Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen
Autor: Rainer Gievers - Publiziert am 26. Juni 2022
Der 10 Kilometer vor Kiew gelegene Hostomel-Flughafen spielte in den russischen Kriegsplänen eine wichtige Rolle1. Geplant war, ihn rasch zu besetzen und dann als Aufmarschgebiet für eine anschließende Einkreisung und Eroberung Kiews zu nutzen.
Mit russischen Kampfhubschraubern, die aus Belarus (Weißrussland) kamen, wurde am 24. Februar die am Flughafen vorhandene ukrainische Abwehr vernichtet, dann landeten Transporthubschrauber mit russischen Fallschirmjägern. Währenddessen rückten russische Bodentruppen von Belarus aus auf Hostomel vor.
Der eroberte Flughafen wurde von den Russen als vorgeschobene Operationsbasis eingerichtet und von dort aus stießen sie in Richtung der Städte Butscha und Irpin vor. Allerdings führten schon jetzt ukrainische Hinterhalte zu erheblichen Verlusten. Wie später bekannt wurde, hatten die USA frühzeitig Hinweise auf die russischen Pläne erhalten und im Januar 2022 die ukrainische Seite darüber informiert2.
Jetzt machten die russischen Truppen einen Fehler, der ihr Schicksal besiegeln sollte: Anstatt die Realität -- heftiger ukrainischer Widerstand -- anzuerkennen und darauf zu reagieren, verweilten die russischen Angreifer vor Kiew. Sie warteten auf weitere Truppen und Nachschub, der sich in einem 40 Kilometer langen Konvoi auf Kiew zubewegte. Der Konvoi sollte aber niemals sein Ziel erreichen und wurde später aufgelöst und in anderen Gebiete geschickt.
Die Umkreisung Kiews wurde somit zum unerfüllten Wunschtraum. Schlechte Führung, Nachschubmangel, täglicher Beschuss und niedrige Moral zwangen die Russen, sich vor Kiew an den Straßenrändern einzugraben. Artilleriefeuer und nächtliche Angriffe der ukrainischen Spezialkräfte sorgten für Frustration. Jetzt rächte es sich, dass der Kreml nicht in Nachtsichtausrüstung investiert hatte und damit die eigenen Männer in der Dunkelheit zu leichten Opfern wurden.
Ganz ähnlich war die Situation in Hostomel, wo die russischen Truppen unter heftigem Beschuss vergeblich auf den Einsatzbefehl warteten. Am
Auf dem Flughafen Hostomel wurden nach dem Abzug des Feindes folgende Fahrzeuge vorgefunden (unvollständige Liste, da außerhalb Hostomels weitere russische Fahrzeuge verloren gingen):
Ein kleiner Teil der aufgeführten Ausrüstung konnte von den ukrainischen Soldaten unversehrt sichergestellt werden und dürfte nun im Einsatz gegen den ehemaligen Besitzer sein.
Am ersten Tag des russischen Angriffs entstanden einige Videos durch Zivilisten3 (Kampfhubschrauber im Vorbeiflug) und durch russische Soldaten4 (Truppen werden mit dem Hubschauber abgesetzt und stürmen den Flughafen).

Während des Angriffs auf dem Hostomel-Flughafen wurde das einzige Exemplar des größten Transportflugzeug der Welt, eine Antonow An-225, zerstört. Es ist nun geplant, als Ersatz das erst halb fertige Schwestermodell zu vervollständigen. Foto: Oleksandr Ratushniak (CC BY-SA 4.0)5
In der Region um Kiew wurden nach Angaben der Polizeibehörde vom 17. Juli 2022 bisher 1.346 Leichen von Zivilisten gefunden, die dem russischen Angriff beziehungsweise während der zeitweisen Besetzung ums Leben kamen6.
Hier eine Geschichte aus dem Krieg, die zeigt, wie schwierig die Zerstörung größerer Bauwerke ist7.
Die Region Bujak mit 600.000 Einwohnern ist nur über eine 150 Meter lange Eisenbahn- und Straßenbrücke mit Odessa verbunden. Weil Bujak an Rumänien angrenzt, ist die Brücke strategisch wichtig, denn nach dem Verlust aller Schwarzmeerhäfen muss der Warentransport der Ukrainer fast vollständig über Land erfolgen.

