Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen
Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 26. Juni 2022
Auch für politisch Unbedarfte, die Nachrichten nur in homöopathische Dosen konsumieren, ist klar, dass für den Kreml in der Ukraine etwas heftig falsch läuft. Die Gründe dafür sind vielfältig und haben nicht nur mit der heftigen ukrainischen Gegenwehr oder Waffenlieferungen der Verbündeten, sondern auch mit den Schwächen der russischen Armee zu tun.
Der ehemalige US-Generalleutnant Mark Hertling hat im Laufe seiner militärischen Karriere die russische und ukrainische Seite genauer studieren können1.
1994 besichtigte Mark Hertling mit einer amerikanischen Delegation russische Kasernen in der Nähe von Moskau. Die Lebensbedingungen der Soldaten waren spartanisch, mit 20 Betten in einem großen Raum, das Essen in der Messe schrecklich. Von den Amerikanern beigewohnte »Ausbildungen und Übungen« verbesserten keine Fertigkeiten, sondern erschienen als kreativlose Wiedergabe von auswendig Gelerntem.
»Am Ende des Besuchs bat uns unser Kollege vom Außenministerium, unsere Beobachtungen zu notieren und uns dabei auf das zu konzentrieren, was uns in Bezug auf Führung, Ausrüstung, Ausbildung, Einrichtungen und Fähigkeiten aufgefallen war. Ich erinnere mich, dass ich sagte, die russische Armee sei "all show and no go" (außen hui, innen pfui).«
Mark Hertling zweifelte schon damals daran, dass die russische Armee der Riese war, für den die USA ihn hielten.
2004 lernte Mark Hertling die Ukrainische Armee während einer Kampftour im Irak kennen. Im Einsatzgebiet einer ukrainischen Einheit in Al-Kut herrschte Chaos. Die ukrainischen Soldaten waren undiszipliniert und schlecht ausgebildet, ihre Kampffahrzeuge waren schlecht gewartet, Offiziere und Unteroffiziere schienen korrupt zu sein.
Einige Zeit später begleitete Mark Hertling den Generaloberst Aleksandr Streitsov, Befehlshaber der russischen Bodentruppen, bei einem Besichtigungsprogramm der US-Einrichtungen in Deutschland. Dabei kam es zu einem ungewöhnlichem Zusammentreffen: Der russische Generaloberst unterhielt sich 2 Stunden mit dem deutschen Zivilisten, der den Armeeladen in einer Kaserne führte und war überrascht über die freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen deutschen Arbeitskräften und amerikanischen Soldaten.
Zum Ende seines Besuchs fragte der russische Generaloberst, was zum Ausbildungserfolg der amerikanischen Soldaten beitrüge, worauf Mark Hertling auf die sieben Armeewerte Loyalität, Pflicht, Respekt, selbstlosen Dienst, Ehre, Integrität und Mut hinwies. Auch die ständige Führungsausbildung und das gute Beispiel der Kommandeure und Unteroffiziere spielten seiner Ansicht nach eine Rolle. Der russische Generaloberst überlegte laut »Ich frage mich, ob wir diese Art von Kultur in der russischen Armee schaffen könnten?«.
Beim Gegenbesuch Mark Hertlings in Russland zeigte sich, dass Geheimdienstberichte über abgenommene russische Fähigkeiten zutrafen. In der Ausbildung befindliche Einheiten spulten ohne wirklichen Mehrwert ihr Programm ab und alle Waffen -- Infanterie, Panzer, Artillerie, Luftstreitkräfte und Nachschub -- wurden getrennt ausgebildet.
Im Gegensatz zu den Russen konnten die Ukrainer ihre Armee auf eine höhere Stufe bringen. Seit Anfang der 1990er Jahre bestehende Kontakte mit der US-Armee nutzten die Ukrainer konsequent zur Weiterbildung. Beispielsweise besuchten ukrainische Offiziere ein »Mini-War-College« der US-Armee in Süddeutschland.
Die USA unterstützten ein ukrainisches Ausbildungszentrum in der Ukraine und ab 2014 wurde das Joint Multinational Training Group - Ukraine (JMTG-U) in Süddeutschland eingerichtet2, welches bis heute besteht. Ein multinationales Team aus Amerikanern, Polen, Kanadiern, Litauern und Briten trainiert ukrainische Bataillone in der kombinierten Kriegsführung.
Geplant hatte der Kreml mit seinem Einmarsch in die Ukraine eine blitzkriegartige Aktion, bei der die ukrainische Führung entfernt und durch ein Puppenregime ersetzt werden sollte. Die Ukrainer waren aber vorbereitet und zogen die Russen in einen unerwartet langen Konflikt3.
