Dies ist ein Auszug aus dem Buch Der Ukraine-Krieg: Hintergründe – Schauplätze – Folgen
Die Ukraine besaß zu Kriegsbeginn folgende Flotte an Kampfflugzeugen und Kampfhubschraubern1:
Die uns zugänglichen Videos zeigen eine Vorgehensweise der Piloten beider Seiten, die ineffektiv aussieht: Nach einem Anflug in niedriger Höhe werden die mitgeführten ungelenkten Raketen in großer Entfernung in Richtung des Feindes verschossen, wobei abgeschossene Leuchtkugeln (Flares) mögliche Luftabwehrraketen verwirren sollen.
Während die Ukraine nur Kampfflugzeuge und Hubschrauber nutzt, die sie nach dem Verfall der Sowjetunion behalten hat, konnte Russland seine Luftflotte modernisieren und erweitern. Mit mehr als 1.000 Kampfflugzeugen und mehr als 1.300 Hubschraubern2 müsste Russland eigentlich in der Luft unbesiegbar sein.
Am 12. Juli 2022 berichtete das Online-Medium Ukrainska Pravda, dass die ukrainische Luftwaffe seit dem 24. Februar (dem Beginn des russischen Angriffskriegs) 1.700 Angriffe auf russische Positionen, Lager, Gerät und Truppen durchgeführt hätte3. Es ist unklar, ob auch mit Drohnen abgeworfene Bomben mitgezählt wurden.
Schon in den ersten Tagen der Invasion fiel die geringe Aktivität der russischen Luftwaffe auf. Zurückgeführt wird dies auf die mangelnden SEAD-Einsätze4. SEAD steht für »Suppression of Enemy Air Defences«, auf deutsch »Unterdrückung der gegnerischen Luftabwehr«. Dabei werden unter anderem gezielt Kommandozentralen, Radarstellungen und Flugabwehrraketenstellungen bekämpft. Vermutet werden als Grund dafür die geringen Flugstunden der Piloten, das Fehlen von auf SEAD spezialisierten Einheiten und von präzisen Geschossen. Hinzu kommen als weitere Faktoren die mit mobilen Luftabwehrraketen ausgestatten ukrainischen Soldaten und die Frühwarninfos der Nato5.
Bis Ende Mai hatte die russische Luftwaffe mehr als 20.000 Einsätze geflogen, war dabei aber nur 3.000 Mal in den ukrainischen Luftraum eingedrungen6. Die russischen Kampfflugzeuge steigen also auf und schießen dann im russischen Luftraum ihre mitgeführten Raketen ab.
Zu den Lufteinsätzen der Ukraine selbst gibt es praktisch keine aktuellen Angaben. Allerdings wurde im Juni 2022 bekannt, dass die Ukraine ihre Luftoperationen auf 20 bis 30 Einsätze pro Tag reduziert hat7. Grund seien die Verlagerung der Kämpfe in den Donbass, wo der Gegner eine aktive Luftabwehr betreibe. Etwa 70 Prozent der ukrainischen Lufteinsätze seien nun direkte Luftunterstützung der vorrückenden Truppen.
Eine Flugabwehr mit radargestützten Raketensystemen ist sehr wichtig, weil sonst der Feind ungehindert mit Flugzeugen, Hubschraubern und Raketen Stellungen angreifen kann. Auch die Truppenverlegung per Lufttransport zur schnellen Besetzung von Gebieten im Hinterland wird so verhindert.
Die in Filmen über den 2. Weltkrieg gezeigten Flugabwehrkanonen großen Kalibers (Flak) sind natürlich schon vor Jahrzehnten ausrangiert worden. Auf dem ukrainischen Schlachtfeld sind allerdings mit bis 1.000 Schuss/Minute sehr schnell feuernde Kanonen mit 23 mm-Kaliber anzutreffen. Diese spielen allerdings unserer Meinung nach aktuell keine wichtige Rolle. Das könnte sich vielleicht mit dem Flugabwehrpanzer Gepard ändern, den Deutschland inzwischen in kleinen Stückzahlen geliefert hat (siehe Kapitel Flugabwehrpanzer Gepard).
Gegen die moderne Kampfflugzeuge und Raketen kommen heute vorwiegend Flugabwehrraketen zum Einsatz, die selbsttätig ihr Ziel suchen.
Die von Russland eingesetzten Boden-Luft-Raketenträger führen Radarsysteme zur Feinderkennung mit8. Hier die wichtigsten:

Pantsir-S1 der russischen Armee. Die in verschiedene Richtungen zeigenden Raketenrohre geben dem Gefährt ein futuristisches Aussehen. Foto: Vitaly V. Kuzmin (CC BY-SA 4.0)10\
Geht man von den in der Ukraine vorhandenen Stückzahlen zu Beginn des Krieges aus, dürften dessen Streitkräfte vor allem Strela 10 und Buk einsetzen11. Zwar fällt den Ukrainern auch ab und eines der verschiedenen russischen Flugabwehrsysteme unversehrt in die Hände, nur dürfte es unwahrscheinlich sein, dass sie diese gegen den vormaligen Besitzer erfolgreich anwenden, weil sie nicht darauf ausgebildet sind.
Nach Angaben aus ukrainischen Armeekreisen wurden inzwischen (Stand Mitte Juli 2022) 3 Pantsir-S1 erobert12. Mindestens ein Pantsir-S1 soll für die Ukraine im Einsatz sein.
Sowohl die russische als auch die ukrainische Seite setzen schultergestützte Luftabwehrraketen ein. Diese haben im Vergleich zu auf Fahrzeugen montierten Systemen zwar eine geringere Reichweite, aber dafür können kleine Trupps sie unbemerkt in die Nähe von Flugkorridoren des Gegners bringen und abfeuern. Ein weiterer Vorteil ist die schnelle Einweisung in die Systeme, die dem »Fire-and-forget«-Prinzip arbeiten.
Aus Sicherheitsgründen, damit der Bediener keine Verbrennungen erleidet, erfolgt zunächst die Zündung eines Treibsatzes, der die Rakete aus dem Rohr befördert. Erst danach zündet der Raketenmotor. Die Steuerung enhält einen Infrarot-Suchkopf, weshalb alle Hubschrauber und Flugzeuge bei ihren Einsätzen Leuchtkugeln (sogenannte Flares) abschießen, die Flugabwehrraketen auf sich ziehen sollen.
Mindestens einmal wurde übrigens auch eine Panzerabwehrrakete (siehe Kapitel Panzerabwehrwaffen) erfolgreich gegen einen niedrig fliegenden russischen Kampfhubschrauber eingesetzt13.
Die von der Ukraine genutzten Systeme mit ihrer maximalen Reichweite14:
Strela- und Igla-Systeme wurden bereits zu Sowjetzeiten entwickelt und sind daher auf beiden Seiten im Einsatz.
Von Großbritannien wurde Starstreak an die Ukraine geliefert. Das vergleichsweise komplexe System besteht aus einer Ziel- und Abschusseinheit. Das Ziel wird zunächst optisch anvisiert, dann startet der Bediener die Rakete, welche nach kurzer Flugzeit drei Subraketen von jeweils 900 Gramm Gewicht absetzt. Diese werden über Laserstrahlen von der Zieleinheit am Boden gelenkt. Gegenüber anderen Systemen, die auf Infrarotdektoren angewiesen sind, sind herkömmliche Gegenmaßnahmen wie Anti-Radar- oder Leuchtkugeln sinnlos. Allerdings setzt die Bedienung der Starstreak eine gute Ausbildung voraus. Die effektive Reichweite beträgt 7 km.
Die FIM-92 Stinger wurde über die Jahrzehnte in verschiedenen Varianten produziert, die eine Reichweite von 4,8 km haben. Neuere Versionen haben neben einem Infrarot- auch einen UV-Suchkopf. Insgesamt wurden von den Nato-Staaten 2000 Stinger an die Ukraine geliefert.
Drohnen sind umbemannte Luftfahrzeuge, die in diversen zivilen und militärischen Varianten erhältlich sind. Man spricht auch von UAV (Unmanned Aerial Vehicle).
Die Steuerung erfolgt über eine Funkverbindung, bei größeren Drohnen wie der unten noch vorgestellten Bayraktar TB2 auch per Satellit. Hobbyisten können sich kleinere Drohnen leicht anhand von Bastelanleitungen aus dem Internet mit handelsüblichen Elektronikkomponenten selbst zusammenbauen. Die Drohne überträgt ein Livevideo auf das Handy oder Notebook des Piloten, sodass sie auch mehrere Kilometer entfernt noch sicher gesteuert werden kann. Dazu trägt auch der integrierte GPS- beziehungsweise GLONASS-Empfänger im Fluggerät bei.
Die meisten Drohnenmodelle funktionieren wie Hubschrauber, das heißt sie können senkrecht starten und landen. Der für die Stabilisierung benötigte Heckrotor -- das Fluggerät würde sich mit nur einem Propeller wie ein Kreisel in die Runde drehen -- ersetzen gegenläufig laufende Propeller. Üblich sind 4, bei größeren Drohnen auch 8 oder mehr.

