Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen

Kriegsgründe

Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 26. Juni 2022

Für viele von uns erscheint der Ukraine-Krieg als unwirklich und schrecklich dumm. Was hat Putin davon, wenn er das Leben von zehntausenden Soldaten und hohe Materialver­luste risikiert? Dazu kommen noch die Sanktionen der anderen Staaten, welche die russi­sche Wirtschaft um Jahrzehnte zurückwerfen und den Wohlstand der eigenen Bevölke­rung extrem gefährden.

In den folgenden Unterkapiteln stellen wir die Unterschiede zwischen der Ukraine und Russland vor, welche indirekt und direkt als Gründe für den russischen Einmarsch in Fra­ge kommen. Bitte beachten Sie, dass Historiker und Politologen noch Jahrzehnte über die­ses Thema diskutieren werden.

Krieg der Meme

Den Begriff »Meme« kennen Sie vielleicht als Internet-Meme. Internet-Memes sind meis­tens kreative, aus dem Kontext gerissene Fotos, Animationen oder Videos, die mit einem humoristischen oder satirischen Spruch versehen sind. Als Internetnutzer sind Sie viel­leicht schon auf Memes wie Overly attached Girlfriend (»übermäßig anhängliche Freun­din«, Screenshot unten), Grumpy Cat oder Chuck Norris begegnet.

Meme mit dem overly attached Girlfriend

Meme mit dem overly attached Girlfriend (»überanhängliche Freundin«)1.

Hier soll es aber nicht um Internet-Memes, sondern um Memes an sich gehen. Für Sozi­alwissenschaftler sind Memes das Verbreiten kultureller Informationen von Person zu Person bis sie schließlich populär sind. Memes werden in diesem Zusammenhang als »Ideen, Verhaltensweisen, Informationen usw., die sich von Person zu Person inner­halb einer Kultur verbreiten« definiert2. Der Meme-Begriff wurde durch das 1976 erschienene Buch »The Selfish Gene« des Wissenschaftlers Richard Dawkin eingeführt.

Die im Folgenden vorgestellten Thesen stammen vom Historiker Kamil Galeev3. Nur wer die russische Sprache versteht und damit die in Russland publizierten Medien konsumiert, versteht laut Kamil Galeev den Ukraine-Krieg und sieht ihn als unver­meidlich an.

Die Gründe für den Einmarsch sind aus dieser Sicht nicht die von Putin und seinen Scher­gen vorgebrachten Blenderthemen Nato, Sicherheit oder Allianzen. Nein, stattdessen geht es um die Notwendigkeit, falsche kulturelle Meme auszulöschen und korrekte Meme durchzusetzen. Die Ukrainer hätten eine unterlegene Kultur und Geschichte und würden an minderwertigen Memen festhalten. Dabei müssten sie doch einfach nur die überlegenen russischen Meme übernehmen, aber sie weigern sich!

Auf Deutschland übertragen kann man diesen Konflikt der Meme vielleicht mit dem Ge­gensatz zwischen Katholiken und Protestanten im 16. und 17. Jahrhundert vergleichen. Das Ergebnis, der 30-jährige Krieg, war ja bekanntlich desaströs.

Aus dem kulturellen Kontext heraus lässt sich somit auch die Invasion verstehen: Der Kreml plante keinen Krieg, sondern die »Befreiung« der Ukraine, ihre Rettung durch die Durchsetzung der richtigen Meme. Nach Ansicht des Kreml ist die Ukraine ein Land mit minderwertigen Russen, die von »Nazis« kontrolliert werden. Bei den Ukrainern gebe es aber den Wunsch, die Farce der »Ukraine« aufzugeben und normal, also russisch, zu wer­den.

Natürlich ging die »kleine russische Militäroperation« nach hinten los, denn schockieren­derweise waren die Ukrainer undankbar und weigerten sich »normal« zu werden. Dies er­klärt auch die schnelle Gewalteskalation durch das russische Militär.

