Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen

Ukrainische Geschichte

Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 26. Juni 2022

Im Geschichtsunterricht an deutschen Schulen spielen die Länder östlich des europäi­schen Wirtschaftsraums praktisch kaum eine Rolle. Wer weiß deshalb, in welcher Bezie­hung die Ukraine und Russland zueinander stehen und welche wechselvollen Zeiten diese beiden Länder durchgestanden haben! Für Wladimir Putin hat dieser Umstand natürlich den Vorteil, den Einmarsch in der Ukraine mit mehr oder weniger zurechtgebogenen und gelogenen Narrativen zu rechtfertigen. In diesem Kapitel möchten wir deshalb Klarheit in die geschichtlichen Hintergründe bringen. Dabei beschränken wir uns weitgehend auf Aspekte, die für den aktuellen Ukraine-Krieg von Belang sind.

Mittelalter

Ein vergleichbares Staatswesen, wie es sich in Westeuropa in der Antike durch die Römer und anschließend im Mittelalter durch lokale Adelsherrschaften entwickelte, gab es in den Gebieten östlich des heutigen Polens bis zum Ende des 7. Jahrhunderts nicht. Die größten Strukturen dürften damals slawische Familiensippen und Stämme gewesen sein.

Zu beachten ist, dass bis zum 12. Jahrhundert kaum Überlieferungen zur Bevölkerungs­entwicklung dokumentiert sind. So liegt auch der Ursprung der slawischen Stämme, die sich bis zum 10. Jahrhundert bis nach Deutschland (heutige sorbische Minderheit), Öster­reich (slowenische Minderheit) und Tschechien ausbreiteten, im Dunkeln. Vermutet wird ein Ursprung in der Ukraine -- ein Fakt, der bei der Begründung des russischen Angriffs­kriegs eine Rolle spielt. Dazu aber später mehr.

Europakarte mit slawischen Sprachen

In dieser aktuellen Europakarte1 sind alle Länder mit slawischen Sprachen dunkel hinter­legt.

Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert trat das Volk der Rus auf, welche als Händler die Binnenwasserstraßen von der Ostsee bis zum Mittelmeer bereisten. Die Rus fuhren in die Mündung der Newa und dann über Ladoga, Wolchow, Ilmen und Lovat nach Süden. Über den Dnjepr gelangten sie stromabwärts bis zum Schwarzen Meer und nach Konstantino­pel (das jetzige Istanbul in der Türkei).

Wer die Rus waren und woher sie kamen, lässt sich nicht genau rekonstruieren. Inzwi­schen herrscht unter Experten der Konsens, dass es sich um skandinavische Wikinger, die sogenannten Waräger, handelt2 Der Name »Rus« könnte sich vom nordischen roðr für »Rudern, Rudermannschaft« herleiten3. Die Waräger waren als Händler zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert im Baltikum und in Osteuropa aktiv und stammten aus dem heutigen südlichen Schweden4.

Von russischer Seite wird übrigens die Ansicht vertreten, dass es sich bei den Rus um ei­nen slawischen Stamm mit dem Ursprung beim ukrainischen Fluss Ros handelt. Hier spie­len aber wohl kaum geschichtliche Fakten, sondern eher ein Minderwertigkeitskomplex die Hauptrolle5. Wer würde schon gerne zugeben, dass sein Staatsgebilde auf die Initiati­ve fremder Völker entstand?

Teilfürstentümer der Rus zwischen 1054 und 1132

Teilfürstentümer der Rus zwischen 1054 und 11326. Grafik: SeikoEn (CC BY-SA 3.0)

Ab dem 9. Jahrhundert begründeten die Waräger verschiedene Fürstentümer, von der sich die Kiewer Rus durchsetzen konnte und schließlich die Handelswege zwischen Ostsee und schwarzem Meer kontrollierte. Die Kiewer Rus war wie sich das zum gleichen Zeit­punkt ausbildende Heilige Römische Reich kein einheitliches Gebilde, sondern bestand aus unabhängigen Fürstentümern.

Spätestens ab dem 12. Jahrhundert differenzieren die schriftlichen Quellen nicht mehr zwischen den einzelnen ostlawischen Stämmen. Im Laufe eines sogenannten Ethnogene­se-Prozesses verschmolz die Bevölkerung zu einem einheitlichen altrussischen Volk, das sich als Rus bezeichnete. Daraus sollte sich wesentlich später das russische, ukrainische und belarussische (weißrussische) Volk bilden.

Sehr groß war der Einfluss von Ostrom (Byzanz) auf die Christianisierung der Kiewer Rus, welche um 1015 abgeschlossen war. Die von Byzanz verbreitete orthodox-christli­che Religion stand im Gegensatz zur lateinischen (katholischen) Kirche.

Konflikte zwischen den Fürstentümern des Rus erleichterten ab 1223 die mongolische In­vasion7. Die Mongolenherrschaft war vergleichsweise locker; unterworfene Fürstentümer waren zwar zu Tributen und der Bereitstellung von Hilfstruppen verpflichtet, konnten aber Ihre Sitten und Gebräuche beibehalten. Kiew ging 1240 an die Mongolen und sollte lange Zeit keine große Bedeutung mehr haben.