Die Drohne DJI Mavic Air 2.
Für den Transport von schweren Raketen oder aufwendigen Sensoren eignen sich mit Akku betriebene Drohnen nicht. Größere Drohnen wie die mehr als 400 Kilogramm schwere Bayraktar TB2 sind Tragflächenflugzeuge mit Verbrennungsmotoren oder Turbinen. Statt der bei Akku-Drohnen üblichen Flugzeit von 20-40 Minuten bleiben solche Flugobjekte sehr lange in der Luft, bei der erwähnten Bayraktar beispielsweise bis zu 27 Stunden bei einer Waffennutzlast von maximal 150 Kilogramm15.

Bayraktar TB2. Das Foto macht die Abmessungen der Drohne deutlich. Foto: Baykar16

Hobbydrohnen lassen sich auch zu Mini-Bombern umbauen. Hier eine DJI Mavic-Drohne mit selbstgebauter Abwurfeinrichtung für eine VOG-17-Granate17.

Seltenes Schauspiel: Eine ukrainische Drohne hatte erfolgreich an der Ausrichtung von ukrainischem Artilleriefeuer auf russische Fahrzeuge mitgewirkt, wurde aber kurz danach von einer gegnerischen Boden-Luft-Rakete vom Himmel geholt. Im Bild sieht man die Rauchspur der nahenden Rakete18 19.
Ukrainische und russische Soldaten nutzen neben militärischen auch kommerzielle Drohnen, letztere werden häufig durch Spenden finanziert. Die maximale Flugzeit der beliebten Modelle des chinesischen Herstellers DJI von 30 bis 40 Minuten reichen für Aufklärung und Zielerfassung vollkommen aus.
Den Kriegsparteien ist die Bedeutung der Drohnen bewusst, weshalb sich beide nicht scheuen, ihre Drohnen gegenseitig sogar mit den teuren Boden-Luftraketen abzuschießen. Manchmal holt aber auch gezieltes Gewehrfeuer mit etwas Glück eine tieffliegende Drohne vom Himmel.
Drohnenproduzent DJI möchte übrigens nicht in den Konflikt hineingezogen werden und hat deshalb Ende April 2022 den Vertrieb seiner Produkte in der Ukraine und Russland offiziell eingestellt20. Dies hindert aber niemanden daran, die beliebten Drohnen einfach vom Ausland einzuführen.
Die Drohnen-Einheit Aerorozvidka der ukrainischen Armee hat der Presse mehrmals Einblick21 22 in ihre Arbeit gegeben. Ihre Aufgaben sind das Lenken von Artilleriefeuer, Aufklärung und Sprengstoffabwürfe auf Fahrzeuge.
Neben günstigen kommerziellen Drohnen von DJI, Parrot usw. setzt Aerorozvidka selbstgebaute Octocopter (Octo = 8 Propeller) mit dem Namen R18 ein, welche 40 Minuten Flugzeit erreichen und bis zu 5 Kilogramm schwere Bomben abwerfen. Eine R18 schlägt mit 20.000 US-Dollar zu Buche, die gut angelegt sind. Zum Vergleich kostet die Panzerabwehrrakete NLAW ca. 33.000 US-Dollar und die Javelin ca. 174.000 US-Dollar23, sind aber jeweils nur einmalig einsetzbar.
Für Aufklärungsarbeit kommt die flugzeugähnliche PD-1-Drohne zum Einsatz, die bis zu 8 Stunden in der Luft bleibt. Die mehr als 50 Drohnen-Piloten der ukrainischen Einheit führen jeden Tag rund 300 Aufklärungs- und Bombenmissionen durch.
Eine typische Mission findet Nachts statt. Mit Nachtsichtgeräten ausgerüstet bewegen sich die Soldaten auf Quads zu ihrer Position, wo sie die Drohnen auspacken, mit Bomben bewaffnen und dann auf die Reise schicken. Aufgrund der Flughöhe von etwa 300 Meter sind die Drohnen praktisch unhörbar, finden aber dank Wärmebildkameras sehr einfach ihr Ziel.
Die in sozialen Netzwerken hochgeladenen Videos, welche die erfolgreiche Arbeit dokumentieren, sind mit Musik hinterlegt. Die Drohnen haben nun mal kein Mikrofon, sodass die erzeugten Aufnahmen lautlos sind und leider dazu verführen, schlechten Musikgeschmack zu dokumentieren...

Dieser R18-Octocopter der Drohnen-Einheit lässt während einer Demonstation die mitgeführte Granate fallen24.

Als »Bomben« kommen unter anderem alte sowjetische RKG-3-Granaten zum Einsatz. Diese musste der Soldat früher von Hand aus wenigen Metern Entfernung auf die gegnerischen Panzer werfen, was extrem gefährlich war (heute finden stattdessen Panzerabwehrraketen Verwendung). Für den Drohnenabwurf mit 3D-gedruckten Finnen ausgestattet, werden die alten Granaten dagegen zu einer modernen und tödlichen Distanzwaffe.

Die Website der Drohnen-Einheit Aerorozvidka25.
Während ukrainische Soldaten und Unterstützer inzwischen hunderte von Drohnenvideos in sozialen Medien veröffentlicht haben, kann man dies von der russischen Seite nicht behaupten. Das heißt aber nicht, dass die russischen Einheiten kaum Drohnen nutzen.
Laut der Website Military Factory nutzt die russische Armee 24 verschiedene Drohnenmodelle26, wovon aber hauptsächlich die Orlan-10 zum Einsatz kommt. Dies legen zumindest die zahlreichen Fotos und Videos von erfolgreichen Abschüssen durch die ukrainische Armee nahe.
Auch von den Soldaten selbst gekaufte oder über Spenden finanzierte kommerzielle Drohnen sind bei den russischen Truppen im Einsatz.
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Startvorbereitung für eine Orlan-10. Foto: Russisches Verteidigungsministerium27.
Die von einem Bezinmotor angetriebene Orlan-10 hat kein Fahrgestell, sondern startet von einem kleinen Katapult. Nach erfolgreicher Mission kehrt das Flugzeug am Fallschirm hängend zum Erdboden zurück. Je nach Aufgabengebiet wird die Orlan-10 mit unterschiedlichen Kameras und Sensoren bestückt. Eine Nutzlast von maximal 6 Kilogramm hält das Flugobjekt bis zu 6 Stunden in der Luft.
Vermutlich sorgt der laute Benzinmotor dafür, dass die Drohne im Vergleich zu den leiseren akkubetriebenen Drohnen leicht zu entdecken ist. Zumindest würde das die hohen Abschusszahlen erklären.
Die in der Orlan-10 verbauten Komponenten stammen fast alle -- wie auch bei vielen anderen Militärgerätschaften -- aus dem Westen oder Asien. Das zeigt eine bereits 2018 für die Website Inform Napalm durchgeführte Analyse28. Tatsächlich sind die einzigen in Russland hergestellten Bestandteile der Fallschirm und der aus Holz und Plastik hergestellte Flugkörper -- und selbst bei denen weiß man nicht, ob die Grundmaterialien nach Russland importiert wurden.\

In einem im April 2022 auf Twitter29 und später YouTube30 (mit englischen Untertiteln) veröffentlichten »Unboxing-Video« der Orlan-10 sieht man, dass einer der drei verbauten »Fotosensoren« aus einer handelsüblichen Canon-Spiegelreflexkamera besteht, die mit Klettband befestigt ist.\
Man mag über die Orlan-10 lästern, aber wegen ihres geradezu primitiven Designs kann sie schnell aus handelsüblichen zivilen Komponenten hergestellt werden. Das ist wichtig zur Umgehung westlicher Sanktionen auf waffentaugliches Material.
Natürlich orientiert sich die Nutzlast der Orlan-10 an der Aufgabe, weshalb es 14 verschiedene Varianten gibt31. Eine Version soll beispielsweise Mobilfunkmasten im Feindgebiet identifizieren, russischen Truppen als Kommunikationsstation dienen und in einem Umkreis von 100 Kilometer den gegnerischen Funkverkehr stören32.

