wahlkampfs weiter. Aus den sogenannten Pandora-Papers, die Finanztransaktionen der internationalen Elite offenlegen, wurde bekannt, dass Selenskyj zeitweise Anteile an einer Briefkastenfirma hielt, die auf den Britischen Jungferninseln registriert war.36

Selenskyj mit Soldaten. Foto: Ukrainisches Verteidigungsministerium37.
Der australische Ex-General Mick Ryan stellt die Gründe für Selenskyjs häufige Frontbesuche heraus38:
Am 3. Februar -- drei Wochen vor dem russischen Einmarsch in der Ukraine -- veröffentlichte Oberst Mikhail Mikhailovich Khodarenok auf der Website der Zeitung Nezavisimaya Gazeta einen prophetischen Artikel39. Darin kritisiert Khodarenok heftig die Annahme, dass Russland der Ukraine mit Leichtigkeit besiegen könne.
Seine Thesen:
Die russischen Truppen würden nicht mit Blumen empfangen, denn es habe sich in der ukrainischen Bevölkerung ein abgrundtiefer Hass entwickelt. Bereits 2014, im Donbass-Konflikt, hätte sich gezeigt, dass die russischsprachige Bevölkerung im Südosten eine Abspaltung von der Ukraine nicht unterstütze.
Ein einziger »starker russischer Feuerschlag«, der angeblich »praktisch alle Beobachtungs- und Kommunikationssysteme, Artillerie- und Panzerverbände der AFU (Ukrainische Armee)« zerstöre, sei unmöglich. Dazu wären mehrere Schläge nötig. Das vorhandene Arsenal an modernen und präzisen Waffen der russischen Armee sei aber begrenzt.
Auch eine vollständige Luftüberlegenheit, wird von Khodarenok angezweifelt. Es werde vergessen, dass der Gegner (Taliban) während der sowjetischen Besetzung Afghanistans von 1979 bis 1989 über kein einziges Flugzeug verfügte. Trotzdem zog sich der blutige und kostspielige Krieg hin. Die ukrainischen Streitkräfte seien dagegen mit Flugzeugen, Hubschraubern und Flugabwehrraketen ausgerüstet.
Der These, dass »die Streitkräfte der Ukraine in einem beklagenswerten Zustand« seien, widerspricht Khodarenok ebenfalls:
»Es besteht kein Zweifel, dass die AFU (Ukrainische Armee) Probleme mit der Luftfahrt und modernen Luftabwehrmitteln hat. Aber wir müssen auch Folgendes zugeben. War die AFU vor 2014 ein Fragment der sowjetischen Armee, so hat die Ukraine in den letzten sieben Jahren eine qualitativ andere Armee aufgebaut, die auf einer völlig anderen ideologischen Grundlage steht und sich weitgehend an NATO-Standards orientiert. Und aus vielen Ländern des Nordatlantischen Bündnisses kommen jetzt und auch weiterhin hochmoderne Waffen und Ausrüstungen in die Ukraine.«
Im Konfliktfall würde der Westen die schwache ukrainische Luftwaffe aus ihren Beständen versorgen. Zweifellos sei die ukrainische Armee der russischen unterlegen, aber man sollte sie trotzdem nicht unterschätzen. Der kollektive Westen werde im Fall einer russischen Invasion die Ukrainer mit Waffen und Ausrüstungsgegenständen massiv unterstützen.
Ein weiteres Problem sei der Partisanenkampf. Im urbanen Umfeld der Ukraine gäbe es genügend Städte, die einen hypothetischen Krieg mit der Ukraine zu einem Stalingrad (Vernichtung einer deutschen Armee im 2. Weltkrieg)40 oder Grosny (Niederlage russischer Truppen im Jahr 2000)41 machten.
In seiner Zusammenfassung schreibt Khodarenok, dass die Behauptungen von Experten, dass Russland die Ukraine in einem Blitzkrieg besiegen könne, jeglicher Grundlage entbehre.
»Und schließlich, und das ist das Wichtigste. Ein bewaffneter Konflikt mit der Ukraine liegt derzeit grundsätzlich nicht im nationalen Interesse Russlands. Daher sollten einige übererregte russische Experten ihre Mützen-Zakadat-Phantasien besser vergessen. Und um weitere Reputationsverluste zu vermeiden, sollten Sie sie nie wieder erwähnen.«
Bemerkenswert ist, dass der Text von Khodarenok bis heute im russischen Internet abrufbar ist und der Autor dafür keinen Ärger bekommen hat.

Tatsächlich wurde Khodarenok am 16. Mai 2022 ins staatliche TV eingeladen, wo er seine Kritik argumentativ brilliant wiederholte42. Beobachter gehen allerdings davon aus, dass er vor seinem zweiten TV-Auftritt (6 Stunden später) massiv unter Druck gesetzt wurde, denn plötzlich stimmte er den wirren Thesen der Moderatoren zu43.