Ein Blitzkrieg ist in Staffeln organisiert. Während sich die erste Staffel möglichst schnell nach vorne bewegt, bleiben viele Feinde im Hinterland zurück. Dann kommen aber weitere Staffeln, welche die Verteidiger erledigen, das Gebiet besetzen und für die Sicherheit der Nachschublinien sorgen. Es gab bei den Russen aber nur eine Staffel, weil es sich ja um eine kurze »Spezialoperation« handelte und kein vollwertiger Krieg geplant war...
Bis zum Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 hatte Putin immer nur begrenzte Spezialoperationen durchgeführt, vor allem um seine Popularität zu steigern. Unter dem Vorwand des Anti-Terrorkampfs wurden kleinere Gegner, beispielsweise Tschetschenien mit seinen 1,2 Millionen Einwohnern4, angegriffen. Die Gegner waren zudem schlecht ausgebildet und bewaffnet.
Die Ukraine mit seinen 44 Millionen Einwohnern ist aber eine ganz andere Hausnummer. Man muss sich deshalb wirklich fragen, was sich Putin bei seiner Aktion gedacht hat -- offenbar ging er davon aus, dass seine Truppen mit Blumen empfangen würden!
Im Jahr 2014 wurde die ukrainische Streitmacht im Donbass noch im Handstreich durch russische Truppen besiegt. Genau genommen hat es Putin dann aber »versaut«, denn er hätte die Gelegenheit für einen vollständigen Sieg über die Ukraine nutzen müssen. Er dachte, er würde dazu jederzeit später die Gelegenheit haben. Eine wichtige Rolle für das spätere russische Scheitern beim Ukraine-Krieg spielt auch der Maidan von 2014 (siehe Kapitel Der Euromaidan).
Die ukrainische Niederlage schwächte das etablierte Machtgefüge. Jetzt gewannen dort Gruppen an Einfluss, welche die Modernsierung der Armee vorantrieben. Deren Zustand war absolut desaströs. Laut dem ukrainischen Verteidigungsminister waren 2014 nur 5.000 einsatzfähige Soldaten vorhanden, während auf dem Papier 125.000 standen. Fast alle Fahrzeuge und die Munition der Ukrainer waren über 25 Jahre alt und stammten noch aus sowjetischen Beständen. 99 Prozent aller Raketen und Granaten funktionierten nicht.
Natürlich waren auch die alten sowjetischen Funkgeräte unbrauchbar. Ukrainische Soldaten mussten per SMS miteinander kommunizieren und warfen ihre Handys in die Luft, in der Hoffnung, dass sie vielleicht in einigen Metern Höhe Empfang hatten.
Eine im Kampf erfolgreiche Armee benötigt Training. Deshalb wurden in den letzten Jahren sechs Mal ukrainische Männer einberufen und in das Konfliktgebiet des Donbass geschickt, wo sie Kampferfahrung sammelten. Anschließend kehrten die Männer wieder ins Zivilleben zurück. Dadurch stehen jetzt mehr als 400.000 erfahrene Veteranen in der Ukraine zur Verfügung.
Die Russen haben, wie oben erwähnt, bisher nur Spezialoperationen mit wenig Personaleinsatz durchgeführt. Zudem sind dabei die geschätzt 2.000 bis 3.000 eingesetzten Soldaten immer nur aus einer Position der Stärke aufgetreten. Wenn man den Gegner immer aus der Ferne mit Artillerie und Bombenabwurf vernichtet, kann man nun mal keine Kampferfahrung sammeln. Bei den ukrainischen Soldaten, die gegen einen übermächtigen Gegner antraten, war das anders.
Neben der regulären Armee hat die Ukraine die sogenannte Territorialverteidigung ins Leben gerufen5. Laut Präsidentendekret vom Februar 2022 soll diese einmal 2 Millionen Soldaten umfassen. Es handelt sich um Zivilisten, die eine kurze militärische Ausbildung erhalten und schnell mobilisiert werden können, um in ihrer eigenen Stadt oder Region zu kämpfen.
Eine »Internationale Legion der Territorialverteidigung der Ukraine« als Bestandteil der Territorialverteidigung bietet Ausländern die Möglichkeit, bezahlt an den Kämpfen teilzunehmen6. Es gibt Hinweise, dass in der Truppe auch Berufssöldner dienen. Geht man nach den Erfahrungen ehemaliger Mitglieder, so ist die Organisation allerdings chaotisch und die Truppe im Einsatz ineffizient.