Gegenmaßnahme: Im Dezember 2021 erhielt die ukrainische Armee aus Litauen erstmals 10 EDM4S-UA, mit der sich gegnerischen Drohnen durch Störsignale abschießen lassen33. Die »Waffe« (vom Soldat in der Bildmitte gehalten) sieht aus wie ein Requisit aus einem Science Fiction-Film. Im Juni 2022 wurden mindestens 110 weitere Drohnen-Störsender in Litauen bestellt34. Auch ein Video ist aufgetaucht, das eine russische Drohne zeigt, die von ukrainischen Soldaten mit einem der EDM4S-UA-Störsender zum Landen gezwungen wird35.

Abgeschossene Orlan-1036. Der Treibstofftank besteht aus einer handelsüblichen Getränkeflasche.
Am 11. Juli 2022 informierte die US-Regierung über Pläne des Iran, Russland mit mehreren hundert Drohnen, darunter auch waffenfähige, zu versorgen37. Der Iran hat eine 20-jährige Erfahrung im Drohenbau aufzuweisen, den das Land unter anderem mit erfolgreichen Angriffen im Nachbarland Saudi-Arabien unter Beweis gestellt hat38 39.
Laut einem Bericht des amerikanischen Nachrichtensenders CNN40 wurden einer russischen Delegation auf einem iranischen Flugplatz mindestens zweimal Drohnen demonstriert. Dabei soll es sich um die Typen Shahed 129 und Shahed 191 handeln41.
Die Shahed 129 hat eine Flugdauer von etwa 24 Stunden, kann mit vier bis acht Bomben beziehungsweise Flugkörpern bewaffnet werden und verfügt Berichten zufolge über eine leistungsfähige Sensorausstattung.

Die Shahed 191 basiert auf dem Design einer amerikanischen Lockheed Martin RQ-17042 Überwachungsdrohne, die 2011 von Iran erbeutet wurde. Berichten zufolge hat sie eine Flugdauer von etwa 4,5 Stunden, eine Reichweite von 450 km und kann mit zwei Bomben in internen Waffenschächten bewaffnet werden. Foto: Fars Media Corporation (CC BY 4.0)43
Laut ukrainischen Regierungsbeamten soll Russland am 5. August 2022 vom Iran erstmals 46 Drohnen erhalten haben. Zumindest bei einem Teil soll es sich um Shahed 129 handeln44.
Bei der Shahed 13645 handelt es sich um eine sogenannte Kamikaze-Drohne. Der Deltaflügler wird nicht ferngesteuert und trägt eine bis zu 40 Kilogramm schwere Sprengladung per GPS beziehungsweise Trägheitsnavigation ins Ziel. Nach ukrainischen Angaben sind die Drohnen vermutlich seit dem 13. September 2022 zum Einsatz gekommen. Prinzipbedingt ist die Zielgenauigkeit recht gering und die Belämpfung von bewegten Zielen damit nicht möglich. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten soll Russland 2.400 Shahed 136 beim Mullah-Regime bestellt haben46.

Fünf startbereite Shahed 136 auf einem undatierten Foto von iranischen Medien. Mittels einer Raketentreibladung werden die Dronen jeweils ausgestossen, bevor der Motor übernimmt. Das erspart die Errichtung einer Startrampe oder Startbahn.
Zwar fliegt die Drone, die aufgrund des verbauten 2-Takt-Motors den Spitznamen »Moped« hat, relativ langsam und niedrig, hat aber vermutlich nur Produktionskosten von 20.000 US-Dollar, was weit unter den Kosten der in der Ukraine verfügbaren Raketenabwehrsysteme liegt. Erschwert wird die Bekämpfung durch die geringe Radar- und Wärmesignatur. Offenbar setzt Russland die Shahed 136 in Schwärmen ein, um die ukrainische Flugabwehr zu überwältigen.
In den sozialen Medien kursieren Videos, die Soldaten zeigen, welche mit ihren Gewehren auf eine anfliegende Shahed 136 schießen. Auch Kampfjets können diese Drohne relativ einfach mit ihren Bordwaffen zerstören, wobei aber immer die Gefahr von Kollateralschäden durch Explosionstrümmer besteht.
Der Flugabwehrpanzer Gepard (siehe Kapitel Flugabwehrpanzer Gepard) ist ebenfalls für die Bekämpfung kleiner Drohnen geeignet und hat den Vorteil, dass die verwendete Munition um ein Vielfaches günstiger als Flugabwehrraketen ist.
Am 20. August soll Russland 140 Millionen US-Dollar in bar, jeweils eine erbeutete NLAW- und Javelin-Panzerabwehrrakete, sowie eine Javalin-Flugabwehrrakete per Flugzeug in den Iran geliefert haben47. Die Iraner dürften die Waffen untersuchen und als Vorlage für Nachbauten verwenden. Im Gegenzug versorgten die Iraner Russland mit 160 Drohnen, davon 100 des Typs Shahed-136. Ein folgender Drohnen-Deal soll sogar 200 Millionen US-Dollar umfassen.
Die von einer türkischen Firma produzierte Bayraktar TB2 dient der Aufklärung, kann aber auch lasergesteuerte Gleitbomben abwerfen. Schon 2019 hatte Ukraine 20 Bayraktar TB2 erworben, es dürften aber inzwischen wesentlich mehr geliefert worden sein.
Die Bayraktar TB2 lässt sich, je nach Mission, mit den türkischen Waffensystemen MAM-C oder MAM-L ausrüsten. Die MAM-C48 ist eine lasergesteuerte Gleitbombe mit 8 km Reichweite, die schwerere MAM-L49 hat eine doppelte Reichweite und einen größeren Sprengkopf. Es stehen für beide Munitionstypen unterschiedliche Splitter- oder panzerbrechende Gefechtsköpfe zur Verfügung.
In den Anfangstagen des Kriegs veröffentlichte die ukrainische Armeeführung zu Propagandazwecken zahlreiche Videos von erfolgreichen Angriffen der TB2. Die Drohne wurde so populär, dass es sogar einen entsprechenden Song dazu gibt50 und manche Ukrainer ihre Haustiere danach benannten.
Die Zahl der neuen TB2-Videos inzwischen deutlich zurückgegangen. Offenbar hält die ukrainische Regierung das aufgezeichnete Videomaterial gezielt zurück und auch Angaben zu erfolgreichen Missionen gibt es offiziell kaum noch.
Deshalb lässt sich der Erfolg der TB2 nur sehr schwer einschätzen. Indizien liefert zumindest die Oryx-Website, auf der Freiwillige alle bestätigten TB2-Abschüsse sammeln51. Bestätigt waren dort Anfang Juni 10 Abschüsse von Hubschraubern, 5 Schiffen, 13 Boden-Luft-Raketensystemen und 24 Fahrzeugen. Panzer tauchen in der Liste nicht auf. Im Vergleich zu den von anderen ukrainischen Waffensystemen zerstörten Waffensystemen und Fahrzeugen erscheint die Zahl extrem gering.
Ab Juni 2022 konzentrierten sich die Kämpfe auf den Donbass, wo die russische Luftabwehr sehr effektiv ist. Deshalb wurde der Bayraktar-Einsatz ebenso wie die Einsätze von Kampfhubschraubern und Kampfjets stark zurückgefahren52.
Unabhängig davon, wie sinnvoll sich die Bayraktar-Drohnen derzeit einsetzen lassen, gab es in Litauen Ende Mai 2022 einen Spendenaufruf, um der Ukraine eine TB2-Drohne zu kaufen53. Eine weitere Kapagne des ukrainischen Politikers und Aktivisten Serhiy Prytula54 für die Anschaffung von drei TB2-Drohnen Im Juni 2022 brachte sogar 20 Millionen statt der erhofften 15 Millionen US-Dollar zusammen55. In beiden Fällen kündigte der Hersteller Baykar an, dass er die TB2 kostenlos an die ukrainische Armee übergibt. Die für den Kauf gesammelten Beträge bat das Unternehmen stattdessen für wohltätige Zwecke in der Ukraine zu verwenden56. In der Folgezeit kam es zu weiteren Spendenaktionen unter anderem in Kanada, Polen, Norwegen57 und der Ukraine selbst für die Finanzierung von Drohnenlieferungen, auf die wir hier nicht eingehen.
In einem Interview mit dem US-Sender CNN bekräftigte der CEO des Drohnenherstellers Halyuk Bayraktar, dass man die TB2-Drohnen nicht an Russland verkaufe: »Wir würden so etwas nie tun, denn wir unterstützen den Widerstand der Ukraine, ihre Souveränität und Unabhängigkeit«58.
Laut dem ukrainischen Botschafter in der Türkei plant das Unternehmen Baykar den Bau einer Fabrik zur Herstellung von Bayraktar-Drohnen in der Ukraine. Baykar habe bereits ein Unternehmen in der Ukraine gegründet und ein Grundstück erworben59.
Die TB2 soll außerdem mit Luft-Luft-Raketen ausgestattet werden, um Drohnen wie die iranische Shahed-136 (siehe Kapitel Iranische Drohnen für Russland) zu bekämpfen.
Während im zweiten Weltkrieg noch direkte Panzergefechte die Regel waren, spielen diese im Ukraine-Krieg keine Rolle mehr. Auch die damals übliche Panzerbekämpfung durch Erdkampfflugzeuge60 wäre heute undenkbar.
Die meisten Panzer gehen im Ukraine-Krieg vermutlich durch gezieltes Artilleriefeuer verloren. Daneben spielen aber auch Minen und vor allem mobile Panzerabwehrwaffen eine Rolle. An dieser Stelle werden wir einige Systeme vorstellen, die eine größere Rolle in der Ukraine spielen.
Vor allem die RPG-Modelle sind häufig bei beiden Kriegsparteien im Einsatz. RPG ist die russische Abkürzung für »Hand-Granatwerfer zur Panzerabwehr«. Am häufigsten auf dem Schlachtfeld anzutreffen ist vermutlich der Typ RPG-761, die meistproduzierte sowjetische Panzerabwehrwaffe.
Nach dem Abschuss des mit Treibspiegel beziehungsweise Raketenantrieb beschleunigten Geschosses wird das Abschussrohr in der Regel weggeworfen. Die meisten RPG-Typen sind nur auf Entfernungen zwischen 250 bis 300 Meter effektiv, da die Geschosse ungelenkt sind und Windböen die Flugbahn stark beeinflussen. Aufgabenabhängig stehen verschiedene Geschossarten zur Verfügung.