Die Zatoka-Brücke verbindet die Region Bujak mit Odessa. In der Brückenmitte befindet sich ein Hebewerk, um das mittlere Brückensegment anzuheben. Dies ist nötig, damit größere Schiffe die Meerenge queren können. Foto: Uniannet8
Die Chronik:
März 2022: Die Brücke und eine nahe gelegene Militäreinrichtung wurden mit Streumunition beschossen. Die Ukraine vermeldete den Abschuss des angreifenden Flugzeugs.
April 2022: Jetzt versuchten es die Russen mit Marschflugkörpern. Die Erfolgsbilanz: Der Erste Flugkörper hatte eine Fehlfunktion und fiel ins Wasser, der zweite verfehlte sein Ziel und der dritte schlug am Rand der Brücke ein und verursachte nur geringe Schäden.
April 2022: Nach dem Einschlag eines weiteren russischen Marschflugkörpers erklärte ein ukrainischer Militärsprecher die Brücke für zerstört. Allerdings wurde schon am nächsten Tag wieder der Verkehr aufgenommen.
Mai 2022: Weitere drei Marschflugkörper zerstören die Brücke.
Mai 2022: Die Ukraine vermeldet weitere Angriffe auf die Brücke, ohne auf Einzelheiten einzugehen.
Mai 2022: Zwei weitere Marschflugkörper treffen die Brücke, während ein dritter schon beim Abschuss ins Meer stürzt.
Mai 2022: Die zwischenzeitlich reparierte Brücke erlebt einen weiteren Angriff.
Juni 2022: Ein Satellitenfoto zeigt, dass die Brücke wieder weitgehend hergestellt ist9.
Juli 2022: Vermutlich ein manuell gesteuerter Kh-59-Marschflugkörper (Gefechtskopf mit 320 kg) traf einen Brückenpfeiler10. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist damit das Hebewerk für das mittlere Brückensegment beschädigt, sodass vorläufig große Schiffe nicht mehr den dahinter liegenden Hafen Bilhorod-Dnistrowski anlaufen können. Solange die Ukraine keine effektive Luftabwehr für den Schutz der Brücke aufbieten kann, dürfte Russland weitere Angriffe dieser Art durchführen.

Am 30 Mai veröffentlichte das Online-Medium TPYXA Fotos, welche die Schäden eines Angriffs zeigen11.
Die Zatoka-Brücke dürfte eine der am häufigsten von den Russen bekämpften festen Einrichtungen der Ukraine sein. Sie zeigt zum einen die Unfähigkeit der russischen Militärführung, ein kleines strategisch wichtiges Objekt dauerhaft zu zerstören, zum anderen die Zähigkeit der Ukrainer, welche die Brücke immer wieder in kürzester Zeit instandsetzen.
Angesichts dessen, dass Marschflugkörper sehr teuer sind und auch ein Kampfflugzeug abgeschossen wurde, dürften sich die Kosten für die russische Seite inzwischen auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag belaufen, ohne dass bisher ein dauerhafter Erfolg zu vermelden ist.
Die 200 Kilometer lange und 325 Kilometer breite Krim-Halbinsel gehörte im zunächst zur Sowjetunion. Erst 1954 wurde die Krim der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik angegliedert. Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde die Ukraine selbstständig und behielt die Krim12.
Bis zur Annexion durch Russland lebte die Krim vor allem vom Tourismus und Landwirtschaft13. Allerdings vermutet man große Gasvorkommen in und um die Halbinsel. Ein geplantes Abkommen mit dem US-Energieriesen ExxonMobil, über die Gas- und Ölförderung im Schwarzen Meer kam aber nicht mehr zustande14.
Mit der russischen Annexion kappte die Ukraine alle Zug- und Busverbindungen auf die Krim, sodass die Halbinsel nur noch von See oder aus der Luft versorgt werden konnte. Eine danach eingerichtete Fährverbindung zwischen Krim und russischen Häfen verzeichnete 110 tägliche Passagen und transportierte im Jahr 2017 unter anderem 5,7 Millionen Personen, mehr als 1,7 Millionen Autos und 78.000 Eisenbahnwaggons15.
Eine neue 19 Kilometer lange Brücke zwischen der Krim und russischem Staatsgebiet erleichtert seit 2018 die Versorgung der Halbinsel. Neben zwei Fahrbahnen führt auch eine zweigleisige Bahnstrecke über die Brücke.

