Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen"

Schwächen der russische Wirtschaft

Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 26. Juni 2022

Russland ist ein Land mit enormen Bodenschätzen. Vor dem Ausbruch des Ukraine-Krieg machten allein Öl und Gas fast 50 Prozent der Exporte aus1, während andere Güter prak­tisch keine Bedeutung hatten. Zwar gibt es in Russland eine Industrie, die auch Hightech­güter produziert, nur ist diese auf westliche Bauteile und Maschinen angewiesen.

Warum des Fokus auf Rohstoffen liegt

Der Historiker Kamil Galeev2 hat einen einfachen Grund für den russischen Fokus auf Rohstoffexporte ausgemacht, der sich mit dem Wort »Mafia« zusammenfassen lässt. Dazu müssen wir etwas ausholen.

Die Mafia fokussiert sich auf einfache Produkte oder »Dienstleistungen«, denn kompli­ziertere Geschäftsmodelle wie eine Warenproduktion würde Spezialisten erfordern. Letz­tere würden das Machtgleichgewicht innerhalb der Mafia-Bande zu ihren Gunsten verän­dern. Man bleibt deshalb lieber bei einem einfachem Geschäftsmodell. Gewalt und Ein­schüchterung sind zudem ein vollkommen rationales Element der Mafia, wenn man bei­spielsweise an die »Dienstleistungen« Raub und Erpressung denkt.

Auch Putins Regime ist eine Art Mafia. Die lukrativsten Branchen Öl und Gas werden von Putins besten Freunden beherrscht. In der Putin-Ära wurden nur die alten Öl- und Gas-Oligarichen enteignet, aber die komplizierte Metallurgie verblieb bei den Oligarchen, die sie seit den 1990er Jahren betreiben.

Maschinenbau und Konsumgüterindustrie befinden sich in der wirtschaftlichen Hierachie ganz unten. Man benötigt sie, macht ihnen aber gleichzeitig das Leben schwer. Fällt der Wert der russischen Landeswährung Rubel, wie es derzeit aufgrund der Kriegssanktionen der Fall ist, dann freuen sich die oligarchischen Rohstoffexporteure über sprudelnde Ge­winne. Für den Maschinenbau, der auf Importe von sich nun verteuernden Vorprodukten angewiesen sind, ist es dagegen ein Problem.

Stabiler Rubel in einer instabilen Wirtschaft

Ein wichtiger Indikator für die gesunde Wirtschaft eines Landes sind langweilige Kenn­zahlen wie Inflation, Handelsbilanzüberschuss oder der Kurs der Landeswährung.

Russland beindruckt gerade (Stand: Juni 2022) trotz der westlichen Sanktionen mit einem niedrigen Leitzins der Notenbank, einer niedrigen Inflation und einem riesigen Handelsbi­lanzüberschuss von 250 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich zu Deutschland mit seiner fast zweistelligen Inflation steht Russland also auf dem ersten Blick prächtig dar. Wie kann das sein3?

Ein Blick hinter die Fassade zeigt die bröckeligen Fundamente der Wirtschaft. So ist die niedrige Inflation auf gesunkene Verbrauchernachfrage zurückzuführen und der Handels­bilanzüberschuss hat seinen Grund in gesunkenen Importen. Zwar kann der Kreml sich über sprudelnde Gewinne durch die hohen Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt freuen, nur aus dem Ausland lässt sich kaum etwas wegen der Sanktionen importieren.

Zudem sind aufgrund des hohen Rubelkurses die Importe teuer. Das betrifft alle Sektoren, von der Energiewirtschaft bis zum Militärsektor, sofern die jeweiligen Importgüter nicht ohnehin unter die westlichen Sanktionen fallen. Damit wird die russische Wirtschaft auf Dauer geschädigt.

Dass Russland aktuell ein »technischer« Staatsbankrott droht, indem die USA die Bedie­nung von russischen Anleihen blockiert4, spielt übrigens keine Rolle. Während eine Plei­te von Italien oder Griechenland weltweit Schockwellen produzieren würde, ist Russland kaum in die globale Finanzwirtschaft eingebunden.

Eine neue 100-Rubel-Banknote, welche die russische Zentralbank am 1. Juli 2022 vor­gestellt hat, kann nicht in Umlauf gebracht werden. Es gibt für die von westlichen Her­stellern produzierten Geldautomaten und Registrierkassen derzeit kein passendes Soft­wareupdate5.