RPG-7 mit zugehöriger Granate. Foto: Michal Maňas (CC BY-SA 2.5)62.
Panzerabwehrlenkwaffen63 besitzen dagegen eine eingebaute Steuerung, was die Bedienung erleichtert. Bei halbautomatischen wie den russischen 9K115-2 Metis-M oder 9K135 Kornet muss der Schütze das Ziel anvisieren beziehungsweise mit einem Laser markieren. Aktive Systeme sind dagegen vollautomatische »Fire-and-Forget«-Waffen, die automatisch das einmal ausgewählte Ziel anfliegen. Dazu zählt auch die in Großbritannien produzierte und von den Ukrainern genutzte NLAW64 mit einer Reichweite von bis zu 800 Meter. Großbritannien hat bis März 2022 4.000 NLAW-Systeme an die Ukraine abgegeben65.
Auch die von den USA gelieferte FGM-148 Javelin66 ist eine Fire-and-Forget-Waffe. Ihr Clou besteht in der Angriffsweise, denn sie steigt auf 150 Meter auf und steuert dann den Panzer an seiner empfindlichsten Stelle, von oben an. Die Einsatzreichweite liegt bei 2 km. Die USA haben nach eigenen Angaben bis April 2022 mehr als 5.000 Javelin an die Ukraine geliefert67.
Moderne Panzerabwehrraketen wie NLAW und Javelin arbeiten zweistufig. Zunächst werden sie mit einer Treibladung ausgestoßen und starten erst dann das Raketentriebwerk. Auf Videos sieht es daher so aus, als ob das Geschoß Startschwierigkeiten hat. Trotzdem muss hinter dem Schützen ein Sicherheitsabstand eingehalten werden, weil sonst schwere Verbrennungen möglich sind.
Den russischen Soldaten ist die Gefahr durch Panzerabwehrraketen und Granatensplitter nicht entgangen. Als zusätzlichen Schutz bringen sie daher an ihren Fahrzeugen in bunter Mischung Bleche, Holzbalken, mit Sand oder Kies gefüllte Säcke und vieles mehr an. Besonders beliebt sind bei den Panzerbesatzungen sogenannte Javelin-Käfige die aus Blechen oder Rohren bestehen und wie ein Baldachin den Turm bedecken. Der Nutzen ist allerdings offenbar gering, wenn man sich die in sozialen Medien kursierenden Fotos von abgeschossenen Panzern mit Schutzeinrichtung ansieht.
Für die im Jahr 2020 vorgestellte Javelin FGM-148F68 wurde einen Mehrfachsprengkopf entwickelt, der den Javelin-Käfig leicht überwindet. Im übrigen muss nicht unbedingt die Panzerung durchschlagen werden, denn es reicht, wenn die Explosion Teile der Zieleinrichtung, das Kanonenrohr, die Laufräder oder die Kette beschädigt.

Das Standbild aus einem Video zeigt den Abschuss einer Javelin. Das Geschoss wurde ausgestossen, aber der Raketenmotor hat noch nicht gestartet69.

Foto eines Panzers mit improvisiertem Schutzkäfig über dem Geschützturm70. Die Beschreibung: »Russischer T-72B3M, der in den letzten Tagen von ukrainischen Streitkräften in der Region Mykolajiw zerstört wurde. Man beachte, dass der Javelin-Käfig, auch bekannt als \"Cope Cage«, überhaupt nicht hilfreich war.«
Drohnen, selbstlenkende Raketen, Kampfhubschrauber und Flugzeuge nutzen für die Navigation das amerikanische GPS oder russische GLONASS. Die meisten Drohnen sind zudem auf eine permanente Funkverbindung angewiesen, zum einen für die Steuerung, zum anderen für die Livevideoübertragung. Funkverbindungen lassen sich aber vergleichsweise einfach stören. Bei größeren Drohnen wie die Bayraktar TB2 läuft die Datenübertragung deshalb über eine Satellitenverbindung, die gegen Störungen fast immun ist.
Eigentlich sind die russischen Fähigkeiten zur Störung von Satellitennavigation und Funkverbindungen legendär. Im März 2022 waren beispielsweise Störsender in der russischen Enklave Kaliningrad oder an der russisch-finnischen Grenze aktiv, was zu massiven Behinderungen des dortigen Flugverkehrs führte. Eine litauische Fluglinie musste deshalb mehr als ein dutzend Verbindungen absagen71.
Der elektronische Krieg besteht aus drei Elementen: Erkundung, Angriff und Schutz. Durch das Abhören und lokalisieren von Sendern gewinnt man wertvolle Informationen über den Gegner und seine Absichten. Beim Angriff werden gegnerischen Systeme, einschließlich Funk, Mobilnetze und Radar durch »weißes Rauschen« (Überlagerung des ursprünglichen Signals) gestört und außer Gefecht gesetzt. Für Schutz sorgt das sogenannte Spoofing, bei dem Signale der Navigationssatelliten »nachgeahmt« werden und den Empfänger einen falschen Standort vorgaukeln.