Was folgern wir aus den obigen Ausführungen? Die Ukraine konnte davon ausgehen, dass Russland keinen Blitzkrieg mit mehreren Angriffsstaffeln führen würde. Zum zweiten erwarteten der Kreml und alle ausländischen Beobachter einen schnellen Sieg der russischen Armee.
Was passierte: Die russischen Truppen stießen vor, konnten dabei aber nicht alle ukrainischen Verteidiger erledigen. Zurückgelassene ukrainische Soldaten und Truppen der Territorialverteidigung griffen nun im Hinterland die russischen Nachschublinien für Munition und Verpflegung an. Die Angreifer mussten sich deshalb aus der Umgebung von Kiew zurückziehen und konzentrieren sich nun auf den Donbass.
Der Historiker Kamil Galeev7 sieht einen Grund für das mögliche Scheitern des russischen Angriffskriegs in der Ukraine in einem großen Denkfehler Putins. Dazu müssen wir auf die Ereignisse vor fast einem Jahrzehnt zurückblicken8.
2013 stand die die ukrainische Regierung unter starken Druck, denn Moskau wollte unbedingt eine Annäherung an die EU verhindern. Dazu wurden von russischer Seite Handelssanktionen eingeführt, welche die Ukraine zum Beitritt einer Zollunion mit Russland, Kasachstan und Belarus bewegen sollten.
Als die ukrainische Regierung deshalb beschloss, ein Assoziierungsabkommen mit der EU vorerst nicht zu unterzeichnen, kam es in der Bevölkerung zu Protesten, die schließlich zur Flucht von Präsident Viktor Janukowitsch führten. Es kam in der Ukraine zu einem Regierungswechsel.
Zur Begriffserklärung: »Euromaidan« enthält die Wörter »Euro« für Europa und »Maidan« für den Majdan Nesaleschnosti (Platz der Unabhängigkeit), auf dem die Proteste größtenteils stattfanden.
Russland eskalierte ab 2014 die Lage, indem es die Krim anektierte und den Donbass besetzte. Die desolate ukrainische Armee konnte dem nichts entgegen setzen. Für Putin wäre zu diesem Zeitpunkt die vollständige Besetzung des Landes kein Problem gewesen, zumal sich viele Ostukrainer als sowjetisch/russisch ansahen und ihn unterstützt hätten.
Die Staatssicherheitsbehörden von Ukraine und Russland haben mit dem sowjetischen KGB einen gemeinsamen Vorläufer, weshalb es bis 2014 Verbindungen zwischen den beiden gab. Bei einem vollständigen russischen Einmarsch hätten viele Mitarbeiter einfach die Seiten gewechselt. Gleiches galt auch für die damaligen ukrainischen Militärs.
Mit dem von Putin indirekt ausgelösten ukrainischen Regierungswechsel kam es seit 2014 zu einer Säuberung in den Behörden und der Armee. An die Stelle der alten Sowjetkader kamen Leute an die Schaltstellen, die mit sowjetischer Ideologie nichts mehr am Hut hatten und westlich orientiert waren.
Als Putin im Februar 2022 die Invasion in die Ukraine befahl, war die Ausgangssituation also komplett anders als 2014. Die Stimmung in der Bevölkerung hatte sich gedreht und viele, die vor 8 Jahren noch eine Invasion unterstützt hätten, waren gestorben oder zu alt, um etwas auszurichten.
Die russische Führung musste in der Ukraine schon mehrmals die Strategie wechseln9. Plan A -- die Einnahme von Kiew, Beseitigung der ukrainischen Regierung und Erzwingung eines Diktatfriedens -- scheiterte. Also griff man zum Plan B, einen mehrachsigen Angriff aus mehreren Richtungen, der ebenfalls nicht voran kam. Seitdem beschränkt sich der Kreml mit Plan C auf die vollständige Einnahme des Donbass und die Schaffung einer Landbrücke von Russland zur Krim.
Die Ukrainer haben es einfacher, denn sie verteidigen nur konsequent ihr Land. Dabei sind sie durchaus erfolgreich, denn sie setzten auf Zermürbung. Im Rücken der russischen Armee werden die Versorgungswege und Kommunikationsnetze, sowie Artillerie und Kommandoposten angegriffen. So konnten die Ukrainer die Russen bereits zum Rückzug aus der Region um Kiew zwingen.
Nicht zu unterschätzen ist auch der Effekt der inzwischen von der Ukraine genutzten leistungsstarken westlichen Haubitzen und Mehrfachraketenwerfer, mit der gezielt Logistik-Hubs und Kommandoposten angegriffen werden.