Bedeutung der russischen Sprache

Eine gemeinsame Sprache einigt Völker, aber transportiert auch Ideologien und damit Meme -- in positiver wie negativer Weise. Das trifft auch auf die russische Sprache zu.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte die Religion und die zur Glaubensverkündigung ge­nutzte liturgische Sprache riesigen Einfluss. In Westeuropa wurde in Latein gepredigt, im Osten Europas dagegen kam das Altkirchenslawische zum Einsatz.

Vermutlich ist das Altkirchenslawisch bulgarischen Ursprungs. Es war die Sprache der Kirchenbücher und Gottesdienste in ganz Osteuropa, einschließlich des heutigen Bulgari­ens, Rumäniens, Moldawiens, der Ukraine, Belarus (Weißrussland) und Russlands. In allen aufgeführten Ländern war diese Kirchensprache für das gemeine Volk weitgehend unverständlich, selbst in Bulgarien, wo sie entstanden sein soll.

Landes- und Herrschergrenzen waren lange Zeit fließend, weshalb sich die russische Iden­tität im Mittelalter nicht an Volksstämmen oder Gebieten festmachte, sondern an der Existenz einer osteuropäischen geistlichen christlich-orthodoxen Gemeinschaft, die auf dem Altkirchenslawischen aufbaute. In Westeuropa lief es ja ähnlich mit dem Latein als Kirchensprache. Wenn man also von »russisch« im mittelalterlichen Russland spricht, dann ist nicht die Ethnie, sondern die Religion gemeint.

Die im heutigen Russland gerne aus ideologischen Gründen praktizierte Gleichsetzung vormoderner heiliger Gemeinschaften mit modernen Nationen oder Völkern ist deshalb irreführend. Denn im modernen Russland bezieht sich das Wort »Russisch« auf eine Nati­on. Im mittelalterlichen Russland auf die heilige Gemeinschaft, die über ethnische Gren­zen hinweg agiert.

Chroniken aus dem 14. Jahrhundert orientierten sich an Verbreitung der liturgischen Spra­che und listeten daher neben Moskau auch einige »russische« Städte und Regionen auf, die wir heute niemals mit dem Russischsein identifizieren würden, beispielsweise Litau­en, Bulgarien oder Kiew. Interessanterweise wird Moskau und das heutige heutige Zen­tralrussland dort als Zalesye (»hinter dem Wald«) aufgeführt. Moskau wurde offenbar als neu kolonisiertes Gebiet in den Wäldern des Nordens betrachtet und nicht als Zentrum der »russischen« Welt. Etwas gemein wäre in diesem Zusammenhang der Gedanke, dass im modernen Moskau erneut die »Hinterwäldler« die Oberhand haben!

Die effektive Verwaltung und gesellschaftliche Weiterentwicklung in einem modernen Nationalstaat ist nur mit einer einheitlichen Sprache möglich. Man wählt also eine Spra­che aus und setzt sie gegen alle anderen Dialekte durch. Von oben diktiert konnte sich so beispielsweise in Deutschland das heutige Hochdeutsch gegen andere Dialekte durchset­zen.

In Russland gab es dagegen bis Anfang des 19. Jahrhunderts keine einheitliche slawische Sprache und in der Oberschicht wurde sogar Französisch gesprochen. Nach dem Einfall Napoleons in Russland stellte man sich natürlich die Frage, ob man denn untereinander unbedingt die Sprache des Feindes nutzen sollte. Der Bedarf an einer einheitlichen russi­schen Sprache wurde überdeutlich.

Alexander Puschkin

Wie erwähnt, kam das liturgische Kirchenslawisch trotz seiner Verbreitung als einheitli­che Umgangssprache mangels Verständlichkeit nicht in Frage, denn genauso gut hätte das russische Volk eine andere Sprache neu lernen können. Die Literatur jener Zeit war noch sehr uneinheitlich, den Schreibern war gemein, dass sie sich unterschiedlich intensiv aus dem Kirchenslawischen oder aus europäischen Sprachen bedienten.

Abhilfe schaffte erst Alexander Puschkin (1799-1837), der heute in Russland noch vor den im Ausland bekannteren Autoren Tolstoi, Dostojewski, Gogol oder Pasternak als der Nationaldichter gilt. Leider dürfte in Deutschland vielen »Puschkin« nur als Wodka aus dem Getränkeregal im Edeka bekannt sein.