Rüstungsindustrie

Hauptabnehmer von 80 Prozent aller in Russland importierten Präzisionsmaschinen -- für die es jetzt sanktionsbedingt weder Wartung noch Ersatzteile gibt -- war die Rüstungsin­dustrie.

Der einzige russische Panzerhersteller bekam bereits 2014 nach Einführung der ersten westlichen Sanktionen Probleme mit der Komponentenbelieferung. Neue russische Waf­fen wie der Panzer T-14 Armata konnten deshalb nie in Serie produziert werden6. Der­zeit soll sogar die gesamte Panzerproduktion wegen fehlender Teile still7 stehen.

Die Geringschätzung und schlechte Bezahlung von Ingenieuren, die früher in der Sowjet­union ein hohes Prestige hatten, trägt zum allgemeinen Niedergang bei. Hochschulabsol­venten machen einen Bogen um die Rüstungsindustrie, wo das Durchschnittsalter der In­genieure inzwischen bei 55-60 Jahren liegt. Mit der Zeit gingen schon wertvolle Kennt­nisse und Fähigkeiten verloren.

Mehrmals haben westliche Forscher die von Russland in der Ukraine eingesetzten Waf­fensysteme auf westliche Komponenten hin analysiert8. Ein Beispiel ist der Marschflug­körper 9M727 (abgefeuert vom Iskander-System), das einer der fortschrittlichsten Waf­fensysteme Russlands ist. Die Rakete enthält einen Steuerungscomputer, dessen An­schlüsse und Platine aus den USA stammen.

Die gelenkte 300-mm-Rakete 9M949 verwendet ein in den USA hergestelltes Gyroskop für ihre Trägheitsnavigation. Das russische Luftabwehrsystem TOR-M2 -- eines der leis­tungsfähigsten Kurzstrecken-Luftabwehrsysteme der Welt -- nutzt zur Radarsteuerung ei­nen Oszillator britischer Bauart. Gleiches gilt auch für Iskander-M, den Kalibr-Marsch­flugkörper, den luftgestützten Marschflugkörper Kh-101 usw.

In russischen Militärfunkgeräten, die das Rückgrat der taktischen Kommunikation des russischen Militärs bilden, stammen die wichtigsten elektronische Komponenten aus den USA, Deutschland, den Niederlanden, Südkorea und Japan.

Der russischen Führung ist der Technologieabhängigkeit bewusst, passiert ist aber offen­bar kaum etwas. Erst im März 2022 setzte die russische Präsidialverwaltung einen Aus­schuss ein, der die Abhängigkeiten der russische Verteidigungsausrüstung untersucht. Es soll ermittelt werden, welche Bauteile man künftig selbst herstelllt und welche man an­derweitig, beispielsweise über befreundete Staaten, beschaffen kann. Allein im militäri­schen Transportflugzeug Il-76 wurden darauf hin 80 Komponenten identifiziert, die nicht durch in Russland gefertigte Teile ersetzt werden können.

Nach Angaben des Center for Strategic and International Studies hat Russland in den letz­ten Jahren jährlich etwa 250 Panzer und 150 Flugzeuge hergestellt. Das bedeutet, dass die ukrainischen Streitkräfte bereits in den ersten zwei Monaten das Äquivalent von mindes­tens zwei Jahren russischer Panzerproduktion zerstört haben9. Nicht gerade hilfreich ist dabei die aus Sowjetzeiten übernommene Strategie der »Überwältigung«, bei der Russ­land große Verluste für die Erreichung seiner Ziele in Kauf nimmt.

Zwar stehen auf Russlands offiziellen Ausrüstungslisten Zehntausende von Militärfahr­zeugen, nur ist davon wahrscheinlich ein großer Teil nicht einsatzfähig und eignet sich nur als Ersatzteilspender. Die von den Sanktionen stark getroffenen Rüstungsindustrie ist zudem seit der Sowjetzeit stark geschrumpt und kann deshalb nicht einfach die Produk­tion hochfahren.

Nicht übersehen sollte man auch, dass im Dienst stehende Waffen verschleißen und dann repariert oder ersetzt werden müssen. Selbst wenn ein russischer Kampfpanzer alle seine Einsätze ohne Beschädigungen übersteht, bleibt er irgendwann mit Ladehemmung, ge­platzten Kanonenrohr oder defektem Motor liegen.