In einem am 22. Juli 2022 veröffentlichten Bericht des Wallstreet Journal heißt es10:
»Früher hätten die Russen täglich 12.000 Artilleriegeschosse abgefeuert, während die Ukraine nur 1.000 bis 2.000 Geschosse abgefeuert habe, sagte er (Präsident Selenskyj). Jetzt könne die Ukraine etwa 6.000 Granaten pro Tag abfeuern, während Russland langsam einen Mangel an Munition und Truppen spüre.«
Bei den Russen macht sich nun die sinkende Moral in Form von Dienstverweigerung, nachlassender Disziplin, Desertationen und Kriegsverbrechen bemerkbar. Dazu trägt auch die geschickte ukrainische Propaganda, mit Videos von erfolgreichen Drohnenangriffen, und Kriegsgefangenenbefragungen, sowie die Veröffentlichung von abgehörten Telefonaten der verzweifelten russischen Soldaten bei11.
Für eine erfolgreiche Operation in der Ukraine hätte Russland die Lufthoheit gewinnen müssen12. Auch Monate nach dem Beginn des Konflikts müssen die Russen jederzeit mit Abschüssen ihrer Hubschrauber und Kampfflugzeuge rechnen. Angriffe aus der Luft auf ukrainische Stellungen erfolgen daher häufig mit Raketen aus weiter Entfernung, was die Treffergenauigkeit mindert, denn meistens kommen ungelenkte Raketen zum Einsatz.
Luftstreitkräfte stellen ein komplexes militärisches Ökosystem dar, das neben der Technik auch qualifiziertes Personal benötigt: Radarstationen, Kampfflugzeuge für den Schutz und die Überwachung des Luftraums, Tankflugzeuge, Flugzeuge für die elektronische Kriegsführung, um die gegnerische Verteidigung zu unterdrücken, Aufklärungsflugzeugen und Angriffsflugzeugen, um feindliche Kräfte aufzuspüren und zu vernichten.
Leider -- und zum Glück für die Ukrainer -- hapert es aber bei den Russen an vielem: Die Logistik ist mangelhaft und die Piloten sind mangels Flugstunden außer Übung.
Schon in den 1990er Jahren erreichten russische Piloten nur etwa 10 Prozent der Flugstunden der US-Luftwaffe13. In einem Bericht aus dem Jahr 2007 heißt es, dass Piloten der taktischen Luftwaffe nur 20 bis 25 Stunden pro Jahr in der Luft sind, die Piloten der 61. Luftarmee (militärische Transportflieger) 60 Stunden pro Jahr und die Heeresflieger 55 Stunden pro Jahr. Zum Vergleich lag die Zahl der durchschnittlichen Flugstunden bei der US-Luftwaffe in 2018 bei 17,8 Stunden14 -- pro Monat.
Nach Ansicht von Beobachtern hat Russland noch nie eine strategische Luftkampagne geplant oder durchgeführt. Stattdessen ist die Armeeführung auf die Landstreitkräfte fixiert, sodass die Flugzeuge sich auf simple Bodenangriffe beschränken: Die Piloten fliegen ein Ziel an, schießen ihre meist ungelenkten Raketen ab und fliegen zurück. Eine kombinierte Luftoperation mit Bodentruppen, wie sie Nato-Staaten anwenden, kennen die Russen nicht.
Die Ukrainer haben dagegen ein in sich stimmiges Konzept für Luftoperationen entwickelt, bei dem Kampfflugzeuge und Luftabwehr Hand in Hand arbeiten. Mit billigen tragbaren Luftabwehrrakten und dem reichweitenstarken slowakischen S-300-Raketensystem werden die russischen Flugzeuge zum Tiefflug unterhalb der Flugabwehradare gezwungen, was sie wiederum anfällig für die tragbaren Luftabwehrraketen macht. In den sozialen Medien wurden auch schon Videos von erfolgreichen Hubschrauberabschüssen durch Panzerabwehrraketen geteilt.

Die Überreste eines abgeschossenen russischen Kampfjets am 3. April
Russland ist eines der korruptesten Länder der Welt. Transparency International setzt es auf Platz 136 von 180 Ländern16. Und die Korruption macht auch vor dem Militär nicht halt17. 1998 bezeichnete der russische Generalstaatsanwalt die russischen Streitkräfte als »die korrupteste Regierungsstruktur in Russland«.