Die Krimbrücke im Jahr 2019. Foto: Rosavtodor.ru, CC BY 4.016
Die Bedeutung der Krim-Brücke nahm allerdings durch die Eroberung größerer ukrainischer Gebiete ab, da nun eine direkte Landbrücke von Russland über Cherson, Mariupol in die Oblaste (Verwaltungsbezirke) Donezk und Luhansk bestand.
Am 8. Oktober 2022, einen Tag nach Putins 70ten Geburtstag, kam es zu einer Explosion auf der Krim-Brücke. Von russischer Seite veröffentlichte Videos zeigen wie ein LKW explodiert und und ein Güterzug mit Tankwagen auf der danebenliegenden Bahnstrecke in Brand gerät17.
Es gab zunächst zahlreiche Spekulationen darüber, was genau passiert ist. Haben ukrainische Kampftaucher Sprengsätze deponiert? Handelt es sich bei dem LKW-Fahrer um einen Selbstmordattentäter? Wurde der LKW von einer Rakete getroffen?
Eine Explosion unter der Brücke, beispielsweise durch deponierte Bomben, ein Schiff oder U-Boot, ist eher auszuschließen, denn die nach außen verbogenen Brückengeländer sind Indiz für eine Explosion direkt auf der Fahrbahn18.
Das Wallstreet Journal schreibt dagegen19:
Tony Spamer, ein ehemaliger Experte der britischen Armee für Brückensprengungen, sagte, dass eine Lastwagenbombe zwar ein Loch in der Mitte der Brücke verursacht hätte, aber nicht ausgereicht hätte, um die Bewehrungsstäbe zu durchtrennen und die Struktur zum Einsturz zu bringen.
"Man muss die gesamte Breite der Brücke angreifen. Wenn man sich die Brücke ansieht, sieht es so aus, als wäre sie von unten angegriffen worden. Das ist ein Monsterjob".
Fotos der Explosionsstelle liefern keine Hinweise auf einen Raketeneinschlag20, Teile der Fahrbahn liegen allerdings unter Wasser. Falls es sich um einen Raketenangriff handelt, stellt sich aber die Frage, warum nur ein Geschoss zum Einsatz kam. Vielleicht will die ukrainische Armee die Russen zwingen, Truppen von anderen Schauplätzen abzuziehen, um diese Infrakstruktur besser zu schützen?
Der in der Explosion verwickelte LKW wurde vor der Brückenquerung einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung unterzogen, wie das Foto aus einer Überwachungskamera zeigt21. Ein größerer Sprengkörper hätte dabei eigentlich auffallen müssen. Der schnell identifizierte LKW-Fahrer hatte mit seiner Frau drei Kinder und galt als unauffällig22.
Trotzdem geht Hugo Kaaman, ein Experte für Fahrzeugbomben, davon aus, dass die Explosion vom LKW ausging23. Eine Rakete käme nicht in Frage, weil die Ukraine nicht über ein derart weitreichendes Projektil verfüge und der Sprengkopf sehr groß sein müsste. Aufgrund eines geschätzten Gewichts des Sprengsatzes von 1000 bis 2000 Kilogramm käme auch ein Boot nicht in Frage. Ohnehin hätte Letzteres auch deutliche Schmauchspuren auf der Brückenunterseite hinterlassen.
Vermutlich sei der Dünger Ammoniumnitrat als Bombengrundstoff bereits in der Ukraine mit einem Brandbeschleuniger vermischt und dann über den Kaukasus nach Krasnodar in Russland geschmuggelt worden. Eine Scheinfirma hätte im Raum Krasnodar den unwissenden Fahrer angeheuert und das Ammoniumnitrat mit einem Zünder auf seinen LKW verladen. Deshalb fuhr der LKW auch von Russland aus über die Brücke in Richtung Krim.
Die Bedeutung der Brücke darf nicht unterschätzt werden, denn zum einen dürfte die Explosion so weit weg von der Front viele Russen, die auf die Halbinsel zugezogen waren oder dort Urlaub machten, demoralisieren und zur Flucht veranlassen, zum anderen ist die Armeeversorgung ernsthaft gefährdet. Militär und Bevölkerung auf der Krim und in den westlichen Frontgebieten müssten wieder umständlich entweder über Fähren oder über die Landbrücke von Donezk aus versorgt werden. Teile der Landbrücke sind inzwischen allerdings durch die vorrückenden ukrainischen Truppen beziehungsweise deren weitreichenden HIMARS ebenfalls bedroht.