Übrigens macht sich der Krieg auch bei den russischen Waffenexporten bemerkbar. Rüs­tungspartner wie Indien leiden ebenfalls unter Ersatzteilmangel und dürften ihre Zusam­menarbeit mit den Russen inzwischen bereut haben. Andere Länder werden den Philippi­nen folgen, die den Kauf von 16 russischen Transporthubschraubern wegen möglicher US-Sanktionen storniert haben10.

Autoindustrie

Mit 600.000 Arbeitern sind die Fahrzeughersteller in Russland ein großer Arbeitgeber. Die wichtigsten lokalen Produzenten sind AvtoVAZ und GAZ für Autos und KamAZ für Lastwagen. Bis zum russischen Angriffskrieg waren zudem 11 europäische Autounter­nehmen in dem Land vertreten11.

Der russische Automarkt leidet stark unter der durch Sanktionen geschwächten Konjuk­tur12. Seit März 2022 sinken die Autoverkaufszahlen, sodass im Mai 2022 gerade einmal 24.268 neue Fahrzeuge abgesetzt wurden. Im gleichen Vorjahreszeitraum war diese Zahl noch sechsmal höher. Gleichzeitig stiegen auch die Autopreise um 50 Prozent seit dem Jahresanfang. Experten gehen von einem Rückgang der Autoverkäufe in Russland um die Hälfte in 2022 aus.

Inzwischen haben fast alle europäischen Hersteller ihre Aktivitäten »eingeschläfert«13:

  • BMW stoppte die Gemeinschaftsproduktion mit seinem russischen Partner14.
  • VW stoppte eine gemeinsame Fertigung mit GAZ und legte auch sein eigenes Werk still15.
  • Stellantis (Opel-Mutterkonzern) stellte die Produktion ein.
  • Mercedes beendete die Zusammenarbeit mit dem Lastwagenbauer Kamaz und hat seinen Kamaz-Anteil verkauft16.
  • Renault stoppte seine Produktion und verkaufte seine Produktionsstätte für 1 Euro.
  • Ford beendete ein Joint-Venture, in dem ein auf besonderen Wunsch von Putin entwickeltes Auto produziert wurde.

Diese Liste ist nicht vollständig, zumal auch viele Automobilzulieferer, vom Reifen- bis zum Kabelbaumhersteller ihre lokale Produktion gestoppt und Lieferungen nach Russland eingestellt haben.

Die westlichen Sanktionen machen sich natürlich bei den einheimischen Herstellern deut­lich bemerkbar. Entsprachen die bisher von AvtoVAZ zusammen mit Renault produzier­ten Fahrzeuge westlichem Niveau, so müssen Käufer starke Einschränkungen in Kauf nehmen17. Die zuletzt angebotene Grundversion des Lada verzichtet auf das Bremssys­tem ABS, Airbags und elektrische Scheibenheber. Aufgrund fehlender Abgas­reinigung erfüllen die Autos zudem nur den Euro-2-Standard.

Ein russischer Gewerkschaftler erwähnte in einem Interview im April 2022, was dem Au­tohersteller AvtoVAZ alles an Teilen fehlt18: Bremsbacken, Bremszylinder, Ventile, Zy­linderbuchsen, Airbags, Sicherheitsgurte, Starter, Thermostate und Türschwellen. Derzeit gäbe es Probleme mit den Bolzen, denn die werden zwar in Russland hergestellt, benöti­gen aber dafür nicht mehr erhältliche Grundstoffe aus Deutschland19. Der Gewerkschaft­ler sorgt sich auch um die aus Deutschland bezogenen Maschinen, für die es keine Ersatz­teile gäbe.

Im Juni 2022 wurde bekannt20, dass nur noch 2 von 20 Autofabriken in Betrieb sind. Die Produktion im Mai 2022 ging deshalb im Vergleich zum gleichen Vorjahresmonat um 97 Prozent zurück und betrug nur noch 3.600 Autos. Die LKW-Produktion ging um fast 40 Prozent, die Busproduktion um 6,5 Prozent im Vergleich zum Mai 2021 zurück.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Autoproduktion in Russland bald endgültig eingestellt wird oder alternativ die Produktqualität auf sowjetisches Schrottniveau sinkt. Vielleicht passend dazu ist die Nachricht, dass man die unbeliebten sowjetischen Automarken »Moskwich«21 und »Wolga« wiederbelebt22!