Korruption beginnt schon mit Wehrdienst. Wer einem Arzt oder Einberufungsoffizier 5.000 bis 10.000 Euro auf den Tisch legt, entgeht der Einberufung in die Armee. Das machen 70 Prozent aller Einberufenen so und was übrig bleibt, ist der Bodensatz aus Armen und Kranken. Im Jahr 2007 erklärte ein Generaloberst, dass mehr als 30 Prozent der jährlich zur Luftwaffe Eingezogenen »psychisch instabil« seien, 10 Prozent litten unter Alkohol- und Drogenmissbrauch und 15 Prozent seien krank oder unterernährt.
Die neuen Rekruten erhalten keinen Sold und sind oft rücksichtsloser Ausbeutung durch ihre Offiziere und länger gediente Kameraden ausgesetzt. Es wird beispielsweise von Zwangsprostitution und unbezahlter Arbeit berichtet.
Selbst als Vertragssoldat geht es einem kaum besser, denn die Gehälter sind niedrig und die eigene Ausrüstung muss man häufig selbst beschaffen. Wer Glück hat, wird in einem Militärdepot eingesetzt und kann Gegenstände stehlen und verscherbeln.
Diebstähle sind an der Tagesordnung: Als im März 2022 alte T-72-Panzer aus der Reserve geholt und in die Ukraine geliefert wurden, war nur einer von zehn brauchbar. Bei den anderen hatten Diebe Elektronik, Optik und sogar Motoren mitgehen lassen. Anfang 2020 wurde ein 72 Tonnen (!) schwerer, vorgefertigter Kommandobunker von einem Militärstützpunkt gestohlen und tauchte nie wieder auf. Vermutlich ging es den Dieben um den Schrottwert.
Offiziere im mittleren Rang (Major bis Oberst) haben noch mehr Optionen. Sie vermieten ihre Rekruten an Baustellen, landwirtschaftliche Betriebe oder Fabriken und stecken den Lohn selbst ein.
Die Kommandeure verschleiern, wie wenige Übungen sie abhalten, und stecken die dafür vorgesehenen Mittel in die eigene Tasche. Deshalb mangelt es teilweise an grundlegenden militärischen Fähigkeiten18.
Soldaten erhalten ihren Sold in bar, was Manipulationen erleichtert. So manche Truppe hat auf dem Papier mehr Soldaten als tatsächlich vorhanden sind. In Anlehnung an ein Gedicht des russischen Dichters Gogol spricht man auch von »toten Seelen«. Selbst die Armeeführung hat keine Ahnung von der genauen Truppenstärke. 2003 schätzte die Zeitung Nowyje Iswestija, dass es mindestens 30.000 »tote Seelen« in der Armee gäbe.
In den russischen Medien gibt immer wieder Berichte über aufgeflogene Betrugsmaschen des Offizierskorps, aber nur die wenigsten Offiziere landen vor Gericht. Viele Fälle werden nie aufgedeckt oder, wenn sie aufgedeckt werden, nie strafrechtlich verfolgt oder einfach vertuscht.
Jeder fünfte Rubel, der für die Streitkräfte ausgegeben wird, wird gestohlen, sagte 2011 ein leitender Militärstaatsanwalt der offiziellen Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta.

Von der Korruption in der russischen Armee profitiert die Ukraine: »Die schwedische Publikation Sverige Försvarsmakten berichtet, dass eine Gruppe von russischen Soldaten die neuesten 152-mm-Artilleriegeschütze 2S35 Koalitsiya-SV an die ukrainische Armee für 150.000 Dollar pro Stück verkauft hat, die tatsächlichen Kosten für eine Haubitze etwa 7 Millionen Dollar betragen.«19
In der Ukraine sind auf der russischen Seite genau genommen drei verschiedene Armeen aktiv: Die russische Armee, tschetschenische Kämpfer und die Truppen der selbsternannten separatistischen Republiken Donezk (DNR) und Luhansk (LNR). In diesem Kapitel konzentrieren wir uns auf die russische Armee20.
Ein wichtiger Baustein der russischen Armee ist die einjährige Wehrpflicht für alle Männer zwischen 18 und 27 Jahren. Wie bereits im Kapitel Korruption in der russischen Armee beschrieben, versuchen viele Wehrpflichtige, diesem Schicksal durch Bestechungszahlungen auszuweichen. Auch Studenten können nicht eingezogen werden, sodass ein Großteil der Universitäten eine Wehrdienstverweigerungsindustrie darstellt.