Ironischerweise hatte Puschkin oft Ärger mit den Behörden, da er sich in Spottgedichten über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens lustig gemacht und in einem Brief wohl­wollend über den Atheismus geäußert hatte. Er lebte daher einige Zeit in Verbannung und seine Werke wurden zuletzt vom russischen Zaren höchstpersönlich zensiert. Geht man nach elf dokumentierten Duellen, von denen das letzte für ihn tödlich war, so dürfte Puschkin ein ziemlich cholerisches Naturell gehabt haben4 Die von der heutigen russischen Führung verbreiteten rassistischen Botschaften erscheinen umso komischer, wenn man bedenkt, dass Puschkins Urgroßvater ursprünglich ein afrikanischer Sklave war...

Im Gegensatz zu anderen Dichtern seiner Zeit verzichtete Puschkin vollständig auf die Verwendung des alten Kirchenslawisch beziehungsweise setzte es nur gezielt ein, wenn er in seinen Texten eine archaische Wirkung erzielen wollte.

Puschkin kann man als harten Nationalisten einordnen. Während des polnischen Auf­standes von 1830 schrieb er:

»Wir können die Polen nur bemitleiden. Wir sind zu stark, um sie zu hassen, und dieser Krieg wird ein Vernichtungskrieg sein, oder er sollte es zumindest sein... Die Polen sollten erwürgt werden...«.

Auch die Völkermorde des Kaukasuskrieges feierte er mit einem Hassgedicht:

»Wohin du auch gingst wie ein Sturm. Dein Vormarsch wie eine schwarze Plage, Zerstörte, vernichtete die Stämme«

Puschkin sah die russische imperiale Identität als seine eigene Identität und feierte den russischen Militarismus. Angesichts dessen, dass Puschkin im lesesüchtigen Russland eine überragende Bedeutung hat und die russische Sprache geprägt hat, ist sein Einfluss auf das moderne russische Meme nicht zu unterschätzen.

Taras Schewtschenko

Das Ukrainische hatte sich gemeinsam mit dem Belarussischem (weißrussischem) aus dem Ruthenischen, einer ostlawischen Sprache, entwickelt. Ruthenisch wurde vom 14. bis ins 18. Jahrhundert im Großfürstentum Litauen bzw. in Polen-Litauen verwendet. Weil sich das heutige Gebiet der Ukraine in dessen Einflussbereich befand, wurde die Sprache von der Bevölkerung übernommen.

Von den Russen, die seit Ende des 18. Jahrhunderts teilweise und dann später ganz über die Ukraine herrschten, wurde das Ukrainische als primitiver russischer Dialekt angese­hen. Von 1876 bis 1906 waren ukrainischsprachige Publikationen sogar verboten, da man separatistische Bestrebungen befürchtete. Das ukrainische literarische Leben verlagerte sich darauf hin für einige Zeit in die Westukraine und nach Südpolen (Galizien).

Der ukrainische Wortschatz hat mit den anderen slawischen Sprachen aufgrund der späten Abspaltung viele Übereinstimmungen: Polnisch (zu 70 %), Slowakisch (zu 68 %) und Russisch (zu 62 %). Auch wenn es deshalb scheint, dass sich Russen und Ukrainer kaum verständlich machen können, darf man aber nicht vergessen, dass viele Ukrainer zwei­sprachig aufwachsen. Darüber hinaus haben im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche russi­sche Lehnworte ihren Eingang ins Ukrainische gefunden.

Was Puschkin für die Russen, ist Taras Schewtschenko (1814-1861) für die Ukrainer. Schewtschenko war in einem bäuerlichen Umfeld aufgewachsen. Er galt schon zu Lebzei­ten als Begründer der modernen ukrainische Literatur. Seine Schriften trugen wesentlich zum Wachstum des ukrainischen Nationalbewusstseins, des ukrainischen Meme, bei. Wie Puschkin war auch Schewtschenko von Zensur und Verbannung betroffen, aber nicht weil er sich mit Autoritätspersonen anlegte, sondern wegen seiner als revolutionär eingestuften Publikationen, die auf einem eigenen ukrainischen Nationalstaat abzielten.