Bahntransport

Russland ist als riesiges Flächenland für Fracht- und Personenverkehr sehr abhängig von der Eisenbahn. Dessen Wichtigkeit dürfte mit dem erwarteten Niedergang des russischen Flugverkehrs aufgrund der Sanktionen noch zunehmen.

Die russische Armee nutzt wegen der Entfernungen -- nur um ein Beispiel zu geben, ist Nowosibirsk in Sibirien in der Luftlinie 2.800 Kilometer von Moskau entfernt -- fast ausschließlich Bahntransporte. Das ist übrigens auch ein Grund, warum die russische Armee die Bahninfrastruktur in der Ukraine bisher kaum beschädigt hat. Sie ist schlicht und einfach darauf angewiesen.

Wie die im Kapitel zuvor beschriebene Autoindustrie dürften nun auch Wartungsbetriebe von den westlichen Sanktionen betroffen sein. So nutzen neuere Waggons statt Walzen­lager die wartungsärmeren Kassettenlager23, für die es in Russland drei Hersteller gibt, die ihre Produktion eingestellt haben. Für die Produktion und Wartung der Triebzüge dürfte das gleiche gelten, was wir schon zur Autoindustrie geschrieben haben.

Das Medium Railway.Supply berichtete im September 202224:

Bis Ende August wurden etwa 10.000 Güterwagen aus dem Verkehr gezogen, weil [Walzen-]Lager fehlten und eine Reparatur nicht möglich war. Insgesamt sind mehr als 200.000 Waggons gefährdet [...].

[...] Die Komponenten wurden aus dem Ausland importiert, und nur die Endmontage wurde in russischen Unternehmen durchgeführt. Jetzt gibt es nichts mehr, woraus man sie zusammenbauen könnte, und nichts, womit man Importe ersetzen könnte. Sie benötigen Dichtungs- und Schmiermittel, die weder in Russland noch in der GUS hergestellt werden.

Bis Ende des Jahres werden etwa 100.000 Lager fehlen, vorausgesetzt, die russischen Hersteller liefern 95.000 Stück. Ob eine Importsubstitution prinzipiell möglich ist, bleibt jedoch unklar. Und während die Leitung der Russischen Eisenbahnen nach neuen Lieferanten sucht, werden bereits mehrere tausend Wagen, deren planmäßige Reparatur wegen fehlender Kassettenlager nicht möglich ist, zur Ersatzteilgewinnung zerlegt.

Die russische Bahn hat aber ein weiteres Problem: Aufgrund des gesunkenen Handelsvo­lumens im In- und Ausland stehen nun 150.000 Wagons nutzlos auf Nebengleisen herum und erschweren den Fahrbetrieb25.

Luftfahrt

Durch die westlichen Sanktionen hat die russische Luftfahrt massive Probleme26. So wur­de der europäische Luftraum für russische Flugzeuge gesperrt, sodass Flüge wegen des Umwegs über Drittstaaten länger dauern und dreimal so viel kosten.

Bis zum Start des Ukraine-Kriegs waren von den 1.367 auf russischen Airlines laufenden Flugzeugen mehr als 515 im Ausland geleast27. Die Leasinggeber mussten die Verträge mit Beginn der Sanktionen kündigen, konnten aber nur 78 Flugzeuge im Ausland sicher­herstellen, während sich der Rest in Russland befindet. Der Kreml hat durchblicken lassen, dass man die Flugzeuge nicht zurückgeben wird.

Für die russischen Fluglinien heißen die westlichen Sanktionen aber auch, dass sie von Boing, Airbus und anderen Herstellern keine Wartung und keine Ersatzteile mehr erhal­ten. Viele Teile lassen sich nicht einfach nachproduzieren, weshalb alte Flugzeuge ausge­schlachtet werden müssen. Unserer Ansicht nach wird sich der volle Effekt erst in einigen Jahren zeigen. Zum Vergleich: Im Iran sind trotz aller Embargos immer noch zahlreiche in den 1970ern -- vor der Machtübernahme der Islamisten -- von den USA gelieferte F-14 Tomcat-Kampfflugzeuge im Einsatz28.

