Dies ist ein Auszug aus dem Buch Das Praxisbuch Pedelec für Einsteiger - Kaufberatung & Fahrpraxis

Sattel

Autor: Rainer Gievers - Publiziert im Januar 2021

Der Sattel ist genau genommen die wichtigste Komponente Ihres Pedelecs. Er besteht aus einer be­reiten Sitzfläche und einer schmalen »Sattelnase«. Je länger die von Ihnen durchgeführten Touren sind, desto wichtiger ist ein passender Sattel, weil Ihnen sonst kribbelige Finger, Rücken­schmerzen oder Taubheitsgefühl im Genitalbereich drohen.

Gut dran sind Sie, falls Sie von einem Fahrrad aufs Pedelec umsteigen, denn dann können Sie den vorhandenen Sattel aufs neue Gefährt umbauen.


Pedelec-Sattel

Zwei verschiedene Sattel. Bei dem linken Sattel sieht man die Halteschienen, mit denen er am Sattel­rahmen befestigt wird.


Fast alle Sattel besitzen an der Unterseite eine Verstellschiene, deren Imbusschrauben man schnell lösen kann. Ein- und Ausbau sind daher nur eine Sache von Minuten. Für das Festschrauben sollten Sie einen Drehmomentschlüssel verwenden (siehe Kapitel Drehmomentschlüssel), damit Sie die Sattelstütze nicht beschädigen.


Sie steigen vom Fahrrad aufs Pedelec um? Sollte die Sattelstütze bei beiden Rädern die gleiche Dicke haben -- das können Sie sehr einfach an deren Beschriftung ablesen, dann tauschen Sie ein­fach die Sattelstütze mit Sattel zwischen den beiden Gefährten.

Satteltypen

Je nach Anwendung benötigen Sie einen speziellen Sattel:

  • Rennrad: Mit Rennrädern werden meist längere Strecken zurückgelegt. Der Fahrer hat mit dem Oberkörper meist eine nach vorne geneigte Sitzposition. Der passende Sattel hat ein geringes Gewicht und ist hart gepolstert.
  • Mountainbike: Schmal, meist hart gepolstert. Beim Bergauffahren verlagert der Fahrer das Gewicht nach vorne, weshalb eine breite Sattelnase empfehlenswert ist.
  • Trekking: Für längere Touren empfiehlt sich ein härterer Sattel. Viele Fahrer brauchen mehrere Versuche, bis sie den passenden Sattel finden.
  • City: Cityradfahrer sitzen meist vollkommen aufrecht und legen kürzere Strecken zurück. Der passende Sattel zeichnet sich durch eine breite Polsterung im Beckenknochenbereich aus.

In diesem Buch gehen wir vor allem auf Trekkingräder und damit zusammenhängenden Themen ein, weshalb wir dem Trekkingsattel besonderen Platz einräumen.

Damen- und Herrensattel

Der Handel hat zwar spezielle Damensattel im Programm, sie sind aber nur selten sinnvoll. Wich­tiger ist, dass der Sattel zur Anatomie passt und nicht zu weich ausfällt, weshalb auch ein Herren­sattel für Frauen gut geeignet sein kann. Zwei Besonderheiten sollte man aber beachten1:

  • Bei Frauen darf die Sattelnase nicht zu breit sein, weil das Schambein tiefer als bei Män­nern liegt. Dies verhindert Wundreibungen im Schritt.
  • Männer sind im Dammbereich empfindlich, weil in dieser Region zahlreiche Nerven- und Blutbahnen, sowie die druckempfindliche Prostata liegen. Der Sattel muss so gewählt wer­den, dass die Sitzknochen auf den Polstern liegen.

Damensattel besitzen in der Regel ein Loch oder eine Aussparung, die den Dammbereich entlasten soll. Dies bringt aber häufig keinen Vorteil, da der Druck sich dann um das Loch auf eine kleinere Fläche verteilt, wo wichtige Blutbahnen und Nerven verlaufen.