Schewtschenko verhöhnte seinen Dichterkollegen Puschkin gnadenlos, denn für einen Träger ukrainischer kultureller Meme war der russische Meme böse und verachtenswert.

Was Ukrainer und Russen unterscheidet

Anhand des Russen Puschkin und des Ukrainers Schewtschenko lassen sich sehr gut die Unterschiede zwischen Russen und Ukrainern herausarbeiten!

Während Puschkin den russischen Militarismus feierte, kritisierte Schewtschenko ihn. Schewtschenko sympathisierte mit den Kämpfern gegen die russische Eroberung, beklag­te das menschliche Elend und die Verluste der russischen Wehrpflichtigen. Für den Rus­sen Puschkin spielte das menschliche Elend keine Rolle, während es für den Ukrainer Schewtschenko von großer Bedeutung war.

Auf dem ersten Blick würde man annehmen, dass die politischen Positionen von Schewt­schenko durch dessen Zugehörigkeit zu einer besiegten und unterdrückten Kultur geprägt waren. Laut dem Historiker Kamil Galeev sind, wie nachfolgend dargelegt, die Unter­schiede aber viel größer und geschichtlich bedingt.

Die Integration der Ukraine in Russland fand erst im späten 18. Jahrhundert statt. So konnten sich die russischen und ukrainischen Meme unterschiedlich entwickeln. In Russ­land und der Ukraine gibt es ein unterschiedliches Verständnis für persönliche Handlungsfähigkeit, Würde und kollektivem Verhalten. Während in Russland über die Jahrhunderte jegliche Form von persönlichem Handeln, kollektiver Aktion und politi­scher Partizipation ausgerottet wurden, hatte der Staat in der Ukraine dafür weniger Zeit. Auf diesen Aspekt gehen wir noch genauer im Kapitel Was Ukrainer und Russen unterscheidet ein.

Der russische Staat hält sich deshalb nicht an Verträge, denn dies wäre eine Be­schränkung für den Herrscher, der immer bedingungslose Macht anstrebt. Schon bei der Vereinigung des ukrainischen Ständestaats mit Russland im 17. Jahrhundert zeigte Russland sein wahres Gesicht. Forderungen, dass der russische Zar einen Eid ablege, Rechte und Privilegien der Ukrainer zu wahren, lehnte dieser ab. An Bedingungen geknüpfte Macht war für Moskau nicht akzeptabel. Das zeigt sich ja aktuell auch bei Putin und seinen Schergen. So gab die Ukraine in den 1990er Jahren seine noch zu Sowjetzeiten aufgestellten Atomwaffen gegen eine Sicherheitsgarantie durch Russland und die USA ab (Budapester Abkommen). Das war aber kein Hindernis für Putin in der Ukraine einzumarschieren.

Ein weiterer Aspekt ist die Religion. Bis zum 20. Jahrhundert konsumierten die meisten Menschen keine kulturellen Werte, außer die von Priestern bereit gestellten. Die Kirche selektierte die zu verbreitenden Inhalte und hatte deshalb einen immensen Einfluss, ähn­lich wie heute soziale Netzwerke (Facebook, TikTok, Instagram usw.).

Priester wurden in der Ukraine gewählt und ihr Handeln kontrolliert. Die Priesterwahlen waren für die Menschen ein kultureller Höhepunkt, der dazu führte, dass man sich in Poli­tik und den damit verbundenen Kampagnen und Abstimmungen übte. In Russland wur­de dagegen jede Form persönlichem Handelns, kollektiver Aktion und politischer Partizipation ausgerottet. Dort konnte nie irgendeine Form der Demokratie oder des Ge­meinwesens wachsen.