Ärgerlich sind die Sanktionen übrigens auch für westliche Unternehmen, die nun Russ­land umfliegen müssen, was die Transportkosten erhöht. Für Flüge nach China wäre dann der kürzeste Weg über den Himalaja, der allerdings wegen der nötigen Flughöhe nur von vierstrahligen Maschinen überflogen werden darf. Die Transportflieger von Lufthansa Cargo sind aber beispielsweise nur 2-strahlig und müssen den 8000er weiträumig umflie­gen29.

Russland hat natürlich eine eigene Flugzeugindustrie, aber die Hersteller nutzen sanktio­nierte ausländische Komponenten und könnten zudem niemals den Bedarf an benötigten Flugzeugen abdecken. Mit der TU-214 hat der staatliche Rostec-Konzern zwar ein mit dem Airbus A321 vergleichbares Modell im Programm, nur fliegt davon keines bei kommerziellen Airlines. Dem Vorteil, dass die TU-214 keine westlichen Komponenten benötigt, steht der Nachteil mangelnder Treibstoffeffizienz entgegen, was den laufenden Betrieb sehr teuer macht. Überdies plant der Hersteller bis 2030 nur eine Produktion von 70 Stück, was viel zu wenig ist30.

Mitte Juni legte das russische Ministerium für Industrie und Handel einen Plan für die Produktion von 1.000 Passagierflugzeugen durch einheimische Hersteller bis 2030 vor31:

  • 12 Großraumflugzeuge vom Typ Iljuschin Il-96-300
  • 270 Flugzeuge vom Typ MC21-310
  • 70 Schmalrumpfflugzeuge vom Typ Tupolew TU-214
  • 142 Flugzeuge vom Typ Sukhoi SSJ-100
  • 70 Turboprop-Flugzeuge vom Typ Il-114-300

Wir glauben, dass diese Pläne eine Luftnummer sind, um die Bevölkerung zu beruhigen und den Absturz der russischen Luftfahrt nicht verhindern.

Am 30. Mai hat China mehreren russischen Airlines mit Airbus und Boing-Flugzeugen die Nutzung des chinesischen Luftraums verboten, weil sie nicht mehr den international vereinbarten Vorschriften entsprächen32. Es dürfte nicht lange dauern, bis auch Länder wie die Türkei, welche die westlichen Sanktionen nicht umsetzen, den maroden russi­schen Fliegern die Lande- und Überflugrechte entziehen.

Öl und Gas

Deutschland war von den russischen Gas- und Erdöllieferungen sehr stark abhängig. Bereits 1970 gab es zwischen der damaligen Sowjetunion und der Bundesrepublik die ersten Liefervereinbarungen für Erdgas33. 2020 nahm Deutschland rund ein Drittel des von Russland nach Europa gelieferten Erdgases ab. Auch beim Erdöl war Russland ein wichtiger Lieferant, nicht nur für Deutschland, sondern auch für die anderen europäischen Staaten.

Die Abhängigkeit ist beruhte allerdings auf Gegenseitigkeit, denn wenn tatsächlich in den nächsten Jahren Europa seinen Gas- und Ölbezug komplett einstellen sollte, müsste Russland andere willige Abnehmer finden. Und das ist hauptsächlich China34, welches die Probleme Russlands kennt und gnadenlos bei den Einkaufspreisen ausnutzen wird. Ohnehin ist China ein schwieriger Partner, denn von 88 vereinbarten russisch-chine­sischen Kooperationen gibt es bei 81 keinerlei Fortschritte.

Falls Russland nicht für sein gesamte Gaskapazität Abnehmer findet, kann die Förder­kapazität aus einzelnen Feldern reduziert oder sogar ganz eingestellt werden. Ein Risiko für die Förderbarkeit der Gasreserven besteht laut dem deutschen Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) nicht35, auch wenn von einigen Medien anderes behauptet werde. Gleiches gilt laut dem Branchenunternehmen Wintershall auch für Erdölquellen. Bei längerem Stillstand können allerdings »nicht unerhebliche« Kosten wegen Korrosion in Rohren und Behältern auftreten und die Auswirkungen auf die Förderfelder seien »individuell sehr unterschiedlich«.

Inzwischen gehen ältere russische Ölfelder zur Neige und neue müssen erschlossen werden. Diese liegen allerdings in der Arktis und verursachen deshalb riesige Kosten. Deshalb hat der Kreml die Steuern für die beteiligten Unternehmen gesenkt, welche sonst in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnten. Die Kosten für die Förderung eines ein­zigen Barrel Rohöl der Sorte Brent beliefen sich 2019 nach Schätzungen von IHS Markit bei russischen Onshore-Projekten auf rund 42 US-Dollar und bei Offshore-Projekten auf 44 US-Dollar. Das war mehr als das Doppelte der Produktionskosten von 17 US-Dollar pro Barrel in Saudi-Arabien36.