Die folgenden Jahrhunderte waren durch eine zunehmend schwächere Mongolen­herrschaft, Eroberungen einiger vormaliger Rus-Terrritorien durch das Großherzogtum Litauen und dem Aufstieg des zunächst von den Mongolen gefördeten Rus-Fürstentums Moskau ge­prägt. 1480 endete die Mongolenherrschaft. An dieser Stelle würde eine Aufzählung aller folgenden Konflikte und Kriege auf ukrainischen und russischem Boden zu weit führen.

Großfürstentum Moskau um 1547

Großfürstentum Moskau (»Moskva«) um 15478. Grafik: David Liuzzo, Creative Commons (vom Autor bearbeitet)

Durch geschickte Politik und siegreiche Kämpfe mit konkurrierenden Fürstentümern wur­de Moskau 1340 zum Großfürstentum. Der Titel »Großfürstentum« war seinerzeit von den Mongolen geschaffen worden und stellte den Inhaber über die anderen Fürstentü­mer9. Ab 1320 hatten die Großfürsten die Funktion des Vermittlers und Steuereintreibers zwischen Mongolen und den restlichen Fürstentümern.

Religion

Es ist Ihnen vielleicht bekannt, dass in Russland und der Ukraine heutzutage die katholi­sche Kirche kaum Anhänger hat und stattdessen die russisch-orthodoxe Kirche10 vor­herrscht.

Wie oben erwähnt, wurde die Christianisierung auf dem Gebiet der Rus ab Ende des 10. Jahrhunderts durch Ostrom (Byzanz) vorangetrieben. Daraus entwickelte sich mit der Zeit die russisch-orthodoxe Kirche, die im Gegensatz zur römischen (katholischen) Kirche steht.

Sitz des Metropoliten (Oberbischofs) war zu Anfang Kiew, ab 1325 Moskau. Zunächst musste der Metropolit von Byzanz bestätigt werden, ab 1453 erübrigte sich das aber nach der Eroberung des byzantinischen Reichs durch die Osmanen. Von den Rus wurde der Fall von Byzanz als Zeichen für dessen Häresie gesehen, denn kurz vorher hatte sich Byzanz mit Ostrom über eine Kirchenunion verständigt. Nun sahen sich die Rus als letzte Bastion des Christentums.

Religion spielte auch beim Kampf gegen den letzten größeren russischem Gegner eine Rolle: Ab 1569 befand sich die Ukraine unter (katholischer) polnisch-litauischer Herr­schaft11. Nachdem die Unterdrückung der ukrainischen Bevölkerung zunahm und versucht wurde, den orthodoxen Glauben der Ukrainer unter die Herrschaft des Papstes zu stellen, kam es zu Aufständen.

1654 stellte sich die Volksgruppe der ukrainischen Kosaken unter das russische Protekto­rat (Eid von Perejaslaw). Den folgenden Krieg mit Polen-Litauen konnte Russland für sich entscheiden. Damit fiel die Ukraine als Provinz an Russland.

Die Geschichtsschreibung ist natürlich gespalten, denn während ukrainische Historiker die vertragswidrige Verwandlung der Ukraine in eine russische Kolonie beklagen, begrüßt die russische Geschichtsschreibung das Ereignis als »Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland«.

Moderne

Wenige Jahre später betrieb die ukrainische Elite eine erneute Annäherung an Polen, was in Aufstände mündete. Es kam 1667 zur Aufteilung in eine propolnisch orientierte westliche Ukraine und eine prorussisch orientierte östliche Ukraine. Beide Teile ent­wickelten sich zunächst getrennt.

1795 kam die westliche Ukraine vom durch Kriege geschwächten Polen zu Russland, 1796 fasste Russland die zuvor von den Osmanen eroberten Gebiete der heutigen Ukraine zu einer Verwaltungseinheit (Neurussland) zusammen.

Nach der russischen Oktoberrevolution in 1917 etablierte sich die Ukrainische Volksrepu­blik als autonomer Staat innerhalb Sowjetrusslands. 1919 wurde die Ukrainische Sozialis­tische Sowjetrepublik gegründet.

1922 wurde die Ukraine offiziell Teil der neu gegründeten Sowjetunion, in deren Folge es zu einem Genozid kam, der als »Holodomor« in die Geschichte einging. Allein zwischen 1937 und 1939 sind mehr als 4 Millionen Ukrainer hauptsächlich an Hunger, aber auch Tötungen und Misshandlungen gestorben. Insgesamt kamen 6 Millionen Ukrainer um.

Im 2. Weltkrieg besetzte die deutsche Armee die Ukraine. Ca. 2 Millionen Ukrainer wur­den als »Ostarbeiter« nach Deutschland verschleppt, 4 Millionen kamen um, davon 1,5 Millionen Juden. 10 Millionen Ukrainer waren zu Kriegsende obdachlos. Dies nur als Hinweis, welche historische Verantwortung Deutschland heute gegenüber der Ukraine hat!