Der russische Staat hat auch die Idee der Menschenwürde zerstört. Das russische Volk hat keine eigene Würde, sondern zieht sie aus der Zugehörigkeit, oder genauer Un­terwerfung, unter das Imperium. So lassen sich auch diese Gedichtzeilen des im Kapitel Alexander Puschkin vorgestellten Nationaldichters verstehen:

»Unterwerft euch, Tscherken! Sowohl Westen als auch Osten, werden bald euer Schicksal teilen, Wenn die Zeit kommt, wirst du arrogant rufen: Ja, ich bin ein Sklave, aber ein Sklave des Zaren der Welt!«

Kollektivismus und Individualismus

Im Kapitel Krieg der Meme sind wir auf die gravierenden kulturellen Gegensätze von Ukrainern und Russen eingegangen. Die Ukrainerin Marina Starodubska von der Kyiv-Mohyla Business School bestätigt mit Ihrer Analyse die zuvor aufgeführten gesellschaftli­chen Unterschiede5 beider Nationen.

Hinweis: Dieses Kapitel ist sehr anspruchsvoll. Sie können es gerne überlesen, da es nur der sozialwissenschaftlichen Würdigung der zuvor vorgestellten Thesen dient.

Begriffsbestimmung

Unter Kollektivismus wird ein System von Werten und Normen verstanden, in dem das Wohlergehen des Kollektivs die höchste Priorität einnimmt. Die Interessen des Individu­ums werden denen der im Kollektiv organisierten sozialen Gruppe untergeordnet. Das Kollektiv kann jede Art von Gemeinschaft, also eine Schulklasse, eine Armee oder ein Volk sein. In einem Kollektiv wird Wert auf Gemeinschaft, Solidarität oder Freundschaft gelegt. Im Gegensatz dazu steht der Individualismus, wo der Einzelne im Vordergrund steht6.

Im Kollektivismus wird weiterhin zwischen horizontalem Kollektivismus (bezeichnet die Gleichheit aller Gruppenmitglieder) und vertikalem Kollektivismus (einige Mitglie­der einer Gruppe haben einen höheren Status, Gruppenziele haben Priorität gegenüber in­dividuellen Ansprüchen). Politische Ideologien des Kollektivismus sind unter anderem Kommunismus, Sozialismus und Nationalismus.

## Kollektivismus und Individualismus

Status

Ukraine: Die Ukrainer sind einerseits auf individuellen Statuserwerb fokusiert, anderseits besteht die Bereitschaft, die eigenen Interessen zugunsten der Gruppeninteressen zu op­fern. Bei dieser Form des Kollektivismus sind die Mitglieder anderer Gruppen, die für den Einzelnen irrelevant sind, »Out-Groups« aber nicht unbedingt »Feinde«.

Russland: Russen versuchen in ihrer Gruppe niedriger stehende Mitglieder zu dominie­ren -- bis hin zu Zwang und Gewalt. Individualismus kann sich nur ein in der Hierachie höher Stehender erlauben, der sich gegen die anderen seiner Gruppe durchgesetzt hat. In einer solchen Kultur ist die Aufopferung der Mitglieder für die Gruppe die Norm. Andere Gruppen, die nicht relevant sind für die eigene, werden häufig als »Feinde« wahrgenom­men.

Institutionen

Ukraine: Weil die Institutionen (damit sind Behörden, Verwaltung, Polizei usw. ge­meint) in der Ukraine immer schon schwach waren, spielen informelle Verbindungen eine große Rolle. Wer jemanden kennt, der eine benötigte Dienstleistung oder Ware anbietet, ist von Vorteil. Außenstehende werden langsamer bedient. Der horizontale Individualis­mus in der Ukraine ist daher gering ausgeprägt. Dazu kommt ein traditionell großes Miss­trauen gegenüber staatlichen Stellen.

Russland: Das Land eine lange Tradition als autoritärer Staat mit eher gering ausgepräg­tem horizontalen Individualismus. Dadurch sind der Wille und die Fähigkeit des Einzel­nen, bewusst Entscheidungen zu treffen, eher gering. Der Einzelne orientiert sich an den Vorgaben der Hierachie über ihm und muss zudem immer strafende Institutionen befürch­ten.