Vor Fahrtantritt sollten Sie Ihre hinteren Hosentaschen überprüfen und alle Gegenstände, auch Taschentücher, herausnehmen und anderweitig verstauen. Selbst eine von Ihnen übersehene kleine Münze wird mit der Zeit unangenehme Druckstellen am Po erzeugen.

Welchen Sattel wählen?

Fahren Sie nur ab und zu Kurzstrecken, dürfte Ihnen der bereits mitgelieferte Sattel ausreichen. Das folgende Kapitel richtet sich deshalb an Nutzer eines City- oder Trekking-Pedelecs, die längere Touren unternehmen.

Warum der richtige Sattel wichtig ist

Wissenschaftler warnen schon seit langem vor möglicher Impotenz durch einen falschen Sattel. Hintergrund ist das Zusammendrücken von Blutgefäßen, die zu den Genitalien führen, am unteren Beckenboden. Dadurch reduziert sich die Blutzufuhr in diesem Bereich um bis zu 70 Prozent. Negative Folgen müssen Sie aber wahrscheinlich erst ab wöchentlichen Strecken von 300 bis 400 Kilometer befürchten. Zudem reduzieren regelmäßige kurze Pausen und regelmäßige Änderungen an der Sitzposition diesen Effekt.

Den »Po« ausmessen

Bei einem bequemen Sattel sollten die Sitzknochen jeweils auf den Polstern liegen. Der Abstand zwischen den Sitzknochen ist allerdings bei jedem Menschen anders, weshalb Sie ihn ausmessen müssen. Ein guter Fahrradhändler verwendet dafür einen sogenannten Messschemel und ein Stück Pappe oder Papier. Der Kunde setzt sich auf den Schemel und drückt dabei die Pappe ein, die an­schließend ausgemessen wird. Anhand des Messergebnisses gibt der Händler passende Empfehlun­gen.

Falls Sie keinen kompetenten Händler mit Sattelmessvorrichtung in der Nähe haben, können Sie die Messung zur Not auch zuhause vornehmen. Der Online-Handel vertreibt »Messpappen«, bei­spielsweise von SQL Lab2, die inklusive Versand nur wenige Euro kosten. Alternativ schneiden Sie sich einfach selbst ein Stück sehr weiche Wellpappe auf ca. 30 × 30 cm zu.

So funktioniert die Messpappe3:

  1. Legen Sie die Pappe auf einen Hocker oder Stuhl ohne Polsterung.
  2. Ziehen Sie am besten Ihre Hose aus, da sonst das Messergebnis verfälscht wird.
  3. Stellen Sie sich mit den Beinen eng zum Hocker und setzen Sie sich hin.
  4. Einen guten Abdruck Ihrer Sitzknochen erhalten Sie, indem Sie ein Hohlkreuz machen und die Füße auf die Spitzen stellen.
  5. Fassen Sie den Stuhl mit den Händen und ziehen Sie sich heran, damit Sie einen besseren Abdruck erhalten.
  6. Stehen Sie auf.

Nun nehmen Sie einen Edding und umkreisen damit die Druckstellen. In der Mitte der Druckstel­len machen Sie ein Kreuz und vermessen deren Abstand.

Die Druckstellen sind normalerweise gleich groß. Sollte dies nicht der Fall sein, könnte eine Beckenfehlstellung vorliegen, das heißt, selbst ein optimal gewählter Sattel wird mit großer Wahr­scheinlichkeit Schmerzen verursachen. Führen Sie in diesem Fall sicherheitshalber die Messung erneut durch und lassen Sie sich gegebenenfalls von Ihrem Arzt beraten.

Addieren Sie nun abhängig von Ihrer Sitzposition:

  • + 1 cm: Gestreckte Sitzposition: Rennrad-Unterlenker
  • + 2 cm: Moderate Sitzposition: Rennrad-Oberlenker, sportliches Trekking
  • + 3 cm: Leicht gebeugte Sitzposition: Trekking, City
  • + 4 cm: Aufrechte Sitzposition: Hollandrad

Fürs City- und Trekkingrad addieren Sie dementsprechend 2 Zentimeter, wenn Sie sportlich unter­wegs sind, beziehungsweise 3 Zentimeter für eine gemütliche Sitzposition. Runden Sie immer auf ganze Zentimeter auf.