60-mm-Mörsergranaten aus japanischer Produktion sind bei den Territorialen Verteidigungskräften der Ukraine aufgetaucht. Recherchen ergaben44, dass die USA im Jahr 1952 bei einem japanischen Waffenhersteller 265.000 Stück dieser Munition für den Korea-Krieg bestellt hatten. Die Ukraine erhielt die Granaten also aus US-Beständen, denn Japan ist seit vielen Jahrzehnten bei Waffenexporten sehr restriktiv. Die Mörsergranaten sind mit ihren 70 Jahren um ein Vielfaches älter als die ukrainischen Soldaten, welche sie einsetzen! Foto: Territoriale Verteidigungskräfte von Saporischschja
Es ist faszinierend zu sehen, dass Waffen, die in den letzten Jahrzehnten eigentlich für andere weltweite Konflikte produziert wurden, plötzlich in der Ukraine auftauchen!

Zumindest einige russische Truppenteile waren beim Einmarsch in der Ukraine mit uraltem Kartenmaterial ausgestattet. Diese im Charkiw Oblast aufgefundene Karte stammt laut Beschriftung von 1969. Eine Orientierung im Gelände dürfte für die so ausgestatteten russischen Soldaten deshalb eine ziemliche Herausforderung sein, zumal auch die ukrainische Staatsgrenze nicht eingezeichnet ist. Foto: Sicherheitsdienst der Ukraine45

Es geht noch krasser: Die linke Abbildung zeigt eine Karte aus den 1950er Jahren, die man beim einem getöteten russischen Kommandeur gefunden hatte.
Am 31. Juli 2022 wurde das Wohnhaus des bekannten ukrainischen Getreideunternehmers Olexiy Vadatursky von einer russischen Rakete getroffen. Vadatursky und seine Frau kamen dabei ums Leben. Vermutlich handelt es sich um ein Versehen der russischen Seite. Auf alten Landkarten aus den 1980er Jahren, die bei den russischen Kräften noch im Gebrauch sind, ist an beschossenen Stelle noch ein Militärstützpunkt eingezeichnet46.