Horizontaler Kollektivismus

Urkaine: Der horizontale Kollektivismus war in der Vergangenheit nur schwach ausge­prägt. Gründe sind, wie bereits oben erwähnt, die große Machtdistanz, die konservative orthodoxe Religion und die hohe Unsicherheitsvermeidung. Die wechselvolle Geschichte ohne dauerhafte autoritäre Herrschaft und Landesgrenzen beförderten den Individualis­mus. Deshalb spielt individuelle Freiheit in den ukrainischen Gesellschaftsgruppen eine große Rolle. Es gab niemals einen automatischen Gehorsam gegenüber Autoritäten, was sich in der Vergangenheit in Absetzung von inkompetenten Anführern bemerkbar machte.

Unter dem Druck des Kriegs könnten sich Überzeugungen und Werte in der Ukraine in Richtung eines horizontalen Kollektivismus bewegen. Zumindest ist der derzeitige Zu­sammenhalt in der Gesellschaft so beispiellos, dass sich möglicherweise die Wertevorstel­lungen dauerhaft ändern.

Russland: Im ausgesprochen vertikal kollektivistischen Russland macht sich das jahrhun­dertlange Erbe autoritärer Regime deutlich bemerkbar. Jedes autonome und verantwor­tungsvolle Handeln ist eingeschränkt oder wird bestraft. Es existiert darüber hinaus das Bedürfnis nach einem »Zaren«, dem man blind folgen kann.

Autonomie ist eines der menschlichen Grundbedürfnisse, sodass dessen Unterdrückung bei den Russen ein tiefes Trauma auf individueller und gesellschaftlicher Ebene erzeugt. Man kann auch von »erlernter Hilflosigkeit« des Bevölkerung gegenüber den korrupten und unmenschlichen Handlungen der Herrschenden sprechen. Deshalb glaubt die russi­sche Bevölkerung auch dem Mantra »Es handelt sich nicht um einen Krieg, sondern um einen Sondereinsatz« -- schließlich wurde die Bevölkerung seit Jahrhunderten darauf kon­ditioniert, dass es die Höheren besser wissen.

Ukrainer als Neonazis

Präsident Putin hat zum Start des Ukraine-Kriegs am 24. Februar 2022 eine Ansprache gehalten7 8, aus der wir hier einen kleinen Ausschnitt zitieren (eigene Übersetzung).

»In diesem Zusammenhang habe ich gemäß Teil 7 Artikel 51 der Charta der Ver­einten Nationen, mit Zustimmung des russischen Föderationsrates und in Überein­stimmung mit den von der Föderalen Versammlung am 22. Februar dieses Jahres ratifizierten Verträgen über Freundschaft und gegenseitigen Beistand mit den Volksrepubliken Donezk und Luhansk beschlossen, eine besondere militärische Operation durchzuführen.

Ihr Ziel ist es, die Menschen zu schützen, die seit acht Jahren von dem Kiewer Re­gime misshandelt und ermordet werden. Und zu diesem Zweck werden wir uns be­mühen, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren und diejenigen vor Gericht zu stellen, die zahlreiche blutige Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung, einschließlich der Bürger der Russischen Föderation, begangen haben.«

Der »Nazi«-Charakter der ukrainischen Staatlichkeit und Identität ist nach Ansicht des Historikers Kamil Galeev9 schon lange eine zentrale These der russischen Propaganda. Natürlich müssen die Nazis nach Ansicht Putins eliminiert werden.

Um zu verstehen, warum Putin als Kriegsgrund zur Nazi-Argumentation greift, muss man viele Jahrzehnte zurückgehen...

Bis in die 1960er Jahre wurde der Aufbau des Kommunismus als sowjetisches Staatsziel ausgerufen. Chruschtschow gab sogar 1960 mit dem Jahr 1980 eine konkrete Frist für das Erreichen des »irdischen Himmels des Kommunismus« an. Allerdings wurde Chruscht­schow 1964 von Breschnew abgelöst, der die Agenda zum Aufbau des Kommunismus aufgab.

Der Kreml musste nun eine andere Legitimierung für die staatliche Herrschaft finden. Breschnew änderte das Narrativ von der Zukunft in die Vergangenheit:

»Uns gibt es, weil wir den zweiten Weltkrieg gewonnen und die Menschheit vor den Nazis gerettet haben. Wenn wir schon nicht in eine strahlende Zukunft marschieren, dann reden wir lieber über die großen Erfolge der Ver­gangenheit!«

Breschnew war es auch, der die Siegesmärsche am 9. Mai auf dem Roten Platz in Moskau einführte.