Die Karte zeigt die wichtigsten Straßenverbindungen in der Südukraine. Der eingezeichnete Frontverlauf gibt die Situation am 7. Oktober 2022 wieder. Karte: Open Street Map24
Da nur Teile einer der beiden Fahrbahnen zerstört waren, hatten Behörden an der Explosionsstelle schon einen Tag später dafür gesorgt, dass 20 Fahrzeuge pro Stunde die Brücke wieder queren können25 26. Das erlaubte Gesamtgewicht der Fahrzeuge betrug laut russischen Medien nur 3,5 Tonnen.
Auch die Zugstrecke konnte nach russischen Medienangaben über das noch vorhandene unzerstörte Gleis wieder in Betrieb genommen werden27. Fotos zeigten jedoch, dass das zweite Gleis wegen der Aufräumarbeiten auch Tage später nicht nutzbar war28.
Nach Angaben des von Russland ernannten Aufsehers der Krim dauerte die Wartezeit an der Fährüberfahrt auf der Krim am 12. Oktober 2022 etwa 3-4 Tage. Es hatte sich vor dem Fährableger ein Stau von 900 LKW gebildet29.
Anfang November wurden die genauen Schäden an der Krim-Brücke benannt30. Demnach müssen zunächst vier zerstörte Brückenfelder einer Fahrbahn ersetzt werden, bevor dann das gleiche mit der zweiten Fahrbahn geschieht. Die Arbeiten sollen im März 2023 abgeschlossen sein. Die Bahnstrecke ist derzeit nur eingleisig nutzbar, weil hier man hier Stützpfeiler erneuern muss, sodass der zweigleisige Betrieb erst im September 2023 wieder möglich ist.

Foto vom zerstörten Brückenabschnitt. Zwei Brückensegmente liegen halb im Meer, oben rechts ist der noch brennende Zug mit Tankwaggons zu sehen. Foto: DarthPutin31
Am 9. August 2022 griff die Ukraine einen wichtigen russischen Militärflugplatz in Nowofedoriwka auf der besetzten Krim an.
Der Angriff ist nach unserer Ansicht gleich aus mehreren Gründen bemerkenswert und von der Bedeutung her nur vergleichbar mit der Versenkung der Moskwa: Zum einen hatte die Ukraine Angriffe auf die besetzte Krim bisher vermieden, weil man Proteste westlicher Staaten fürchtete, zum anderen befindet sich der Flugplatz mehr als 200 Kilometer von der Front entfernt und damit eigentlich außer Reichweite der ukrainischen Haubitzen und Raketenwerfer. Auch konnte offenbar die russische Flugabwehr problemlos überwunden werden, was Fragen nach deren Effizienz aufwirft32. Nicht mal einen Luftalarm hat es gegeben!