Interessanterweise importiert Saudi-Arabien -- ein Land, das selbst als Ölexporteur tätig ist -- wegen des günstigen Einkaufspreises derzeit russisches Öl37. Von April bis Juni sollen es 647.000 Tonnen gewesen sein, die über russische und estnische Häfen geliefert wurden. Das Öl nutzt Saudi-Arabien für die eigene Stromerzeugung.

Die Gasleitung von Power of Siberia, mit der China von Russland aus versorgt werden soll, hat sich als kostspielig erwiesen. 2018 kamen Analysten der Sberbank zum Schluss, dass eine 5,5 Mal teuere Route bei der Konstruktion gewählt wurde38. Begründet ist das in den Auftragnehmern, zwei alte Kumpel (Rotenberg und Timchenko) von Putin, die sich am Projekt bereicherten. Die Analysten haben natürlich ihren Job verloren!

Derzeit gibt es für Russland keine Möglichkeit, bei voller Förderleistung alles Gas ander­weitig zu exportieren. So flossen über Nordstream 1 jedes Jahr 55 Milliarden Kubikmeter Gas nach Deutschland. Laut Experten kann diese Menge nicht vollständig anderweitig verkauft werden, denn die oben beschriebene Gasleitung Power of Siberia nach China ist beispielsweise nur für jährlich 10 Milliarden Kubikmeter ausgelegt. Der Rest müsste als LNG verflüssigt und verschifft werden, wofür es aber nicht genügend LNG-Tanker gibt39.

Die Explosionen

Durch Explosionen am 27. September 2022 wurden die Gasleitungen von Nordstream 1 und 2 im Meer an verschiedenen Stellen beschädigt. Wer oder was die Explosionen verursacht hat, ist unbekannt. Experten gehen allerdings davon aus, dass der Kreml selbst dahinter steckt, um einen Gaspreisschock an den Märkten auszulösen40.

Beide Nordstream-Pipelines sind jeweils zweifach ausgeführt. Der Kreml bot deshalb am 4. Oktober an, die unbeschädigte zweite Röhre von Nordstream 2 für Gaslieferungen zu aktivieren41. Das dürfte aber für den Westen unannehmbar sein, zumal Nordstream 2 auf­grund von Sanktionen nie in Betrieb gegangen war.

Die Belieferung von Staaten wie Italien, Moldau und Ungarn findet übrigens weiterhin über andere Gasleitungen statt.

In einem Brief an den UN-Sicherheitsrat sind bereits die Anrainerstaaten Schweden und Dänemark von Explosionen mit der Sprengkraft mehrerer hundert Kilogramm TNT ausgegangen42. Die Betreibergesellschaft ließ die Schadstellen von einem Spezialschiff untersuchen. In einer Pressemitteilung heißt es:

Am 2. November 2022 hat die Nord Stream AG eine erste Datenerhebung an der Schadensstelle der Pipeline 1 in der schwedischen ausschließlichen Wirtschaftszone abgeschlossen.

Nach den vorläufigen Ergebnissen der Inspektion der Schadensstelle wurden technogene Krater mit einer Tiefe von 3 bis 5 Metern auf dem Meeresboden in einem Abstand von etwa 248 m voneinander gefunden. Der Abschnitt des Rohrs zwischen den Kratern ist zerstört, der Radius der verstreuten Rohrfrag­mente beträgt mindestens 250 m. Die Experten analysieren weiterhin die Untersuchungsdaten43.

Umstellung auf LNG in Europa

Gas kann nicht nur per Pipelines, sondern auch verflüssigt als LNG per Tankschiffen aus anderen Ländern importiert werden. Davon macht Europa zunehmend Gebrauch. Bisher kommt der Großteil aus den USA, aber es laufen bereits Gespräche mit Katar, Australien, Algerien und Nigeria44.