Sie wissen jetzt, wie breit der Sattel sein sollte. Die Sättel von SQL Lab sind beispielsweise mit 13 bis 16 Zentimeter Breite erhältlich. Weitere bekannte Hersteller sind Selle Royal, Selle SMP und-6}-7} Büchel.

Beachten Sie: Die Sitzknochen gewöhnen sich an die Druckbelastung durch den Sattel, was aber einige Fahrten erfordert4. Auch zu Saisonbeginn sind leichte Schmerzen normal. Zwischen den Ausfahrten mit dem neuen Sattel machen Sie zunächst einige Tage Pause, damit sich die gereizten Muskeln und Sehnen regenerieren. Kurze Probefahrten reichen für die Sattelauswahl also nicht aus.

Messvorgang beim Fachhändler

Der Autor dieses Buchs hat sein Gesäß bei Schelp + Fischer (Website: www.schelp.de) in Hann. Münden ausmessen lassen. Beim Kauf eines Pedelecs bei diesem Fachhändler ist die »Sattel­druckmessung« übrigens kostenlos enthalten. Für die Messung kommt eine sogenannte Druck­messmatte mit hunderten Sensoren zum Einsatz.

Normalerweise erfolgt die Messung direkt auf dem Kunden-Pedelec. In diesem speziellen Fall war das allerdings technisch nicht möglich (wegen des Hinterradantriebs des vom Autor genutzten Pedelecs). Deshalb wurden die genauen Abmessungen des Pedelecs auf einen »Fahrrad-Dummy« übernommen.

Der Buchautor während des Messvorgangs.

Ein unergonomischer Sattel

Ein unergonomischer Sattel übt Druck auf Blut- beziehungsweise Nervenbahnen aus und führt mit der Zeit zu Symptomen wie tauben Beinen oder Rückenschmerzen. Die Druckstellen sind in der Abbildung hell hervorgehoben.

Bei einem optimalen Sattel verteilt sich der Druck gleichmäßig auf eine größere Fläche.

Weitere Einflüsse auf das Wohlbefinden

Viele Radfahrer schwören auf gepolsterte Radlerhosen oder Unterwäsche. Der Vorteil ist klar: Das Polster nimmt Schweiß auf und vermindert die Reibung zwischen Po und Sattel. Allerdings wird das »Sattelgefühl« schwammig, weshalb sich passend dazu ein harter Sattel empfiehlt5.

Sogenannte Gelsattel sind meistens nur für Kurzstrecken geeignet, weil der Po keinen festen Halt findet. Er sinkt außerdem zu tief ein, weshalb, wie oben bereits erwähnt, die Blutzufuhr im Geni­talbereich beeinträchtigt wird.

Die Sattelhöhe und Neigung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Der beste Sattel bringt nichts, wenn Sie zu weit hinten, zu tief oder schief sitzen. Auf diese Thematik geht Kapitel Sattelposition noch ein.

Ledersattel

Das britische Unternehmen Brooks stellt Ledersättel her, von denen der Bestseller »B17« seit 1896 durchgehend im Programm ist. Weil das Leder über einen Metallrahmen gespannt wird, passt es sich mit der Zeit an das Gesäß des Fahrers an. Dies dauert aber bis zu 1000 Kilometer. Darüber hinaus ist regelmäßige Pflege mit einem Lederfett nötig, damit der Sattel keine Risse bekommt.

Einige Käufer beschleunigen das Einfahren, indem sie den Ledersattel einige Zeit in einem Wassereimer einweichen und dann im nassen Zustand eine längere Tour fahren. Dies ist natürlich nur bei sommerlichen Temperaturen möglich und kann auch zur irreparablen Beschädigung des Sattels führen.

Für den Fall, dass Sie das Fahrrad doch einmal bei schlechter Witterung draußen abstellen, neh­men Sie einfach eine Plastiktüte mit, die Sie überstülpen. Nicht geeignet sind Ledersättel für Pede­lecs ohne Schutzblech, denn die Sattelunterseite ist für Feuchtigkeit besonders empfindlich.