Ein Foto aus den ersten Kriegstagen: »Nachdem sie zwölf Tage lang Putins Panzer gestohlen haben, sind die ukrainischen Bauern nun inoffiziell das fünftgrößte Militär in Europa«47.
Ukrainische Bauern helfen regelmäßig mit ihren geländegängigen Traktoren beim Abtransport beschädigter gegnerischer Fahrzeuge und Panzer.
Rund um den Ukraine-Krieg gibt es zahlreiche geistreiche Sprüche und Zitate, die wir Ihnen zum Schluss des Buchs nicht vorenthalten möchten.
»Den Bären nicht stupsen« ist ein guter Rat, wenn der Bär friedlich schläft. Wenn der Bär jedoch herumläuft, um Nahrung zu stehlen und Menschen zu töten, sollte man auf ihn schießen, bis er tot ist48.
Das Kommunikationsproblem von Team (Bundeskanzler) Scholz: man wirbt nicht für die eigene Position, erklärt nicht, aus welchen Erwägungen heraus man zu welchen Schlüssen kommt, erwartet aber zugleich Zustimmung und ist schwer und sichtbar verstimmt, wenn statt Beifall Kritik kommt49.
Russland ist ein friedliches Land, umgeben von Waffenstillständen, militärischen Sondereinsätzen und Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen50.
Der einzige Unterschied zwischen dem Islamischen Staat und dem Kreml: Der IS bekennt sich zu seinen Terroranschlägen.
In Russland gibt es Redefreiheit. Nur nicht die Freiheit nach der Rede.
Sollte Kaliningrad eines schönen Tages einem verheerenden Atomschlag zum Opfer fallen, so hätte dieser höchstwahrscheinlich Berlin oder Warschau treffen sollen... Der Schrott, den Russland abfeuert, ist mindestens genauso gefährlich für Russen wie für die Feinde des Kreml51.
Mein Vater sagte im Jahr 2015 etwas Tiefsinniges: \"Russland ist ein Land, das im 21. Jahrhundert feststeckt, mit Waffen des 20. Jahrhunderts bewaffnet ist und kulturell und politisch im 19. Jahrhundert verharrt.\" Ich stimme ihm zu, aber ich würde den letzten Teil in das Mittelalter ändern52.
Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums hat Russland bisher 234 ukrainische Flugzeuge und 137 Hubschrauber zerstört. Am Tag des russischen Einmarsches setzte die ukrainische Luftwaffe 206 Flugzeuge und 15 Hubschrauber ein53.
Tag für Tag entschwindet der Horror des Krieges in der Ukraine aus dem Bewusstsein der meisten Menschen in Deutschland. Auch weil in den Talk-Salons der Republik fast nur noch über drohende Wohlstands-Schmälerungen debattiert wird statt über das Leiden und Sterben der Menschen in der Ukraine54.
Deutschland diskutiert über die wirklich wichtigen Fragen: Welche Schlager politisch korrekt sind, ob man den Genderstern oder den Genderunterstrich verwenden soll, Toiletten für Transgender -- und wie lange man sich die Hände waschen und duschen darf, ohne sich schuldig zu fühlen55.
Die Russische Föderation ist 2014 in die Ukraine einmarschiert, um die Ukrainer als Volk auszulöschen. Das ist Völkermord. -- Die Russen rauben den Ukrainern Land und Staatsbürgerschaft. Das ist Imperialismus. -- Die Russen zerstören die Demokratie, errichten eine Diktatur und setzen ihre Überlegenheit gewaltsam durch. Das ist Faschismus56.
Weder (Bundeskanzler) Scholz noch Lambrecht (Verteidigungsministerin) noch Kretschmer (sächsischer Ministerpräsident) haben offenbar verstanden, dass sich derzeit entscheidet, ob der freie Westen und damit auch wir weiterbestehen oder ob Putin immer weitergehen wird. Ihr schwächliches Zögern stachelt ihn an und ruiniert Deutschlands Ruf in der Welt57.\
Ein Witz aus Kiew, der vielleicht die Zukunft vorweg nimmt: Der Krieg ist vorbei. Die russische Fußballmannschaft besucht vor ihrem nächsten Spiel ein ukrainisches Waisenhaus: »Es ist herzzerreißend, ihre traurigen Gesichter zu sehen, die voller Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung sind«. Kommentar von Wolodimir, 8 Jahre58.
Als die belarussische Führung wegen einer Versorgungskrise in Russland um Hilfe bat, kam der Hinweis: »Wir unterstützen euch gerne mit Tee«. »Welchen Tee denn?« »Aber ihr wisst doch: T-62, T-64, T-72...«
10. Teil: Lesen Sie hier weiter
https://en.wikipedia.org/wiki/Marina_Ovsyannikova
https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%A1clav-Havel-Preis_f%C3%BCr_kreativen_Dissens
https://twitter.com/VitscheBerlin/status/1534206490071994368/photo/1
https://twitter.com/VitscheBerlin/status/1534215362656493573
https://inforesist.org/ovsyannikova-bolshe-ne-rabotaet-v-germanii-i-vozvrashhaetsya-v-rossiyu/
https://www.theguardian.com/world/2022/jul/18/russian-journalist-who-staged-tv-protest-over-ukraine-invasion-arrested-again
https://en.wikipedia.org/wiki/Marina_Ovsyannikova#Consequences
https://twitter.com/nexta_tv/status/1557364900191735808
https://www.spiegel.de/ausland/marina-owsjannikowa-journalistin-flieht-mit-tochter-aus-russland-a-0142c659-4f8d-42b6-b45c-21df57e0bd7c
https://youtu.be/g68zCrYp2Os
https://www.bbc.com/news/world-europe-61757667
https://ria.ru/20220429/babushka-1786107074.html
https://er.ru/activity/news/v-kostrome-po-iniciative-edinoj-rossii-otkryli-pamyatnik-babushke-ane-zashitivshej-znamya-pobedy
https://www.dw.com/de/krieg-und-mobilmachung-wie-der-donbass-seine-soldaten-rekrutiert/a-61600170
https://twitter.com/nexta_tv/status/1537427408831193089/photo/2
https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Wladimirowitsch_Putin
https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-08/regimegegner-russland-alexej-nawalny-kreml-kritik-vergiftung-aktivisten
https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCrgerkrieg_in_Syrien_seit_2011
https://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasuskrieg_2008
https://de.wikipedia.org/wiki/Transnistrien-Konflikt
https://www.manager-magazin.de/finanzen/wladimir-putin-und-sein-reichtum-milliarden-vermoegen-des-kreml-chefs-samt-palast-nicht-offiziell-bestaetigt-a-11d1b5a2-54f7-45b8-b167-f9db1f8ce5c4
https://youtu.be/u5IY9eVbJo0
https://youtu.be/ipAnwilMncI (Standbildausschnitt des Videos)
https://www.bbc.com/news/world-europe-61011141
https://www.blick.ch/ausland/toechterchen-im-tessin-geboren-putins-geheime-kinder-id3566575.html
https://www.proekt.media/en/investigation-en/putin-health/
https://twitter.com/whdogconscience/status/1504972569899843586
https://www.wionews.com/trending/putins-guards-carry-his-excrement-and-urine-in-special-suitcase-report-488236
https://www.theguardian.com/world/live/2022/jul/21/russia-ukraine-war-cia-chief-says-no-evidence-putin-is-unwell-moscow-expands-aims-to-seek-more-territory-live?filterKeyEvents=false&page=with:block-62d8d6188f08b3cb1ab50eca#block-62d8d6188f08b3cb1ab50eca
https://en.wikipedia.org/wiki/Nikolai_Patrushev
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https://twitter.com/ulrichspeck/status/1542728479845875712
https://twitter.com/DarthPutinKGB (3 Sprüche)
https://twitter.com/JulianRoepcke/status/1544947038386880513
https://twitter.com/MuKappa/status/1567854052767158274
https://twitter.com/JulianRoepcke/status/1545017249555222529
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https://twitter.com/mhmck/status/1548320868555665416
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https://twitter.com/EerikNKross/status/1540857744437157888