Die eingezogenen Wehrpflichtigen, die häufig arm und ungebildet sind, erhalten keinen Sold. Wer allerdings bei der Armee als Vertragssoldat anheuert, wird bezahlt. Eigentlich sollte es jedem Wehrpflichtigen frei sein, als Berufssoldat zu »unterschreiben«, aber häufig tricksen die Vorgesetzten, nutzen Drohungen oder sogar Zwang.
Vertragssoldaten haben den Vorteil, dass man sie auch einfach in Auslandseinsätze schicken kann -- Wehrpflichtige dürfen dagegen nur in Russland dienen. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass sie unfreiwillig in der Ukraine an die Front geschickt werden21.
Elite-Jobs in den Geheimdiensten und des Militärs dürfen nur mit Personen besetzt werden, die ihren Wehrdienst abgeleistet haben. Damit die Kinder der russischen Oberschicht auch ohne abgeleisteten Wehrdienst die Elite-Jobs ergattern können, hat man sich einen Trick ausgedacht: Das Studium an den Akademien der Sicherheitsdienste FSB und des BFS wird einfach als Militärdienst gezählt.
Neben den vielen, die unfreiwillig durch Druck der Vorgesetzten als Berufsoldat unterschrieben haben, gibt es auch viele Freiwillige. Wer aus einer Region mit geringem Einkommensdurchschnitt kommt, sieht sich eher veranlasst, zu unterschreiben. Ein Blick auf die identifizierten toten russischen Soldaten zeigt, dass sie vor allem aus armen nicht-russisch-ethnischen Regionen wie Dagestan und Burjatien stammen. Die Großstädte Moskau und St. Petersburg haben im Gegensatz dazu fast keine Opfer zu beklagen, obwohl sie offiziell 12 Prozent der russischen Bevölkerung ausmachen.
Eine Besonderheit in der Todesstatistik sind die russischstämmigen Regionen Pskow und Kostroma, wo jeweils eine große Luftlandeeinheit stationiert ist. In den ersten Tagen wurde diese beim Angriff auf Kiew vernichtend geschlagen.
Dass große Städte wie Moskau und St. Petersburg so wenige Opfer beklagen, hat vermutlich nicht nur damit zu tun, dass ihre Einwohner in der Armee unterrepräsentiert sind. Vermutlich werden sie vom Kreml nicht in die Ukraine geschickt, weil sonst Unruhen auftreten könnten.
So brutal es klingt, aber für den Kreml dient der Krieg auch als Problemlöser: Die Fruchtbarkeit ist in den Regionen mit ethnischen Minderheiten sehr hoch und übersteigt die der Russen. Die Minderheiten werden unterdrückt, was im Westen kaum bekannt ist.
Die auf das Schlachtfeld geschickten ethnischen Minderheiten, kämpfen genau genommen gegen ihre eigenen Interessen, nämlich den Erfolg des rassistischen Russlands, das sie kulturell auslöschen will.
Dass es trotz der vielen Kriegstoten zu keinen Protesten kommt, dürfte nicht nur mit der schlechten Bildung und anerzogenen Passitivität gegenüber den Staat zusammenhängen: Der Historiker Kamil Galeev erwähnt22 als einen weiteren Grund die Entschädigungen, die Angehörige der gefallenen Soldaten erhalten. Beispielsweise beträgt in der Region Wolgograd das Durchschnittsgehalt 38.000 Rubel, sodass die vom Staat gezahlte Entschädigung von 12 Millionen Rubel rund 26 Jahresgehältern entspricht. Eine solche Summe wird ein normaler Arbeitnehmer in der Gegend niemals verdienen können. Genau genommen gibt es somit den Anreiz, »nutzlose« Familienmitglieder ans Militär abzugeben und somit eine »Ware« von negativem Wert weit über den Marktwert zu verkaufen.
Im vorherigen Kapitel Warum die russischen Verluste kein Aufsehen erregen, haben Sie erfahren, dass der Kreml laut Gesetz keine Wehrpflichtige in Auslandseinsätze schicken darf. Es stehen aber auch nicht genügend Berufssoldaten zur Verfügung, denn diese werden anderswo für die Grenzsicherung, Rekrutenausbildung, Logistik usw. benötigt. Putin gehen also die Soldaten aus23.
Als erste Gegenmaßnahme erhöhten wurde die Altersgrenze für Berufssoldaten, die bis Mai 2022 noch bei 40 Jahren lag, auf 50 Jahre erhöht24. Auch der Sold erfuhr eine Erhöhung (vermutlich nur in einigen Regionen) um das 5 bis 10-fache, trotzdem hielt sich selbst im armen Dagestan die Begeisterung in Grenzen. Von dort gab es sogar Berichte von Drückerkolonnen, die Männer von der Straße holen und in den Militärdienst pressen.
