Dies ist ein Auszug aus dem Buch Politikversagen - wie Politiker unsere Gesellschaft ruinieren

Kritik an der Energiewende

Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 17. Oktober 2024

Je nach Betrachtungswinkel, unter anderem aus Sicht der Versorgungssicherheit oder der Finanzierbarkeit und Sicherheit, gibt es unzählige »Meinungen« zur Energiewende. Un­abhängige Studien zu einem Thema sollten stets unter dem Vorbehalt betrachtet werden, dass die beteiligten Forscher in vielen Fällen von den Finanzmitteln der Auftraggeber ab­hängig sind. Besonders Gutachten, die im Auftrag von Wirtschaftsverbänden oder Minis­terien erstellt werden, können einer möglichen Einflussnahme unterliegen.

Beachten Sie, dass die Medien gerne Wissenschaftler zu Interviews oder in Diskussions­runden einladen, die sehr »meinungsstark« argumentieren und damit die Einschaltquoten erhöhen, aber keinesfalls zum neutralen Erkenntnisgewinn beitragen.

In diesem Kapitel präsentieren wir zwei unabhängige Studien beziehungsweise Stellung­nahmen, bei denen wir davon ausgehen, dass sie weder durch ideologische noch finan­zielle Interessen beeinflusst sind.

Studie zum deutschen Sonderweg in der Energiepolitik

In einer wissenschaftlichen Studie1 2 (mit Peer Review) setzt sich der norwegische Forscher Jan Emblemsvåg mit dem deutschen Sonderweg in der Energiepolitik auseinan­der. Der Artikel erschien im Mai 2024 unter dem Titel »Was wäre, wenn Deutschland in die Kernenergie investiert hätte? Ein Vergleich zwischen der deutschen Energiepolitik der letzten 20 Jahre und einer alternativen Politik der Investitionen in die Kernenergie« im International Journal of Sustainable Energy.

Der Autor zieht das Fazit, dass der Ersatz von Kernenergie sowie fossilen Brennstoffen durch erneuerbare Energien wie Wind-, Solar- und Bioenergie im Untersuchungszeit­raum von 2002 bis 2022 eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 25 Prozent be­wirkt hat. Dem stehen geschätzte Gesamtausgaben von 696 Milliarden Euro entgegen.

Alternativ hätte Deutschland die bestehende Kernenergie im Jahr 2002 bei­behalten und möglicherweise in neue Kernkraftkapazitäten investiert. Die Analyse dieser beiden Alternativen zeigt, dass Deutschland sein Ziel zur Re­duktion von Treibhaus­gasemissionen erreichen und zusätzlich die Emissio­nen um 73 % im Vergleich zu den Erfolgen im Jahr 2022 reduzieren hätte können, während gleichzeitig die Aus­gaben im Vergleich zur Energiewende halbiert worden wären. Daher hätte Deutschland eine Energiepolitik verfol­gen sollen, die auf der Beibehaltung und dem Ausbau der Kernenergie ba­siert.

Übrigens geht der Studienautor nicht auf die weiteren Auswirkungen der Energiewende ein, sondern verweist in diesem Zusammenhang auf die Arbeit seiner Kollegen:

In der Tat haben Emblemsvåg und Ôsterlund (2023) eine Studie zum Ener­gietrilemma durchgeführt, in der sie zeigen, dass eine große Anzahl von US-Bundesstaaten Deutschland bei Emissionsreduktionen, Marktvolatilität und Strom­preisen übertroffen hat. Es steht also außer Frage, dass die Energie­wende auch einige nicht-finanzielle Kosten verursacht hat, die für das Land erheblich sind.3

Und weiter:

Darüber hinaus hat die IEA [Internationale Energieagentur] bereits 2013 vor der Energiewende gewarnt, und IEA-Exekutivdirektorin Maria van der Hoeven sagte bei der Vorstellung des Berichts: „Die Tatsache, dass die deutschen Strompreise trotz relativ niedriger Großhandelspreise zu den höchsten in Europa gehören, muss als Warnsignal dienen" (IEA 2013). Auch der Bundesrechnungshof hat [...] wiederholt die Alarmglocken geläutet.

Stellungnahme des Bundesrechnungshofs

Der Bundesrechnungshof ist eine unabhängige, oberste Bundesbehörde in Deutschland, welche die Haushalts- und Wirtschaftsführung des Bundes überwacht. Regelmäßig nimmt die Behörde auch die Energiewende unter die Lupe4.

Auf seiner Website schreibt der Bundesrechnungshof5:

Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien soll massiv ausgebaut wer­den. Sie unterliegt jedoch tageszeitlichen, saisonalen und wetterbedingten Schwankungen. Daher muss sie durch Backup-Kraftwerke abgesichert wer­den. Zudem muss der wachsende Anteil von Strom aus erneuerbaren Ener­gien zu den Verbrauchern transportiert werden. Hier muss der Bund verläss­liche Rahmenbedingungen schaffen, damit die beteiligten Akteure die hierfür notwendigen Investitionen täti­gen. Doch er hinkt seinen Zielen hinterher:

  • Insbesondere die Ziele für den Ausbau der Windenergie an Land wer­den absehbar nicht erreicht. Im Jahr 2023 konnte die Bundesnetz­agentur nur für die Hälfte der gesetzlich festgelegten Menge Zuschlä­ge erteilen.
  • Den Zeitplan für den Zubau von Backup-Kraftwerken wird das BMWK vor­aussichtlich nicht einhalten können.
  • Der zwingend notwendige Netzausbau hinkt dem Zeitplan um sieben Jahre und 6 000 Kilometer hinterher.