Der ukrainische Journalist Illia Ponomarenko schreibt auf seinem Twitter-Kanal: »Berichten zufolge wurde der Flugplatz des 43. Regiments der russischen Luftwaffe in der Nähe der Stadt Saki auf der Krim angegriffen. Er befindet sich über 200 Kilometer tief im russisch kontrollierten Hinterland. Wodurch könnte das verursacht worden sein? https://t.co/Gsl7iI35Aj«
Laut einem Sprecher der ukrainischen Luftwaffe waren dort unter anderem Flugzeuge des Typs Su-24, Su-30 und Il-76 stationiert, von denen etwa 10 Stück zerstört wurden33. Mindestens 60 Piloten und Zivilisten auf dem Militärflugplatz sollen getötet und mehr als 100 verletzt sein, sagte ein Berater des ukrainischen Innenministeriums am 10. August34.
Eine Auswertung von Satellitenfotos ging am 11. August 2022 von mindestens 11 zerstörten Flugzeugen aus, darunter vier Su-30SM und sieben Su-24M(R)35. Andere Analysten listen als Verluste36:
Wir vermuten, dass die Russen sofort nach dem Angriff damit begonnen haben, die zerstörten Flugzeuge zu entfernen, damit über Satellitenaufnahmen keine Schadensabschätzung möglich ist.
Aber was für eine Waffe hat die Ukraine eingesetzt? Die von den HIMARS abgeschossenen Raketen haben ja nur eine Reichweite von maximal 84 Kilometern. Angriffe mit Kampfjets oder Drohnen erscheinen uns trotz vieler durch HARM-Anti-Radar-Raketen zerstörten russischen Radarstellungen ebenfalls unwahrscheinlich.
Offiziell hat das ukrainische Verteidigungsministerium -- entgegen der bisherigen Geflogenheiten -- keine Verantwortung übernommen, sondern nur eine Stellungnahme abgegeben, mit der man sich über die Russen lustig macht37:
"Zum Brand auf dem Gelände des Flugplatzes 'Saki' im Bereich der Siedlung Nowofedoriwka auf der Krim, die vorübergehend von Russland besetzt ist.
Das ukrainische Verteidigungsministerium kann die Ursache des Brandes nicht feststellen, erinnert aber noch einmal an die Regeln des Brandschutzes und das Rauchverbot an nicht näher bezeichneten Orten.
Die Brandursache kann von einem terroristischen Land für den Informationskrieg genutzt werden. Wir schließen nicht aus, dass die Bewohner "zufällig" einige charakteristische "Pässe", "Visitenkarten" oder sogar "DNA" [von Ukrainern] finden werden.
Bitte beachten Sie, dass Baumwollkleidung sehr hygienisch ist.
Bleiben Sie ruhig und glauben Sie an die Streitkräfte der Ukraine!"
Auch wenn die ukrainische Regierung offiziell keine Verantwortung für den Angriff übernahm, gibt es doch einige Hinweise auf die verwendete Waffe. Beispielsweise ist in den ersten Sekunden eines Urlaubervideos der typische doppelte Überschallknall einer Rakete zu hören38, was den Einsatz eines Marschflugkörpers mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließt.
Eine ukrainische Quelle sagte der Tageszeitung New York Times, dass »ein System ausschließlich ukrainischer Herstellung verwendet wurde«, was westliche Langstreckenraketen ausschließen würde39. Dies wurde auch von einem hochrangigen Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums in einem Hintergrundgespräch bestätigt40.
Das ukrainische Raketen- und Flugkörperunternehmen Pivdenne soll seit 2003 an einem Nachfolgesystem für die Totschka-U-Raketen arbeiten41, deren Leistungsdaten vergleichbar sind mit der russischen Iskander-M. Bekannt ist das Gesamtsystem unter dem Namen Sapsan, während die Bezeichnungen Grom/Grim/ Grim-2/Hrim-2 sich vielleicht auf Versionen der Raketen beziehen oder einfach nur andere Schreibweisen für die gleiche Rakete sind. »Grom« lässt sich mit »Donner« übersetzen.

Standbild aus einem Video, das Brände und Explosionen auf dem Flugfeld zeigt42. Im Vordergrund sind Urlauber in der Nähe des Strandes zu sehen.
Der Schock für die russischen Urlauber auf der Krim war bestimmt groß -- konnte man in den Minuten bis zum Angriff unbeschwert den Sommer fernab von der Front genießen, befand man sich auf einem Schlag mitten im Kriegsgebiet! Es bildeten sich auch rasch kilometerlange Staus auf den Straßen, die aus der Krim herausführen.