Allgemein war zum 9. Mai 2022, dem Tag des Sieges, von Putin die Ausrufung einer Generalmobilmachung erwartet worden25. Das Militär hätte dann alle wehrfähigen Männer zum Dienst einberufen können. Putin hat allerdings darauf verzichtet, denn diese Aktion wäre erstens ein Eingeständnis eigenen Versagens gewesen und zweitens hätte es seiner Popularität geschadet.
Laut einem Bericht von iStories, einem unabhängigen russisches Projekt für investigativen Journalismus, soll die russische Armee in der Ukraine bis Oktober 2022 ca. 90.000 Soldaten verloren haben. Dazu zählen Gefallene und Vermisste, im Krankenhaus Verstorbene und verletzte Soldaten, die nicht in den Militärdienst zurückkehren können. iStories beruft sich auf eine anonyme Quelle beim Föderalen Sicherheitsdienst und auf einen ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter26.
Der Kreml kam angesichts der großen Verluste aber schließlich nicht umhin, am 21. September 2022 eine Teilmobilmachung anzuordnen. Im Gegensatz zu einer »vollen« Mobilmachung sind davon offiziell ausschließlich Personen betroffen, die bereits gedient haben (Reservisten). Der Kreml spricht zwar von 300.000 Einberufenen, ein geschwärzter Absatz im veröffentlichten Einberufungsdekret deutet aber auf das Ziel von einer Million hin27.
Es gibt viele Berichte, dass die Mobilisierten nur unzureichend ausgestattet werden. Dazu dürften auch die im Kapitel Korruption in der russischen Armee beschriebenen Probleme beitragen. Mancherorts haben alle erwachsenen Männer -- selbst Familienväter und Ungediente -- eines ganzen Dorfs Einberufungsbescheide erhalten28 29.
Eine Liste zählt für eine nicht genanannte Militäreinheit auf, was sich deren Reservisten alles selbst besorgen müssen30. Neben Selbstverständlichkeiten wie Stiefel, Tarnkleidung oder Schlafsack gehören dazu auch Panzerhelm und kugelsichere Weste. Die Kosten von umgerechnet mehr als 1000 Euro können sich nur die wenigsten leisten, wie Fotos und Videos der Reservisten zeigen.
In einem Video empfiehlt eine Vorgesetzte den neu Einberufenen die Anschaffung von Damenbinden, die man in seine Schuhe legen könne, sowie von Tampons. Letztere könne man in eine Schusswunde einführen, worauf sie sich aufblähen und die Blutung stoppen31. Man braucht sich wohl nicht vorzustellen, welche Wirkung so eine Ansprache auf die Reservisten hat, welche bisher noch nie in ihrem Leben an einer Front gekämpft haben! Offenbar ist angesichts mangelnder ärztlicher Versorgung Selbsthilfe angesagt.
Die Zustimmung zum Krieg in der Ukraine mag zwar in der Bevölkerung immer noch groß sein, trotzdem sind inzwischen hundertausende Russen ins Ausland geflohen. Beliebte Ziele sind die angrenzenden Nachbarländer Georgien und Kasachstan, die keine Zugangsbeschränkungen haben.
Laut dem Magazin Newsweek sollen innerhalb von zwei Wochen 370.000 Russen ausgereist sein32. Interessanterweise sind davon 66.000 in EU-Länder eingereist, was durch einfach erhältliche Visa möglich war. Die baltischen Staaten, Polen und Finland haben deshalb inzwischen ihre Grenzen für Russen geschlossen33. Von den EU-Staaten wird zudem eine restriktivere Visa-Vergabe angestrebt.
In Deutschland gibt es Stimmen, die für eine Aufnahme der russischen »Fahnenflüchtigen« sprechen. Ein Antrag der Linksfraktion im Bundestag, in dem gefordert wird, Russen unbürokratisch humanitäre Visa auszustellen, lehnten aber alle anderen Parteien, sogar die Grünen und die SPD, ab34.
Grundsätzlich kann man von einem moralischen Dilemma sowohl für die russischen Kriegsdienstverweigerer als auch für die deutsche Flüchtlingspolitik sprechen. So gab es zwar in Russland vereinzelte Proteste gegen die Mobilmachung, die sich aber nicht direkt gegen den Krieg richteten, der auch weiterhin als sinnvoll erachtet wird.