Geschichte wiederholt sich! Nach dem Untergang der Sowjetunion behauptete der Kreml, dass Russland eine glänzende Zukunft bevorstehe, aber in den 2000er Jahren wurde das unglaubwürdig. Putin verlegte daher seine Legitimität wieder in die Vergangenheit. Her­aus gekommen ist geschichtsverfälschender Unsinn, der »Putinismus«: Kombiniert wur­den darin Elemente des Stalinismus, des russisch-orthodoxen Klerikalismus und des rus­sischen Ethnonationalismus.

Der Putinismus führte in Russland zu einer rückwirkenden Änderung der Geschichts­schreibung: Dazu muss man wissen, dass Stalin nach dem ersten Weltkrieg Deutschland massiv unterstützte, damit es gegen die Allierten kämpfen würde. Die Sowjets ver­bündeten sich also de facto mit Hitler, um Osteuropa zu teilen. Ziel von Stalin war wohl, nach einem Krieg ohne großen Aufwand die eigene Einflusssphähre zu vergrößern. Im Laufe des zweiten Weltkriegs änderte sich das Narrativ erneut. Nun war die Sowjetunion plötzlich friedlich und antinazistisch.

Seitdem greifen der Kreml und seine Unterstützer regelmäßig gegen »Feinde« auf die An­ti-Nazismus-Keule zurück. Das bekommt beispielsweise auch der Ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zu spüren, der in einer jüdischen Familie zur Welt kam und vom russischen Außenminister ausgerechnet mit Hitler gleichgesetzt wurde10.

Interessant ist eine Analyse von fast acht Millionen Artikeln über die Ukraine, die seit 2014 auf mehr als 8.000 russischen Websites erschienen sind. Im untersuchten Zeitraum von acht Jahren erschienen relativ wenige Texte, die einen Zusammenhang zwischen der Ukraine und Nationalsozialismus herstellten. Das änderte sich mit dem Kriegsausbruch am 24. Februar11. Statt etwa 100 Artikel über das Nazi-Thema erschienen zeitweise jeden Tag mehrere Tausend. Das Narrativ des Kreml hatte sich am 24. Februar geändert und die willfährigen Medien folgten.

Die Taktik des Kreml funktioniert, denn 74 Prozent der Bevölkerung stimmte im Mai 2022 dem Krieg zu12. Allerdings machen die Ukrainer dem Kreml die Propaganda mit ihrer eigenen Geschichte sehr einfach, denn im zweiten Weltkrieg hatten viele Ukrainer mit Nazi-Deutschland zusamengearbeitet. Auch das Azov-Battalion, das seine Wurzeln in ultra-nationalistischen Gruppen hat, ist ein willkommenes Ziel für den Kreml.

Innenpolitische Kriegsgründe

Alle Regierungen berücksichtigen bei Ihren außenpolitischen Entscheidungen die Mehr­heitsmeinung ihrer Bevölkerung. In weniger demokratisch ausgebildeten Gesellschaften wie der von Russland spielt ebenfalls Innenpolitik bei außenpolitischen Entscheidungen eine Rolle -- nur dass es hier mehr Manipulationsmöglichkeiten gibt, beispielsweise über Kampagnen in den »gelenkten« Medien oder eben Kriege.

Machterhalt

1992 löste sich die Sowjetunion auf und die ehemaligen Sowjetrepubliken wurden selbst­ständig, darunter auch Russland mit Boris Jelzin als Staatspräsidenten.

Jelzin ernannte 1999 den Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten. Damit hatte Putin zwar große Macht, musste sich aber Wahlen stel­len. In der Bevölkerung kannten ihn allerdings nur die wenigsten.

Nur kurze Zeit später kam es zu Bombenanschlägen in Moskau und anderen Städten, bei denen mehr als 300 Menschen starben. Putin beschuldigte tschetschenische Terroristen für diese Anschläge und marschierte in die separatistische Region ein. Mit dem Sieg gegen diesen Gegner baute er sein Image als siegreicher Militärführer auf und errang einen glänzenden Wahlsieg, denn Russen lieben natürlich Siege!

Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die Anschläge nicht von Terroristen, sondern vom russischen Geheimdienst selbst »inszeniert« wurden. So fand die Polizei im Keller eines Mehrfamilienhauses in der Stadt Rjasan nach Anwohnerhinweisen Sprengstoff mit Zündern. Zwei Verdächtige wurden auch schnell verhaftet, mussten aber auf Intervention des Geheimdienstes FSB wieder freigelassen werden -- es handelte sich um FSB-Beamte. Geschickt wurde der Vorfall von den Behörden als Terrortraining umgedeutet und beim Sprengstoff handele es sich nur um Zucker. Während dessen führte das russische Militär bereits die Bombadierung der tschetschenischen Gebiete durch.

In den 2010er Jahren sank Putins Populärität langsam wieder. Nach den manipulierten Wahlen in 2011 kam es sogar zu Straßenprotesten. Um seine Beliebtheit zu steigern, griff Putin in der Ukraine am 24. Februar 2022 mit dem Einmarsch in die Ukraine einfach auf die zuvor erprobten Methoden zurück.

Ukraine als schlechtes Beispiel

Die Ukraine und Russland sind durch eine lange Geschichte verbunden. Viele Ukrainer sind zweisprachig aufgewachsen und haben freundschaftliche und famililäre Verbindun­gen nach Russland. Deshalb wird die gesellschaftliche Entwicklung des »Bruderstaats« von den Russen genau beobachtet.

Eine demokratische und wirtschaftlich erfolgreiche Ukraine, die zum Vorbild werden könnte, ist Putin und seinen Schergen ein Dorn im Auge. Trotz der Eroberung des Don­bass, die eine Aufnahme der Ukraine in die EU oder Nato verhinderte, zeigte die Ukraine in 2021 ein gesundes Wirtschaftswachstum des BIP von 3,4 Prozent13. Die Beziehungen zur EU waren überdies gut.

Der russische Angriffskrieg seit dem 24. Februar 2022, bei der gezielt die Infrastruktur zerstört und Häfen blockiert werden, soll die Ukraine deshalb wirtschaftlich vernichten. Für 2022 erwartet die Ukraine einen Rückgang des BIP von ca. 35 Prozent. Allerdings sieht es für Russland noch schlimmer aus, wo Wirtschaftsexperten schon von einer »Im­plosion« sprechen14.

4. Teil: Lesen Sie hier weiter


  1. https://internetzkidz.de/2015/05/11-internet-memes-die-ihr-kennen-solltet

  2. https://www.advidera.com/glossar/meme

  3. https://twitter.com/kamilkazani/status/1516159652546822146

  4. https://www.br-klassik.de/themen/klassik-entdecken/was-heute-geschah-alexander-puschkin-geboren-100.html

  5. https://www.pravda.com.ua/eng/columns/2022/03/27/7334943/

  6. Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektivismus

  7. http://kremlin.ru/events/president/news/67843 (in russisch)

  8. https://zeitschrift-osteuropa.de/blog/vladimir-putin-ansprache-am-fruehen-morgen-des-24.2.2022/ (deutsch)

  9. https://twitter.com/kamilkazani/status/1497306746330697738

  10. https://www.rnd.de/politik/lawrow-vergleicht-selenskyj-mit-hitler-die-eifrigsten-antisemiten-sind-in-der-regel-juden-ONRCNMYJOI65226WUC66LGJAC4.html

  11. https://www.nytimes.com/interactive/2022/07/02/world/europe/ukraine-nazis-russia-media.html

  12. https://www.levada.ru/en/2022/05/18/the-conflict-with-ukraine-and-responsibility-for-the-deaths-of-civilians/

  13. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/232410/umfrage/wachstum-des-bruttoinlandsprodukts-bip-in-der-ukraine/

  14. https://www.n-tv.de/wirtschaft/Fuer-Russlands-Wirtschaft-sieht-es-duester-aus-article23368500.html