»Das ukrainische Verteidigungsministerium erinnert daran, dass die Anwesenheit von Besatzungstruppen auf dem Gebiet der ukrainischen Krim nicht mit der touristischen Hochsaison vereinbar ist.43«
Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums vom 28. Juni 2022 wurden seit Kriegsbeginn von der russischen Armee ca. 2.811 Raketen auf ukrainische Städte abgefeuert44. Dabei gab es sehr häufig Treffer in Wohnvierteln und in zivilen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Schulen oder Kindergärten.
Welches Leid die willkürlichen russischen Angriffe verursachen, sollen einige Beispiele zeigen. Bitte beachten Sie, dass vor allem in den ersten Kriegswochen täglich hunderte Zivilisten durch Artilleriebeschuss und Versorgungsmängel in eingeschlossenen Städten ums Leben kamen.
Am 16. März 2022 bombardierten die russischen Streitkräfte ein Theatergebäude in Mariupol, in dem sich hunderte Frauen und Kinder befanden45 46. Den Angreifern dürfte die humanitäre Funktion des Theaters bekannt gewesen sein, denn auf dem Pflaster vor und hinter dem Gebäude hatte man in großer weißer Schrift auf russisch »Kinder« geschrieben. Es sollte nicht helfen...
Offenbar aufgrund der damaligen chaotischen Lage in der Stadt, die permanenten Angriffen der russischen Armee ausgesetzt war, existieren nur sehr ungenaue Angaben über Opferzahlen. So beläuft sich die Zahl der Toten nach Recherchen der Nachrichtenagentur Associated Press auf 600 Personen. Eine im Oktober 2022 veröffentlichte Recherche, welche den Ablauf der Geschehnisse aufwendig rekonstruiert, kommt zum Fazit47:\
»Ausgehend von den Beweisen, die [das Online-Medium] Zaborona und das Center for Spatial Technologies bisher gesammelt haben, neigen wir zu der Schlussfolgerung, dass die meisten Bewohner des Theaters den Angriff überlebt haben und dass die Zahl der Toten zwischen einigen Dutzend und Hunderten von Menschen liegen könnte. Der fehlende Zugang zum Gebäude des Theaters und die [verloren gegangenen] Listen der Bewohner des Unterschlupfs machen es jedoch unmöglich, eine genauere Aussage zu treffen.«
Von der OSCE und Amnesty International wurde der russische Angriff auf das Theater als Kriegsverbrechen eingestuft.
Die russische Seite nutzte die übliche Strategie, indem sie zunächst als Grund für die Bombardierung die Stationierung von ukrainischem Militär im Theater nannte. Dann änderten die Russen das Narrativ und sprachen davon, dass die Ukrainer selbst das Gebäude in die Luft gesprengt hätten. Beide russischen Behauptungen wurden durch unabhängige Untersuchungen widerlegt.