1947 fügte die Sowjetunion der Ukraine Teile von Rumänien, Ungarn hinzu. Darunter auch die Schlangeninsel, die im Ukraine-Krieg noch eine größere Aufmerksamkeit zuteil wird (siehe das entsprechende Kapitel). Die Krim, welche 2014 von Rußland »zurückgeholt« wurde, war erst 1954 von der Russischen Sowjetrepublik der Ukraine angegliedert worden. Der vom Kreml verbreiteten These, dass die Ukraine ja kein eigenständiger Staat sei, widerspricht allein schon dessen Mitgliedschaft in der UNO. Die Ukraine war 1945 auf Druck von Stalin sogar Gründungsmitglied.

1991 kam es im Zuge der Auflösung der Sowjetunion zur staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine.

Besetzung von Krim und Donbass

Bereits 2008 hatte Putin auf einer Tagung des Nato-Russland-Rates die Behauptung auf­gestellt, dass die Ukraine kein Staat sei12. Der größte Teil des ukrainischen Territoriums sei in den 1950er Jahren ein Geschenk Russlands gewesen. Die Westukraine gehöre zu Osteuropa, während die Ostukraine zu Russland gehöre. Putin drohte, dass Russland im Falle eines Nato-Beitritts der Ukraine die Ostukraine (und die Halbinsel Krim) abtrennen und an Russland angliedern würde. Damit würde die Ukraine aufhören, als Staat zu exis­tieren.

Die Äußerungen Putins und die darauf folgende Politik spiegeln die feste Überzeugung des Kremls wider, dass weder die Ukraine noch irgendein anderer postsowjetischer Staat wirklich souverän sei.

Aufgehetzt durch russische Agitatoren kam es 2014 zu einem politischen und zeitweise bewaffneten Konflikt um die ukrainische Halbinsel Krim. Mit Unterstützung von russi­schen Streitkräften wurde daraufhin die Halbinsel in Russland eingegeliedert.

Der Donbass (genauer: das Donezbecken) hat eine besondere Bedeutung als Industriege­biet und die Kohleförderung. 2014 erlangten durch Intervention paramilitärischer Russi­scher Truppen bewaffnete Kräfte die Kontrolle über einige Stadtverwaltungen13.

In der Folge »gründeten« sich die von Russland unterstützten separatistischen Volks­republiken« Lugansk und Donezk. Zwar konnten die Milizen zunächst durch die Ukraine zurückgedrängt werden, mit dem Eingreifen russischer Truppen kam es aber zum erzwungenen Waffenstillstand von Minsk (sogenanntes Minsker Abkommen).

Annexion der Süd- und Ostukraine

Am 30. September 2022 proklamierte die russische Regierung die Annexion großer Teile der ukrainischen Oblaste (Verwaltungsbezirke) Luhansk, Donezk, Saporischschja und Cherson in die Russische Föderation14. Wie bereits im vorherigen Kapitel erwähnt, waren in Luhansk und Donezk bereits 2014 von prorussischen Separatisten die »Volks­republiken Luhansk« und »Donezk« ausgerufen worden.

Zuvor hatten am 20. September Scheinreferenden in den besetzten Gebieten statt­gefunden, die keinerlei demokratischen Standards entsprachen. So gab es zuvor keinerlei öffentliche Debatten und vielfach kamen gläserne Wahlurnen zum Einsatz. Die geringe Beteiligung der Bevölkerung veranlasste die Besatzungsbehörden zur Aufstellung der Wahluhrnen an viel besuchten Orten und Hauseingängen. Wahlhelfer machten in Begleitung von Soldaten »Hausbesuche«. Die ausgezählten bis zu 99 Prozent Zustimmung zur Annexion sind also auf eine systematischen Wahlverfälschung zurück zuführen.

Bis heute sind die genauen Grenzen der annektierten Regionen unklar, denn kurz nach dem russischen Gebietsanschluss konnte die Ukraine größere Gebiete zurückerobern. Auf die unklaren Grenzen hat die Suchmaschine Yandex, welche in Russland ein ähnliches Monopol wie Google aufweist, bereits im Juni 2022 pragmatisch reagiert: Im Yandex-Kartendienst werden seitdem keine nationalen Grenzen mehr angezeigt...

5. Teil: Lesen Sie hier weiter


  1. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Europe,_administrativedivisions_-_de\-_colored.svg (bear­beitet)

  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Rus_(Volk)

  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Rus

  4. https://de.wikipedia.org/wiki/War%C3%A4ger

  5. https://de.wikipedia.org/wiki/War%C3%A4ger#Kiewer_Rus

  6. https://de.wikipedia.org/wiki/Kiewer_Rus#/media/Datei:Principalities_of_KievanRus\'\(1054-1132).jpg

  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Mongolische_Invasion_der_Rus

  8. https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Russlands#/media/Datei:Muscovy_1390_1525.png

  9. https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Ff%C3%BCrstentum_Moskau

  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Russisch-Orthodoxe_Kirche

  11. https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Perejaslaw

  12. https://www.rferl.org/a/1117479.html

  13. https://de.wikipedia.org/wiki/Donezbecken#Geschichte

  14. https://de.wikipedia.org/wiki/Russische_Annexion_der_S%C3%BCd-_und_Ostukraine