Deutschland hat genau genommen sogar extremes Glück, dass mit dem Ukraine-Krieg die Gaslieferungen von Russland reduziert wurden. Fünf Jahre früher wäre der LNG-Markt als Ersatz noch zu klein gewesen, weitere fünf Jahre später hätte Russland den Kontinent mit seinem billigen Gas aus Nordstream 2 überschwemmt und damit alle Alternativen wie LNG unrentabel gemacht. Zudem wären Kohle- und Atomkraftwerke durch Gas ersetzt worden und Deutschland hätte in einer völligen Gasabhängigkeit gesteckt45.

Umstellung auf Kriegswirtschaft

Angesichts der unabsehbaren Dauer des Konflikts begann der Kreml im Juli 2022 mit der verdeckten Umstellung auf eine Kriegswirtschaft46.

Nicht nur staatliche, auch private russische Unternehmen werden zur Lieferung von Mili­tärgütern verpflichtet. Außerdem darf der Kreml einseitig Arbeitsverträge und Arbeits­bedingungen ändern, sodass die Produktion auch Nachts oder an Feiertagen erfolgen kann.

Im Begleittext zur Gesetzesänderung weist der Kreml darauf hin, dass die laufende »militärische Sonderoperation in der Ukraine« zu Versorgungsengpässen führe, ins­besondere bei Materialien, die für die Reparatur von Militärausrüstung benötigt würden.

Bei der möglicherweise ebenfalls nötigen Mobilisierung von zusätzlichen Arbeitskräften für die entstehende Kriegswirtschaft hält sich die russische Regierung noch zurück.

Wissenschaftliche Studie zur russischen Wirtschaft

Unter dem Titel »Rückzug der Unternehmen und Sanktionen lähmen die russische Wirt­schaft« hat eine Forschergruppe der renommierten US-Universität Yale am 20. Juli 2022 eine 118-seitige Studie zur wirtschaftlichen Situation in Russland veröffentlicht47.

Nach Ansicht der Forscher habe der Kreml seit dem Start der Invasion irreführende beziehungsweise lückenhafte Wirtschaftsdaten veröffentlicht, die von den Medien achtlos weiterverbreitet würden. Tatsächlich lähmen der Rückzug von westlichen Unternehmen und die Sanktionen die russische Wirtschaft. Die ausländischen Unternehmen, welche das Land verlassen haben, machten 40 Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Als Rohstoffexporteur agiere Russland nun aus einer Position der Schwäche, da es seine einstigen Hauptmärkte verloren habe und beispielsweise Gasexporte nicht so einfach zu den asiatischen Kunden umleiten könne.

Die russische Produktion sei völlig zum Erliegen gekommen, da zum einen wichtige Teile und Technologien nicht mehr importiert werden könnten, zum anderen diese auch nicht so einfach zu ersetzen wären. Es käme zu Versorgungsengpässen und steigenden Ver­braucherpreisen.

Mit offensichtlich ungeeigneten fiskalischen und monetären Interventionen versuche Putin, den wirtschaftlichen Niedergang aufzuhalten. Dies führte zu einem defizitären Staatshaushalt und den Verbrauch der Devisenreserven.

Wörtlich heißt es in der Zusammenfassung der Studie:

»Defeatistische Schlagzeilen, die behaupten, Russlands Wirtschaft habe sich erholt, entsprechen einfach nicht den Tatsachen - Tatsache ist, dass die russische Wirtschaft nach allen Maßstäben und auf allen Ebenen taumelt, und jetzt ist nicht die Zeit, auf die Bremse [bei den Sanktionen] zu treten.«

8. Teil: Lesen Sie hier weiter


  1. https://www.weltexporte.de/exportprodukte-russland/

  2. https://twitter.com/kamilkazani/status/1501360272442896388

  3. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/rubel-russland-handelsbilanz-101.html

  4. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/russland-staatspleite-auslandschulden-rubel-euro­bonds-gaslieferungen-staatsanleihen-101.html

  5. https://twitter.com/maxfras/status/1542648043463401480/photo/1

  6. https://de.wikipedia.org/wiki/T-14

  7. https://twitter.com/nexta_tv/status/1506113379118764033

  8. https://static.rusi.org/special-report-202204-operation-z-web.pdf

  9. https://www.wsj.com/articles/russian-militarys-next-front-line-replacing-battlefield-equipment-destroy­ed-in-ukraine-11650879002

  10. https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/philippines-scraps-russian-helicopter-deal-ap-2022-07-27/

  11. https://en.wikipedia.org/wiki/Automotive_industry_in_Russia

  12. https://www.reuters.com/markets/europe/russias-may-auto-sales-down-835-year-year-says-aeb-2022-06-06/