Foto des Theaters, 10 Monate vor dem Angriff. Der hintere Teil des Gebäudes wurde beim Angriff bis auf die Grundmauern zerstört. Foto: Oleksandr Malyon (CC BY-SA 4.0)48
In einem Bericht auf der Website der britischen BBC49 wird vermutet, dass eine KAB-500L oder eine ähnliche Bombe zum Einsatz kam. Die lasergesteuerte KAB-500L50 wird vom Flugzeug abgeworfen und hat einen ca. 250 Kilogramm schweren Sprengkopf.
Am 27. Juni 2022 schlug eine Kh-22-Rakete in ein Einkaufszentrum in der Großstadt Kremenchuk ein. Eine zweite Kh-22 traf das ursprünglich geplante Ziel, eine benachbarte Maschinenfabrik, in der während des Donbasskonflikts Panzerfahrzeuge repariert worden waren. Ob die Fabrik zuletzt in irgendeiner Form der ukrainischen Armee zuarbeitete, ist nicht bekannt.
Die ukrainischen Behörden zählten einge Tage danach mindestens 22 Tote, 36 Vermisste und 60 teilweise schwer Verletzte51. Der Angriff ist um so tragischer, da das 250 Kilometer von Kiew entfernte Krementschuk bisher von Angriffen weitgehend verschont blieb52 und die Bevölkerung deshalb nicht vorgewarnt war.
Ursprünglich wurden die Kh-22-Raketen für die Bekämpfung von Kampfschiffen entwickelt. Bereits im Februar 2022, als die Kh-22 nachweislich zum ersten Mal eingesetzt worden war, warnte das britische Verteidigungsministerium vor dessen Ungenauigkeit, die »schwere Kollateralschäden und Opfer verursachen« könnte53. Laut einem ukrainischen Präsidentenberater hat die Anfang der 1960er Jahre in Dienst gestellte Kh-22-Rakete eine Genauigkeit von nur 200 bis 300 Metern54. Die russische Armee nahm mit dem Einsatz des Raketentyps mitten im Stadtgebiet also skrupelos zivile Opfer in Kauf.
Der Vollständigkeit sei erwähnt, dass es sich bei der verwendeten Raketen statt um die Kh-22 um die Weiterentwicklung Kh-32 handeln könnte. Diese Ansicht äußerte das Britische Verteidigungsministerium55.

Foto: Standbild aus einem Video vom Katastrophenschutz56
Wie von der russischen Propaganda gewohnt, gibt es widersprüchliche Erklärungen, darunter auch der Hinweis, dass das Einkaufszentrum nicht mehr im Betrieb war. Ein Faktencheck zeigt dagegen zahlreiche Beweise dafür, dass es zum Zeitpunkt des Angriffs geöffnet hatte57. Unter anderem existieren glaubwürdige Augenzeugenberichte und sogar Videos, die einige Tage vor dem Beschuss aufgenommen worden waren.

Die Redaktion der Nachrichtenseite TpyxaNews schreibt: »Die Russische Föderation teilte heute mit, dass das Amstor-Einkaufszentrum in Krementschuk nicht in Betrieb war und keine Menschen dort waren. Das Foto zeigt einen Kassenbon aus einem Spielzeuggeschäft, das sich im Gebäude befand. Der Kauf wurde am 27.06.2022 um 10:28 Uhr getätigt, wenige Stunden vor dem Raketenangriff«.58

Drei Standbilder aus einer Überwachungskamera zeigen den Einschlag59 60. Die vom Gefechtskopf verursachte Druckwelle brachte das ca. 200 Meter entfernte Gebäude zum Schwanken, an dem die Kamera befestigt ist.
Am Bahnhof in Kramatorsk im Osten der Ukraine warteten am 8. April 2022 zwischen 1000 bis 4000 Zivilisten, die vor dem russischen Einmarsch geflüchtet waren, auf ihre Weiterfahrt.
In der Nacht vor dem russischen Angriff gab es in einem pro-russischem Kanal eines sozialen Netzwerks die Warnung, nicht die Bahn in Kramatorsk und einer anderen Stadt zu nutzen.
Die von zwei russischen Raketen verteilte Streumunition führte zu entsetzlichen Szenen. Berichte von Augenzeugen beschreiben Menschen, welche durch die Explosionen Gliedmaßen verloren und Leichen, die inmitten herrenlosen Gepäcks verstreut lagen. Mindestens 59 Personen kamen ums Leben, ca. 300 wurden verwundet61.
Bemerkenswert ist die Verwendung von Totschka-U-Raketen, die Russland eigentlich vor Jahren außer Dienst gestellt hatte. Offenbar sollte damit die Schuld für den Angriff auf die ukrainische Seite geschoben werden, wo die veraltete Rakete noch im Einsatz ist.
Die russische Propaganda zeigte wieder mal ihre Doppelzüngigkeit, denn zunächst wurde von einem erfolgreichen Angriff auf einen Militärtransport in Kramatorsk gesprochen. Als sich dies nicht beweisen ließ, wurden die Behauptungen einfach aus den Propagandakanälen getilgt und der Angriff als ein ukrainischer Schwindel bezeichnet.
Anfang Juli 2022 veröffentlichte ein Kreml-treuer Propaganda-Kanal im Internet ein Video62, das den Start einer russischen Totschka-U in der ukrainischen Region Gulyai-Pole zeigt. Ein weiteres Video vom 10. Juli 202263 zeigt sechs Totschka-LKW in der Gegend von Luhansk. Damit ist trotz aller Dementies bewiesen, dass die russischen Truppen diesen Raketentyp an der Front einsetzen.