Regelmäßig sind Aufklärungsflugzeuge und Drohnen der Nato-Mitglieder in der Nähe der Landesgrenzen von Russland und Ukraine unterwegs72. Weil alle Flugzeuge per Funk eine eindeutige Kennung senden, lassen sich ihre Bewegungen nachvollziehen. Inwieweit ihre Sensordaten auch der Ukraine zur Verfügung gestellt werden, ist unbekannt.\
Wie AP News73 berichtet, war der russische Einsatz der elektronischen Kriegsführung besonders in den ersten Kriegstagen weniger wirksam und umfangreich als erwartet. Eventuell konnten deshalb nicht genügend ukrainische Radar- und Flugabwehranlagen zerstört werden, um die für eine erfolgreiche Militäraktion nötige Luftüberlegenheit zu erlangen.
Für das russische Versagen könnte es mehrere Gründe geben. Vielleicht befürchteten die Kommandeure, dass die elektronische Ausrüstung in Feindeshand fallen könnte oder die schlecht ausgebildeten Techniker damit überfordert wären? Fakt ist, dass die wenigen aktiven Störsender zumindest in den ersten Kriegstagen abgeschaltet wurden, weil sie die auf Handys und Funkgeräten angewiesenen eigenen Truppen behinderten.
In den Kampfgebieten selbst sollen derzeit räumlich begrenzte GPS-Störungen zur Abwehr ukrainischen Drohnen und von anderen Flugkörpern sehr intensiv sein.
Wie es um die ukrainische Seite der elektronischen Kriegsführung steht, ist unklar. Die USA und die anderen Nato-Mitglieder leisten dem Land mit Sicherheit in diesem Bereich ebenfalls massive Unterstützung.
Die westlichen Staaten unterstützen die Ukraine bekanntermaßen nicht nur humanitär und finanziell, sondern auch waffentechnisch. Auf der deutschen Wikipedia74 finden Sie dazu eine entsprechende Liste.
Verschiedene Websites wie Forum on the Arms Trade75 oder Army Recognition76 führen ebenfalls Waffenlisten. Sehr gut gefallen uns auch die vom Ukraine Support Tracker77 geführten Statistiken. Die dort angebotenen ausführlichen Dokumente liegen aber leider nur in Englisch vor.