  13. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/unternehmen/russland-rueckzug-unternehmen-103.html

  14. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/autoindustrie-vw-mercedes-bmw-russland-export-produktion-stopp-1.5540717 

  15. https://www.frankenpost.de/inhalt.autoindustrie-vw-stellt-co-fertigung-in-russland-ein-und-bietet-abfin­dung.540f56b5-e05d-4f4c-a423-0cb8f8bd3ca3.html 

  16. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Mercedes-Benz-kehrt-Russland-den-Ruecken-article23675432.html 

  17. https://www.finanzen100.de/finanznachrichten/boerse/ersatzteile-werden-knapp-russland-baut-seine-autos-jetzt-ohne-airbags-und-abs_H1922100832_107947809/

  18. https://youtu.be/DQ0kV_0zfWU?t=297

  19. https://twitter.com/kamilkazani/status/1537128828757331970

  20. https://www.themoscowtimes.com/2022/06/30/russias-car-manufacturing-collapses-by-97-in-may-a78151

  21. https://edition.cnn.com/2022/05/17/business/renault-moskvich/index.html

  22. https://www.t-online.de/auto/neuvorstellungen/id_92330268/wolga-autos-vor-comeback-russland-will-uralt-marke-wiederbeleben.html

  23. https://www.gtai.de/de/trade/russland/branchen/coronakrise-senkt-nachfrage-nach-antriebstechnik-in-russland-569060#toc-anchor--2

  24. https://www.railway.supply/en/russian-railway-is-on-the-verge-of-collapse/

  25. https://bahnblogstelle.com/180474/150-000-leere-gueterwaggons-verstopfen-gleise-in-russland/

  26. https://www.airliners.de/sanktionen-flugsperren-russlands-luftfahrt-schwierigkeiten/64704

  27. https://www.n-tv.de/politik/Russland-soll-Hunderte-Flugzeuge-gestohlen-haben-article23225482.html

  28. https://en.wikipedia.org/wiki/Islamic_Republic_of_Iran_Air_Force

  29. https://www.wiwo.de/technologie/wirtschaft-von-oben/wirtschaft-von-oben-146-sanktionen-gegen-russland-problem-fuer-lieferketten-hier-baute-russland-seinen-luftfracht-joker-auf/28101818.html

  30. https://www.handelsblatt.com/unternehmen/sanktionen-keine-ersatzteile-keine-neuen-jets-der-russi­schen-luftfahrt-droht-der-kollaps/28248122.html

  31. https://www.ainonline.com/aviation-news/air-transport/2022-06-16/kremlin-steps-domestic-aircraft-output-sanctions-bite

  32. https://www.aerotime.aero/articles/31154-china-blocks-russian-airbus-boeing-aircraft

  33. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Wie-abhaengig-ist-Deutschland-von-Russland-article23074948.html

  34. https://twitter.com/kamilkazani/status/1499855858456567809

  35. Handelsblatt vom 5. Juli 2022, Seite 22

  36. https://www.themoscowtimes.com/2019/11/12/russian-oil-production-most-expensive-world-saudi-aramco-ipo-a68132

  37. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Warum-die-Saudis-russisches-Ol-kaufen-article23466926.html

  38. https://meduza.io/en/news/2018/05/21/sberbank-analysts-say-gazprom-s-new-pipelines-are-a-wash-for-everybody-but-the-contractors

  39. https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/erdgas-nordstream-wartung-100.html

  40. https://thewashingtonstandard.com/14-things-known-about-the-mysterious-explosions-that-severely-damaged-nord-stream-1-nord-stream-2-pipelines/

  41. https://www.op-online.de/wirtschaft/pipeline-russland-druckabfall-probleme-leck-sabotage-nord-stream-news-news-1-anschlag-gas-zr-91812844.html

  42. https://www.heise.de/news/Nord-Stream-1-Truemmerfeld-auf-250-Metern-Laenge-und-tiefe-Krater-7329080.html

  43. https://www.nord-stream.com/press-info/press-releases/incident-on-the-nord-stream-pipeline-updated-02112022-529/

  44. https://www.tagesschau.de/wirtschaft/gaslieferungen-deutschland-101.html

  45. https://twitter.com/jakluge/status/1574344874492678145

  46. https://understandingwar.org/backgrounder/russian-offensive-campaign-assessment-july-1

  47. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=4167193