Für viele russische Familien war der Krieg weit weg, bis die Einberufungen auch sie betrafen. Deutschland hat aber bereits mit über einer Million ukrainischen Flüchtlingen zu tun, die unter den russischen Angreifern teilweise grausame Willkür erleben mussten. Es dürfte schwierig sein, den Ukrainern in den Flüchtlingswohnheimen zu erklären, dass jetzt Russen einziehen... Andererseits darf jeder in der Bundesrepublik Asyl beantragen, muss dafür aber einreisen, was den Russen ja verwehrt wird.

Das Online-Medium Moscow Times schreibt am 29. September 2022, also 8 Tage nach dem Beginn der Mobilisierung35: »Zehntausende Russen, hauptsächlich Männer im wehrfähigen Alter, sind in den Tagen in die Nachbarländer geflohen, seit Präsident Wladimir Putin eine „teilweise" Mobilmachung für den Einmarsch in die Ukraine erklärt hat«.
Laut Forbes Russia36 könnten 600.000 bis 1 Million Menschen Russland seit dem Beginn der Mobilisierung verlassen haben. Genaue Zahlen sind nicht verfügbar, da viele Russen auch als Touristen in andere Länder reisen und dann zurück kehren.
2. Teil: Lesen Sie hier weiter
https://www.thebulwark.com/i-commanded-u-s-army-europe-heres-what-i-saw-in-the-russian-and-ukrainian-armies
https://www.7atc.army.mil/JMTGU/
https://twitter.com/kamilkazani/status/1497993363076915204
https://de.wikipedia.org/wiki/Tschetschenien
https://de.wikipedia.org/wiki/Territorialverteidigung_der_Ukraine
https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale_Legion_der_Territorialverteidigung_der_Ukraine
https://twitter.com/kamilkazani/status/1543687451641880576
https://de.wikipedia.org/wiki/Euromaidan
https://twitter.com/WarintheFuture/status/1526659648312356865
https://www.wsj.com/articles/ukraines-zelensky-says-a-cease-fire-with-russia-without-reclaiming-lost-lands-will-only-prolong-war-11658510019?st=r8renwwu3yasmbt&reflink=share_mobilewebshare
https://www.fr.de/politik/putin-kreml-krieg-ukraine-news-russland-soldaten-moral-truppen-gespraeche-abgehoert-geheimdienst-91450371.html
https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2022/05/russian-military-air-force-failure-ukraine/629803/
https://en.wikipedia.org/wiki/Russian_Air_Force#2001%E2%80%932010
https://www.military.com/daily-news/2018/03/14/air-force-sets-goal-20-flight-hours-month-pilots.html
https://twitter.com/TpyxaNews/status/1510589618130980869/photo/1
https://www.transparency.org/en/cpi/2021
https://twitter.com/ChrisO_wiki/status/1531716422220632067
https://www.nytimes.com/2022/05/16/world/europe/russia-military-ukraine.html
https://twitter.com/ukraine_osint/status/1544943352952537088/photo/1
https://twitter.com/kamilkazani/status/1521147854949036032
https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_92306736/ukraine-krieg-russische-offiziere-schickten-wehrpflichtige-es-drohen-konsequenzen.html
https://twitter.com/kamilkazani/status/1550126398123085830
https://twitter.com/kamilkazani/status/1530895135826927616
https://www.nau.ch/news/ausland/russland-lockert-altersbegrenzung-fur-berufssoldaten-66186811
https://www.kreiszeitung.de/politik/deutschland-mobilmachung-bundeswehr-ukraine-krieg-generalmobilmachung-in-russland-das-droht-jetzt-91524497.html
https://twitter.com/KyivIndependent/status/1580318936020942849
https://samf.substack.com/p/cannon-fodder
https://euromaidanpress.com/2022/09/24/all-men-in-russian-siberian-village-mobilized-in-some-regions-it-is-total/
https://novayagazeta.eu/articles/2022/09/24/istochnik-v-kemerovskoi-derevne-mobilizovali-vsekh-muzhchin-news
https://twitter.com/ChrisO_wiki/status/1575487235537137665
https://twitter.com/nexta_tv/status/1574501707102318592
https://www.newsweek.com/putin-mobilization-backfires-russians-flee-kazakhstan-georgia-eu-1748771
https://www.nau.ch/news/europa/eu-will-vergabe-von-visa-an-russen-einschranken-66292552
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1167364.umgang-mit-russischen-deserteuren-russische-kriegsdienstverweigerer-sollen-draussen-bleiben.html
https://twitter.com/MoscowTimes/status/1575472685689208837/photo/1
https://www.forbes.ru/society/478827-rossiu-posle-21-sentabra-pokinuli-okolo-700-000-grazdan