Weiterhin bemängelt die Behörde in ihrer Stellungnahme die hohen Strompreise:

Schon heute belasten sehr hohe Stromkosten den Wirtschaftsstandort Deutschland und die privaten Haushalte.

Die Energiewende ist mit massiven Kosten verbunden, weitere Preissteige­rungen sind absehbar. Allein für den Ausbau der Stromnetze werden bis 2045 Investitionen von mehr als 460 Milliarden Euro notwendig sein (mehr als viermal so viel wie im Zeitraum 2007 bis 2023).

Die Bundesregierung muss die Systemkosten der Energiewende anders als bisher klar benennen. Außerdem muss sie endlich definieren, was sie unter einer bezahl­baren Stromversorgung versteht.

Weil keine oder unzureichende Daten vorliegen, ließen sich die Umweltfolgen der Ener­giewende nicht benennen. Es würden knappe Flächen und Ressourcen in Anspruch ge­nommen und die biologische Vielfalt beeinträchtigt.

Die Bundesregierung lege den Fokus auf das Klima, aber berücksichtige dabei die schutzwürdigen Belange anderer Schutzgüter nicht ausreichend. Dazu zähle unter ande­rem die Biodiversität, das kulturelle Erbe, die menschliche Gesundheit und die Land­schaft.

Kosten der Energiewende

Eine Anfrage an das Wirtschaftsministerium nach den Kosten für die Energiewende von 2000 bis 2002 über die Website FragDenStaat6 ergab, dass die Bundesregierung keine Gesamtauswertung durchführt:

Zunächst dürfen wir anmerken, dass die Bundesregierung keine Gesamtkos­tenrechnung zur Energiewende unternimmt. Eine solche Rechnung hätte sehr hohe methodische Anforderungen und könnte nur zu eingeschränkten Ergebnissen füh­ren.

Es ist also völlig unklar, wie viel die Energiewende genau gekostet hat und noch kosten wird. Brutaler formuliert: Die Regierung verzichtet bewusst auf die Nutzung von Stell­schrauben, die sich bei einer genauen Kosten-/Nutzenanalyse der vielen Einzelmaßnah­men ergeben würden. Jeder Chef, der in gleicher Weise das Geld seiner Investoren unge­prüft ausgibt, würde in kürzester Zeit seinen Job verlieren. Aber für Politiker, die gna­denlos ihre Agenda verfolgen, gelten andere Regeln...

-*-

Der Informatiker Florian Blümm berichtet7 über eine damals vom Bundeswirtschafts­ministerium betriebene Website, die alle wichtigen Daten zur Energiewende als Excel-Tabellen anbot. Seit dem Jahr 2021 leite die Website nur noch auf eine Homepage um, die für die Energiewende wirbt:

EEG-Kosten verstecken sich heute in unzugänglichen pdf-Jahresberichten auf netztransparenz.de [...]

Statt mehr Kostentransparenz zu schaffen, versteckt das Wirtschaftsministeri­um selbst einfach zu erhebende Zahlen. Um die EEG-Differenzkosten zu er­mitteln muss ein interessierter Bürger für jedes Jahr Marktwerte einzelner Erzeuger manuell errechnen!

Unter der Webadresse www.tech-for-future.de/kosten-energiewende hat Florian Blümm alle dokumentierten Kosten zusammengetragen. So entstanden nach seinen Berech­nungen im Zeitraum ab dem Jahr 2000 bis 2021 durch die Energiewende direkte Kosten von 478 Milliarden Euro. Blümm zitiert aus einer Prognosstudie im Auftrag der Förderbank KfW, die Mehrkosten der Energiewende von 4.967 Milliarden Euro von 2020 bis 2045 ermittelt hat8.

-*-

Immerhin gibt das Forschungsinstitut Fraunhofer ISE in der Studie »Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem« (letzte Aktualisierung 2022) eine Antwort auf die Mehr­kosten bis 20459:

  • 1.580 Mrd. € Mehrkosten der CO2-Reduktion auf 95% bis 2050
  • 920 Mrd. € Mehrkosten der CO2-Reduktion auf 95% bis 2045
  • 823 Mrd. € Mehrkosten der CO2-Reduktion auf 100% bis 2045

Das ist eine Zahl mit 12 Nullen! Die zusätzlichen Kosten der Energiewende belaufen sich demnach alleine im Zeitraum von 2000 bis 2021 auf rund 500 Milliarden Euro.

6. Teil: Lesen Sie hier weiter


  1. Übersetzt vom Originaltitel »What if Germany had invested in nuclear power? A comparison between the German energy policy the last 20 years and an alternative policy of investing in nuclear power«

  2. https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/14786451.2024.2355642

  3. Kapitel Critical review of research, S. 18

  4. https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Downloads/DE/Berichte/2024/energiewende-volltext.html?nn=23102

  5. https://www.bundesrechnungshof.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2024/energiewende/kurzmeldung.html

  6. https://fragdenstaat.de/anfrage/kosten-der-energiewende-von-2000-bis-2022/

  7. https://x.com/tech_for_future/status/1846590459918889457

  8. https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2022/Fokus-Nr.-395-Juli-2022-Oeffentliche-Investitionsbedarfe.pdf?kfwnl=Research.19-07-2022.1355390

  9. https://www.tech-for-future.de/energiewende-gesamtkosten/