Nur einen Tag vor dem Angriff verbreitete die ukrainische Politikerin Lesia Vasylenko ein Video vom Gedränge am Bahnhof64.

Leere Kinderwagen und Reisegepäck stehen kurz nach dem Angriff auf dem blutverschmierten Pflaster am Bahnhof. Foto: Ukrainische Streitkräfte65.

Ein Foto66, das die Folgen der Streumunition zeigt, können wir Ihnen nicht ersparen:
»Nataliya und ihr Sohn Yaroslav und ihre Tochter Yana, beide 11 Jahre alt, wurden im April auf der Flucht vor den Kämpfen in der #Ukraine auf dem Bahnhof von #Kramatorsk von einer Rakete getroffen.💔
Seit Beginn des Krieges haben +1,5 Mio. Kinder medizinische Hilfe in Anspruch genommen mit Unterstützung von UNICEF und & Partnern.💙

Auf den Überresten einer Rakete -- bei Raketen mit Streumunition bleibt die Hülle nach dem Verteilen der Sprengkörper unversehrt -- standen die Worte »(als Rache) für die Kinder«. Foto: Lesia Vasylenko67
Bei einem Angriff auf ein Gefängnis in Oleniwka bei Donezk am 29. Juli 2022 sind viele Menschen ums Leben gekommen. Das russische Verteidigungsministerium veröffentlichte eine Liste von 50 Toten und 73 Verletzten. Im Gefängnis sollen sich viele ukrainische Kriegsgefangene befunden haben68.
Russland warf der Ukraine einen Angriff auf das Gefängnis mit von HIMARS abgefeuerten Raketen vor, während die ukrainische Regierung und unabhängige Beobachter von einem russischen Ablenkungsmaneuver ausgehen69. Beispielsweise zeigen die Fotos vom zerstörten Gebäude Brandspuren, aber keine Hinweise auf Explosionen, wie sie bei HIMARS-Raketen üblich sind. Die Opfer wären zudem zerfetzt worden.
Darüber hinaus sei die Nutzung des Gebäudes als Kriegsgefangenenlager schon lange bekannt, weshalb die Ukraine es niemals beschießen würde. Ohnehin hätte man dafür keine Raketen, sondern Artillerie verwendet, denn das Gefängnis befindet sich nur 15 Kilometer von der Front entfernt, was übrigens gegen Artikel 19 der Genfer Konvention verstößt und ein Kriegsverbrechen darstellt.
Am 1. August 2022 bestätigten nicht genannte US-Regierungsmitarbeiter gegenüber der Nachrichten-Website Politico, dass keine Beweise für einen HIMARS-Angriff vorlägen70.
Die genauen Umstände und Gründe für den Angriff werden wohl immer im Dunkeln bleiben. Vermutet wird, dass von den Russen thermobarische Geschosse auf das Gebäude abgeschossen wurden, als die Gefangenen schliefen.
https://www.oryxspioenkop.com/2022/04/destination-disaster-russias-failure-at.html
https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Antonov_Airport#Background
https://twitter.com/COUPSURE/status/1496816347719872515 (Video)
https://twitter.com/Global_Mil_Info/status/1502712881745432584 (Video)
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https://twitter.com/nexta_tv/status/1548721432108142595
https://www.newsweek.com/exclusive-russias-air-war-ukraine-total-failure-new-data-show-1709388
https://t.me/uniannet/50134
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https://twitter.com/motytchak/status/1557006943075672065
https://twitter.com/DefenceU/status/1557061408340287490/photo/1 (aufgehellt durch den Autor)
https://twitter.com/DefenceU/status/1541897349441720321
https://en.wikipedia.org/wiki/Mariupol_theatre_airstrike
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