Einen Überblick der Waffen, die aktuell den ukrainischen Bodentruppen zur Verfügung stehen, liefert auch die englischsprachige Wikipedia78. Dort können Sie über einen Link jeweils eine ausführliche Beschreibung der jeweiligen Waffe abrufen. Bitte beachten Sie, dass die Liste Fehler enthalten kann beziehungsweise einige Angaben nicht mehr aktuell sind.
Das US-Verteidigungsministerum informiert auf einer eigenen Webseite über die Hilfen79. Dort wurde am 1. Juni 2022 verkündet:
»Seit Januar 2021 haben die Vereinigten Staaten mehr als 5,3 Milliarden Dollar in Sicherheitshilfe investiert, um unser dauerhaftes und unerschütterliches Engagement für die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine zu demonstrieren. Darin enthalten sind mehr als 4,6 Milliarden Dollar, seit Russland am 24. Februar seinen vorsätzlichen, unprovozierten und brutalen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat. Seit 2014 haben die Vereinigten Staaten mehr als 7,3 Milliarden Dollar an Sicherheitshilfe für Ausbildung und Ausrüstung bereitgestellt, um der Ukraine zu helfen, ihre territoriale Integrität zu wahren, ihre Grenzen zu sichern und die Interoperabilität mit der NATO zu verbessern.«\
Danach folgt eine Auflistung der gelieferten Ausrüstung:
Laut Army Recognition80 wurden von Großbritannien bis Mai 2022 geliefert:
Deutschland lieferte unter anderem bis Mai 2022:
Bereits früh hatte sich die Bundesregierung darauf festgelegt, keine schweren Waffen -- worunter unter anderem Kampf- und Schützenpanzer fallen -- an die Ukraine zu liefern81. Stattdessen versuchte man es mit dem im nächsten Kapitel erläuterten Ringtausch von Waffensystemen, bei dem ein anderes Land altes sowjetisches Gerät an die Ukraine liefert und dafür moderne Systeme aus Deutschland erhält.
Schutzausrüstung, Flug- und Panzerabwehrwaffen, Minen und Munition werden dagegen aus Deutschland geliefert. Auch gibt es bereits seit Jahren ein militärisches Ausbildungszentrum in Süddeutschland. Zudem trainierten ukrainische Soldaten die Bedienung der von der Niederlande und Deutschland gelieferten Panzerhaubitze 2000 auf einem deutschen Truppenübungsplatz und auch die US-Armee führte das Training für die gelieferten weitreichenden M777-Haubitzen in Deutschland durch.
Als Hauptgrund für die Nichtlieferung von schweren deutschen Waffen wurden zum einen die begrenzten Bundeswehrbestände, zum anderen die Befürchtung, in einen Krieg mit Russland hineingezogen zu werden, genannt82. Dem steht das Argument entgegen, dass ja eine Wiederbeschaffung jederzeit möglich ist. Auch sind Experten der Ansicht, dass Waffenlieferungen noch keinen Kriegseintritt bedeuten.
Die deutschen Argumente erscheinen merkwürdig, wenn man die Exporte der östlichen Nato-Länder betrachtet. Diese lieferten ja bereits Hubschrauber, Kampf- und Schützenpanzer aus sowjetischer Produktion. Frankreich, Großbritannien und die USA haben darüber hinaus verschiedene Haubitzenmodelle geliefert.
Immerhin scheint sich die deutsche Position inzwischen zu ändern, wie die Lieferung der Waffensysteme Panzerhaubitze 2000, Gepard und Marder zeigen. Auch für das versprochene Luftabwehrsysteme IRIS-T ist vermutlich seit Oktober 2022 in der Ukraine im Einsatz83.
Nicht nur durch die zögerliche Waffenlieferpolitik, auch durch die jahrelangen Querelen um die Inbetriebnahme der Gaspipeline Nordstream 2 hat Deutschland seine europäischen Nachbarn verärgert. Daran hat nicht nur die aktuelle Koalition aus SPD, Grünen und FDP ihren Anteil, sondern schon lange vorher die CDU-SPD-Regierung.
Die Ukraine verteidigt nicht nur sich selbst, sondern auch den freien Westen. Sollte Russland sein Nachbarland besiegen, dann hätte der Kreml neben seinen eigenen Rohstoffen mit dem Zugriff auf die ukrainischen Getreideexporte ein weiteres Druckmittel gegen den Westen in der Hand. Zudem wären dann auch Angriffe auf Staaten wie Litauen oder Moldawien, die sich erst in den 1990er Jahren aus dem postsowjetischen Raum lösen konnten, absolut denkbar.
Auch China, das immer agressiver illegal Gebiete im südchinesischen Meer beansprucht und die »Rückeroberung« von Taiwan plant, beobachtet die Situation in der Ukraine genau und wird daraus Folgerungen ziehen.
Es verwundert deshalb, dass unter anderem von Bundeskanzler Scholz und der Verteidigungsminsterin Lamprecht in Bezug auf schwere Waffen lange Zeit kaum Taten folgten. Wenn dann auch noch Widersprüche offen zutage treten wie die Weigerung, Bundeswehr-Marder direkt an die Ukraine zu liefern, aber diese für einen Ringtausch freizugeben, muss man sich an den Kopf fassen. Gleiches gilt auch für die unwahre Behauptung einer Staatssekretärin, die Nato-Staaten hätten sich geeinigt, keine schwere Waffen zu liefern, was schnell durch das Handeln der anderen Nato-Mitglieder widerlegt wurde84.
Es hätte zumindest geholfen, wenn der Bundeskanzler eine klare und nachvollziehbare Linie kommunizierte hätte. Stattdessen lässt er vieles im Ungewissen. Er darf sich nicht wundern, wenn er inzwischen stark an Rückhalt in der Bevölkerung verloren hat, wie Meinungsumfragen zeigen85.
Das manchmal von den Medien verbreitete Argument, die Ukrainer müssten erst an westlichen Waffensystemen trainiert werden, bevor man diese liefert, zieht ebenfalls nicht. Weil der Krieg absehbar noch Monate dauern wird, spielt die Schulungsdauer keine Rolle. Hinzu kommt, dass die Ukrainer nach dem Krieg -- egal wie er ausgeht -- voll auf die leistungsfähigeren westlichen Waffensysteme umsteigen werden.
Bei der Neugestaltung der Nachkriegsordnung, sobald die Ukraine-Krieg zuende ist, dürfte daher die Bundesrepublik als »unsicherer Kandidat« nur eine geringe Rolle spielen.
Der seit 1971 in der Bundeswehr eingesetzte Schützenpanzer Marder86 dient dem sicheren Transport von 6 Infanteristen und unterstützt sie seiner 20-mm-Kanone im Kampf. Bei der Bundeswehr sind noch 370 Exemplare im Einsatz, die in den nächsten Jahren von der Neuentwicklung Puma abgelöst werden sollen. Die Funktion des Gepard auf dem Gefechtsfeld ist mit den BMP-Modellen vergleichbar.
Für einen möglichen Ringtausch oder direkten Export87 in die Ukraine modernisiert der Hersteller Rheinmetall 100 bereits ausgemusterte Marder88. Die Bundesregierung hat allerdings offiziell noch nicht darüber entschieden89. Die benötigte Ausbildungsdauer der ukrainischen Bedienmannschaft wird mit 6 Monaten veranschlagt.
Von 1976 bis 2011 wurde der Gepard90 bei der Bundeswehr eingesetzt. Mit seinen zwei 35-mm-Kanonen können jeweils bis zu 550 Schuss in der Minute gegen Flugobjekte, aber auch gegen Bodenziele abgegeben werden91.
Die Ukraine soll 30 Gepard aus Industriebeständen erhalten92. Nach vorheriger Ausbildung der Besatzungen sind am 25. Juli 2022 die ersten 3 Gepard in der Ukraine eingetroffen93. Im August 2022 waren ingesamt 12 Gepard im Einsatz94.
In einem Bericht des Reservistenverbands heißt es, dass die Ausbildung auf dem Gepard sehr zeitintensiv sei95. Als Beispiel wird die rumänische Armee genannt, deren Soldaten 9 Monate intensives Training am Gepard erhielten. Weil der Bundeswehr inzwischen die Kompetenzen und Gerät fehlten, müsste die Ausbildung der Soldaten allerdings durch die Industrie erfolgen. Vielleicht könnte auch Rumänien als letzter Gepard-Nutzer in der Nato seine Instandsetzungskapazitäten den Ukrainern zur Verfügung stellen, beispielsweise in Form eines Wartungszentrums an der Grenze.
Ausgerüstet mit einer 155-Kanone, die mit Standardmunition 30 km, mit Spezialmunition sogar bis zu 54 km weit schießt, gehört die Panzerhaubitze 2000 zu den weltweit modernsten Artilleriegeschützen. Nach Angaben auf der Hersteller-Website sind mit passender Munition sogar noch größere Schussentfernungen möglich96.
Die Lieferung von 7 Panzerhaubitzen an die Ukraine wurde am 6. Mai 2022 von der deutschen Regierung angekündigt97. Zunächst erfolgte die Übergabe von einer unbekannten Anzahl aus deutschen und niederländischen Beständen am 21. Juni 2022, wobei die Gesamtzahl nach Angaben vom 28. Juni 2022 schließlich 18 Stück betragen sollte.
Das Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann hat laut einem Bericht vom
Ob tatsächlich in 2 bis 3 Jahren die Lieferung an die Ukraine erfolgt, hängt allerdings von einer zusätzlich benötigten Exportgenehmigung der Bundesregierung ab. Sicher ist auf jeden Fall, dass die Haubitzen aufgrund der Lieferzeit für das Kampfgeschehen keine Rolle spielen werden.
Am Rande erwähnt sei, dass auch andere westliche Länder ähnliche Panzerhaubitzen an die Ukraine geliefert haben, darunter Frankreich (CAESAR), Polen (AHS 155 Krab), Slowakei (Zuzana 2) und Schweden (ARCHER).
Vom Ausland gelieferte Waffensysteme wie Maschinengewehre, Handgranaten oder Panzerabwehrraketen sind vergleichsweise einfach einzusetzen. Wie bereits erwähnt, wurden davon inzwischen Tausende an die Ukraine geliefert. Die Kampfpanzer und Haubitzen der Nato sind dagegen eine andere Hausnummer, denn sie benötigen eine wochenlange Schulung nicht nur der Bedienmannschaft, sondern auch des Wartungspersonals. Auch müssen dann auf dem Schlachtfeld genügend Granaten und Ersatzteile vorhanden sein.
Deshalb war es klug, dass zunächst in Polen, Griechenland, Slowenien und Tschechien vorhandene Fahrzeuge und Luftfahrzeuge aus ehemaligen Sowjetbeständen an die Ukraine geliefert wurden. Für die ukrainischen Soldaten hat es den Vorteil, dass sie bereits mit den Fahrzeugen und Waffen vertraut sind und sie sofort einsetzen können. Dazu wurde der sogenannte Ringtausch entwickelt100:
Leider ist die deutsche Waffenpolitik chaotisch: Wie Business Insider am
Auch weitere Deals laufen nicht wie geplant. Beispielsweise soll eine Ägypten versprochene Luft-Luft-Rakete in die Ukraine gehen. Die Ägypter dürften von der Planänderung nicht begeistert sein. Das System wird aber ohnehin erst zum Jahresende geliefert.
Ein weiteres peinliches Beispiel: Ursprünglich hatte Spanien die Lieferung von Leopard 2 an die Ukraine angepeilt. Damit wäre erstmals ein westlicher Kampfpanzer an das Land gegangen. Für den Deal wäre aber die Genehmigung der deutschen Regierung nötig, denn Deutschland hatte sich mit einer Endverbleibsklausel das Mitspracherecht beim Weiterverkauf einräumen lassen. Was genau letztendlich den Deal hat scheitern lassen, konnte auch das Recherchenetzwerk Deutschland (RND) im Juni 2022 nicht aufklären101:
»Ganz anders der Sound von Scholz. Spanien, hielt der SPD-Politiker fest, habe in Berlin noch gar keine Anfrage für den Export von Leopard-Panzern eingereicht. Sollte es einen solchen Antrag geben, sagte Scholz spitz, „wird er geprüft".
Das klang in freier Übersetzung so, als werde Scholz jetzt mit aller Macht dafür sorgen, dass ein solcher Antrag erst gar nicht gestellt wird.«
Letztendlich sollen sich die Spanier später für die »entstandene Aufregung« in Berlin entschuldigt haben.
Plötzlich geht es doch102: Noch unbestätigt ist eine Meldung vom 15. Juli 2022, dass Spanien als erstes Nato-Land 10 Leopard 2 an die Ukraine liefern könnte. Davor ist aber erst eine Instandsetzung nötig, weshalb die Kampfpanzer erst Ende 2022 in der Ukraine ankommen würden. Inoffiziell ist die Bundesregierung mit dem Vorgang vertraut und könnte diesmal die Exportgenehmigung erteilten.
Mit dem Stand 20. Juli 2022 ist übrigens noch kein einziger Ringtausch abgeschlossen103. So besteht Slowenien zum Beispiel auf der Lieferung des neuen Schützenpanzers Puma und dem Kampfpanzer Leopard statt des veralteten Schützenpanzer Marder und des Transportpanzers Fuchs. Hier zeigen sich auch die Widersprüche der deutschen Politik, denn an die Ukraine wollte man den Transportpanzer Fuchs nicht liefern, um nicht die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu gefährden. Eine Lieferung an Slowenien hätte aber das »Okay« erhalten.
Polen wurde als Ersatz für das an die Ukraine abgegebenen Material 20 runderneuerte Leopard 2 versprochen, deren Lieferung in ab 2023 in Tranchen erfolgen sollte. Offenbar ist Polen mit dem Angebot nicht zufrieden, aber die Verhandlungen laufen noch. Inzwischen wurde bekannt, dass das Land amerikanische Abrams-Panzer bestellt hat.
Die ukrainische Armee hat mit der Munitionsversorgung zu kämpfen, denn die benötigten 152 mm-Granaten für die schweren Haubitzen werden kaum noch im Ausland produziert. Vermutlich sind auch die ukrainischen Produktionsstätten aufgrund russischer Angriffe nicht mehr im Betrieb.
Sollte der Krieg länger andauern -- wofür vieles spricht -- dann muss die Artillerie früher oder später auf 155 mm-Nato-Munition umgestellt werden. Dies benötigt eine längere Vorbereitung, denn zum einen müssen genügend 155 mm-Haubitzen und Granaten geliefert werden, zum anderen ist ein Training für die Bedienmannschaften nötig.
Es mag trösten, dass der Gegner irgendwann ebenfalls seine Vorräte verbraucht hat. Beobachter vermuten, dass von russischer Seite jeden Tag 60.000 Geschosse (von mindestens 120 Millimeter Größe) und Raketen abgeschossen werden104. Einen Hinweis auf niedrige Lagerbestände der Russen liefert die Nachricht, dass seit Ende Juni 2022 Munitionsbestände aus Belarus an die Front geliefert werden105.
Mit der Umstellung auf westliche Waffentechnik und Geschosse nimmt die Trefferrate der Ukrainer zu. Die bisher genutzten, 30 bis 50 Jahre alten sowjetischen Haubitzen weisen deutliche Produktionstoleranzen auf, welche die Genauigkeit beeinflussen. Hinzu kommen von Hand produzierte Geschosse unterschiedlicher Qualität und überlagerte Treibladungen, sodass Ziele in maximaler Reichweite nicht zu treffen sind. Auch explodiert eine hoher Prozentsatz der alten Munition erst garnicht.
Die 155 mm-Haubitzen der Nato-Staaten sind dagegen hochpräzise gefertigt und garantieren mit GPS-gesteuerter Munition eine ausgezeichnete Trefferquote. Besonders von den gelenkten M982 Excalibur-Granaten sollen die Ukrainer begeistert sein, wenn man den Angaben eines Bloggers glauben will, der über das Thema mit einem Vertreter des ukrainischen Verteidigungsministeriums gesprochen hat106. Diese Lenkmunition hat bei einer Schussdistanz von bis zu 50 Kilometern einen Streukreisradius von nur 5 bis 10 Metern107.
Die BBC erhielt im Juni 2022 einen raren Einblick in die Abläufe der westlichen Militärhilfe108. In einer US-Kaserne in Stuttgart bearbeitet Personal aus 26 verschiedenen Ländern rund um die Uhr die von der Ukraine angefragten Waffensysteme.
In einer Datenbank trägt die ukrainische Seite seinen Bedarf ein und die westlichen Nationen entscheiden dann darüber, was sie zur Verfügung stellen. Im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung übernimmt dann gegebenenfalls eine andere Nation die Auslieferung an die Ukrainer.
Die Lieferung erfolgt per Luft, Straße, Schiene oder Schiff nur bis zur Landesgrenze, also beispielsweise nach Polen, wo die Ukrainer deren Weitertransport innerhalb 24 Stunden an die Front übernehmen. Russland hat natürlich auch schon Versorgungslinien angegriffen, konnte diese aber nicht signifikant behindern.
Über die Monate hat sich die Nachfrage geändert, von Anti-Panzer- und Luftabwehrraketen zu Artillerie, Raketenwerfern und Luftabwehrsystemen. Der Leiter der Stuttgarter Versorgungsmission geht nicht davon aus, dass den Ukrainern die Munition ausgeht, auch wenn diese öffentlich etwas anderes behaupten.
In den Medien hat sich »BTG« als das Maß der russischen Kampfstärke im Ukraine-Krieg etabliert. BTG steht für »Bataillonstaktische Gruppe« oder »Bataillonskampfgruppe«.
Ein großes Problem für weltweit jede Armee ist die Kombination verschiedener Waffengattungen. Die Idee hinter der russischen BTG (Bataillonskampfgruppe) ist daher eine Mini-Armee zusammenzustellen, die alle für erfolgreiche Geländegewinne nötigen Mannschaften und Gerätschaften mitbringt und unabhängig auf dem Schlachtfeld agieren kann. Für die Geländeeroberung reicht es ja nicht aus, einfach die meistens nur leicht bewaffneten Soldaten (Infanterie) zu Fuß oder in Fahrzeugen loszuschicken. Zusätzlich ist auch der koordinierte Einsatz von Artillerie, Luftwaffe und spezialisierten Einheiten wie Logistik und Aufklärung nötig. BTGs sind dafür die Lösung.
Die BTGs sind sozusagen ein Anhang der regulären Bataillons und Brigaden, die hier nicht Thema sind -- im Ukraine-Krieg sind ja fast ausschließlich BTGs und diverse Sondereinheiten aktiv.
In der Regel wird ein BTG vom Kommandeur des übergeordneten Bataillons kommandiert, aus dem es gebildet wurde. Laut offiziellen Angaben gibt es in Russland inzwischen 170 BTGs109.
Anstatt kurz vor dem Kampfeinsatz verschiedene Waffengruppen zusammenzulegen, ist alles bereits im BTG vorhanden und im Umgang miteinander geübt. Es zeigt sich zudem, dass auf künftigen Schlachtfeldern nicht mehr große Armeen gegenüber stehen, sondern sich die Kämpfe auf riesige Gebiete verteilen. Dafür wären BTGs natürlich ideal.
Im Gegensatz zu regulären Einheiten, die für den Einsatz Vorbereitungszeit benötigen (die meisten Einheiten der russischen Bodentruppen weisen personalmäßig nur eine Besetzung von 70 bis 90 Prozent auf), sind BTGs sofort marschfähig. Es kommen zudem nur Berufssoldaten und keine Wehrpflichtigen zum Einsatz, was die Professionalität erhöht.
Das BTG-Konzept hat aber auch einige Nachteile, die in der Ukraine deutlich zutage treten: Eine BTG verfügt standardmäßig über Munition für drei Nachladezyklen, Treibstoff für zwei Betankungszyklen und Lebensmittel für bis zu 10 Tage. Eine BTG würde deshalb je nach Schwere des Gefechts wahrscheinlich nur ein bis drei Tage lang durchhalten, bevor sie Nachschub benötigt110. Gestörte Nachschubwege, beispielsweise durch ukrainische Angriffe auf rückwärtige Munitionslager, Transportfahrzeuge oder Bahnstrecken, bringen schnell den Vormarsch zum Stillstand, ohne dass ein direktes Gefecht zwischen den russischen und ukrainischen Truppen stattfindet.
Ein weiteres Problem ist die Infanterie, die standardmäßig nur rund 200 Soldaten umfasst, was für die Absicherung von Geländegewinnen zu wenig ist. Es ist externe Unterstützung notwendig, beispielsweise durch rekrutierte irreguläre Truppen, deren Zuverlässigkeit mitunter zu wünschen übrig lässt.
Schwierigkeiten bereitet die Kommunikation in und zwischen den BTGs und dem Oberkommando, denn es herrscht ein Mangel an weitreichenden Funkgeräten für die viele hundert Kilometer lange ukrainische Front. Deshalb wird häufig auf zivile Handys und unverschlüsselte Hobbyfunkgeräte zurückgegriffen, die der Feind natürlich abhört.
Jedes BTG besteht aus 700 bis 800, manchmal bis zu 900 Soldaten. Eine BTG wird um ein motorisiertes Schützen- oder Panzerbataillon herum gebildet, das durch Artillerie-, Flugabwehr-, Ingenieurs- und andere Spezialeinheiten unterstützt wird, die für die Durchführung des zugewiesenen Kampfauftrags erforderlich sind. BTGs umfassen in der Regel rund zehn Panzer, etwa 30 Schützenpanzer und rund 200 Infanteristen.
Fahrzeuge einer BTG am Beispiel der russischen 200. Schützenbrigade (wir listen hier nur die direkt am Gefecht beteiligten Fahrzeuge auf, nicht aber die ebenfalls vorhandenen Gefährte für Nachschub, Service, Kommando usw.)111:
Die russischen Armeeeinheiten benötigen an der Front jeden Tag hunderte Tonnen an Munition, Treibstoff, Ersatzteilen und Lebensmitteln. Die dafür benötigte Logistik verdient einen genauren Blick, denn sie ist für den Kriegsverlauf entscheidend112 113.
So läuft die Bevorratung ab: Güterzüge aus Russland bringen den Nachschub zu den einzelnen Depots, die ca. 30 bis 40 Kilometer von der Front entfernt angelegt wurden. Die Fronteinheiten holen sich von dort das Benötigte ab. Die Schiene ist so wichtig für die Russen, dass sie eine 28.500 Mann starke Eisenbahntruppe vorhalten, die sich um die Reparatur und den Ausbau kümmert.
Die Wichtigkeit der Schiene zeigte sich schon zu Beginn des Krieges, als die Russen wichtige Knotenpunkte der ukrainischen Eisenbahn nicht erobern konnten (Nizhyn, Tschernihiw und Sumy). Darauf hin mussten Lastwagen die Truppen versorgen, welche sich nur 90 bis 100 Kilometer vom nächsten Depot entfernen konnten. Das war dann auch einer der Gründe für das Scheitern des Angriffs auf Kiew.

Ausschnitt aus einem Video von einem russischen Depot. Während in der Nato fast alles palettisiert ist und in minutenschnelle per Gabelstapler verladen ist, zählen wir hier 10 Soldaten, die das Verladen besorgen114.
Im Donbass und anderen zusammenhängenden Gebieten, die von den Russen besetzt sind, ist dagegen eine störungsfreie Versorgung über die Schiene möglich. Die russischen Depots wurden so angelegt, dass sie von der ukrainischen Artillerie nicht erreicht werden konnten und zumindest größere Depots stehen unter dem Schutz der Luftabwehr.
Womit die Russen wohl nicht gerechnet hatten, sind die Auswirkungen der Lieferung von Haubitzen des Typs AHS Krab, Panzerhaubitze 2000 und CAESAR an die Ukrainer. Auch sind inzwischen Mehrfachraketenwerfer des Typs HIMARS und M270 MLRS in der Ukraine im Dienst. Während die 155-mm-Granaten der Haubitzen Ziele bis 40 Kilometer Entfernung treffen, beträgt die Reichweite der gelenkten Geschosse der Raketenwerfer bis zu 85 Kilometer. Somit konnten die Ukrainer plötzlich auch die russischen Depots und andere wichtige Ziele wie Hauptquartiere tief im Hinterland erfolgreich angreifen. Der Journalist Illia Ponomarenko nannte bereits am 28. Juni eine Zahl von 20 zerstörten militärischen Zielen hinter der Front innerhalb von nur einer Woche115.
Die Russen haben nun mit mehreren Problemen zu kämpfen. Zum einen muss die verlorene Munition ersetzt werden, weshalb man mangels Produktionskapazitäten inzwischen auch alte sowjetische Munition aus Belarus holt. Zum zweiten müssen die Versorgungszüge nun 90 bis 100 Kilometer von der Front entfernt anhalten, damit sie die ukrainische Artillerie nicht ins Visier nimmt. Das heißt, Russland ist noch mehr auf Lastwagen angewiesen, von denen bereits mehr als 1.200 im Krieg verloren gingen...
Wie die Logistikkette abläuft: Die Züge halten etwa 100 Kilometer von der Front entfernt. Die Entladung erfolgt per Hand. Das Beladen der LKW von Hand dauert Stunden. Hinzu kommt, dass die russischen LKW weniger Tonnage als westliche Fahrzeuge transportieren und die russische Munition in sperrigen Holzbehältern steckt.
Ja, sie haben richtig gelesen: Während westliche Armeen viel Geld in die Optimierung ihrer Transportkisten gesteckt haben, die per Gabelstapler oder Kran schnell verladen sind, erfolgt bei den Russen alles von Hand.
Wenn man jetzt noch bedenkt, dass russische LKW-Konvois aufgrund von Untermotorisierung, schlechter Bremsen und Lenkung, sowie unerfahrerer Fahrer mit nicht mehr als 40 km/h unterwegs sind, dann dürfte nur eine LKW-Tour am Tag möglich sein. An der Front erfolgt das Abladen der LKWs wieder von Hand.
Man darf sich bildlich ausmalen, wie schwierig es ist, über 100 km Entfernung alle Stellungen ausreichend mit Munition zu versorgen. Die Entscheidungen bei der Munitionsbeschaffung erfolgen übrigens nicht wie bei westlichen Armeen über eine Logistiksoftware, sondern durch Offiziere, die den Bedarf selbst ermitteln müssen. Angesichts der langen Lieferwege und unvorhersehbarer Hindernisse wie kaputter Brücken oder Angriffe durch die Ukrainer dürfte nun mancher Frontabschnitt vom Nachschub abgeschnitten werden. Auf die russische Logistik, die sich noch auf dem Stand des 19. Jahrhunderts befindet, kommen in den nächsten Wochen also noch große Herausforderungen zu.
Zitat aus dem 2016 veröffentlichten »Russian New Generation Warfare Handbook«116 117, das von einer Einheit118 der US Armee herausgegeben wurde:
Der letzte große Schwachpunkt des russischen Versorgungssystems ist die Sicherheit. Die russischen Munitionsdepots sind wahrscheinlich die unsichersten Orte in jedem Kriegsgebiet. Gemäß der Doktrin gibt es nur sehr geringe Anforderungen an die Lagerung, keine Mindestsicherheitsbereiche, wenig Separierung der Munition, und viel Munition stammt noch aus der Sowjetzeit oder den frühen 1990er Jahren und steht kurz vor dem Verfall. Die Treibstoffdepots sind nicht besser. Schlecht ausgebildete, wehrpflichtige Logistiksoldaten in Verbindung mit diesen mangelhaften Lagerungsverfahren machen diese Vorratsdepots zu einem explosionsbereiten Pulverfass. Russland hat in den letzten zwei Jahren der Kämpfe in der Ukraine und in Syrien mehrere katastrophale Brände und Explosionen in Nachschublagern erlebt. Ein vorrangiges Anvisieren dieser Gebiete wird das russische System logistisch stark belasten und seine Manövrier- und Feuerfähigkeit beeinträchtigen.
Nachdem die Ukrainer alle Depots zerstört haben, dürfte Versorgungszüge das nächste Ziel sein. Diese sind einfach zu orten und nach einem Angriff ist die Bahnstrecke längere Zeit blockiert, bis eine Räumung erfolgt ist und Blindgänger entschärft sind.
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https://twitter.com/ChrisO_wiki/status/1541149245398474753
https://twitter.com/Belsat_Eng/status/1540618617397645314
https://twitter.com/JimmySecUK/status/1536283635967574016
https://de.wikipedia.org/wiki/M982_Excalibur
https://www.bbc.com/news/world-europe-61816337
https://tass.com/defense/1324461
https://rusi.org/explore-our-research/publications/commentary/getting-know-russian-battalion-tactical-group
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https://twitter.com/noclador/status/1544495879884886017
https://twitter.com/TrentTelenko/status/1544472420484091905
https://twitter.com/ChrisO_wiki/status/1547475236408492032 (zugeschnittenes Standbild aus Video)
https://twitter.com/IAPonomarenko/status/1541742723878850563
https://twitter.com/Mootality/status/1545689986116341760
https://info.publicintelligence.net/AWG-RussianNewWarfareHandbook.pdf
https://en.wikipedia.org/wiki/Asymmetric_Warfare_Group
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Hinweis: Der Autor hat die in den Fußnoten aufgeführten Webseiten
zum größten Teil im Zeitraum von Juni bis Juli 2022 zur Recherche
genutzt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Webseiten bis zur
Buchveröffentlichung geändert oder gelöscht wurden. ↩