Brooks B17 Standard Trekkingsattel

Brooks B17 Standard Trekkingsattel.

Brooks-Sattel sind in verschiedenen Farben und Ausführungen erhältlich und mit Preisen zwischen ca. 70 bis 150 Euro leider recht teuer. Sollten Sie das nötige Kleingeld haben und mit den bisheri­gen Sattelanschaffungen unzufrieden sein, könnte Ihnen vielleicht ein »Brooks« die gewünschte Erlösung von Ihren Schmerzen bringen!

In einem ähnlichen Preisbereich wie Brooks ist der niederländische Sattelproduzent Lepper aktiv. Dessen Produkte sind teilweise sogar mit Spiralfedern ausgestattet, die eine Alternative zu den im Kapitel Gefederte Sattelstütze vorgestellten Federgabeln darstellen.

Im Luxusbereich sind die Ledersattel-Hersteller Gilles Berthoud6 und Selle Anatomica7 aktiv, für deren Produkte Sie mindestens 130 Euro auf den Tisch legen.

Recht preiswert mit 40 Euro sind dagegen die Wittkop-Ledersättel von Büchel8, die sich in der Bauform an modernen Satteldesigns orientieren. Gleiches gilt auch für den Hersteller Comfort Line9 (ab 130 Euro).

Vorsicht ist geboten bei »Ledersätteln« chinesischer Hersteller, die teilweise für 20-30 Euro im Online-Handel verramscht werden. Einige bestehen aus in Harz getauchter Presspappe (!), bei an­deren aus echtem Leder ist wiederum die Verarbeitung mangelhaft oder die Lackierung färbt an der Hose ab.

Ledersattel dürften Sie nur in größeren Fahrradläden im Regal finden, da sie aufgrund ihres hohen Preises eine Nische bedienen, die Normalkunden nicht anspricht.

Gefederte Sattelstütze

Während Mountainbikes in der Version als Fully (siehe Kapitel Mountainbike (MTB)) mit ei­ner Federung vorne und im Rahmen erhältlich sind, verfügen Trekkingräder in der Regel nur über eine Federgabel (siehe Kapitel Federung des Treckingrads). Das Nachrüsten der Federung in Form einer Federsattelstütze stellt aber kein Problem dar10.

Zwei verschiedene Systeme gibt es: Die Teleskopsattelstütze besteht aus einem Standrohr, das gefedert in einem Touchrohr lagert. Parallelogrammsattelstützen bauen dagegen durch ihre Drehpunktanordnung die Stöße ab und können im Gegensatz zu den Teleskopsattelstützen nicht verkannten.


SR Suntour SP12-NCX ist eine Parallelogrammsattelstütze

Die SR Suntour SP12-NCX ist eine Parallelogrammsattelstütze. Damit die offen liegende Mechanik nicht verschmutzt, ist ein sogenannter Fingerschutz aus Neopren erhältlich.

Für die Federung sorgen entweder Luft, Elastomere (Gummi), Stahlfedern oder eine Kombination aus Stahlfedern mit Elastomeren. Bei Systemen mit Stahlfeder, beispielsweise von SR Suntours, sollte man die passende Feder für das eigene Körpergewicht mitkaufen. Es gibt drei Verschiedene (bis 65 kg, 70-95 kg, 100-120 kg).

Für den Mechanismus der Federsattelstütze muss genügend Platz vorhanden sein, weshalb Sie am besten schon beim Pedelec-Kauf an eine Federsattelstütze denken sollten. Ein sogenannter Finger­schutz, der den Mechanismus vor Staub schützt, sollte beiliegen. Wenn es Ihr Budget erlaubt, emp­fehlen wir eine Parallelogrammsattelstütze.


Sattelstütze

Die Federung stellen Sie auf der Unterseite der Sattelstütze mit einem Imbus ein.

Grundsätzlich ist eine gefederte Sattelstütze dann optimal eingestellt, wenn sie unter dem Gewicht des Fahrers um etwa 20 bis 30 Prozent des gesamten Federwegs einsinkt. Beispiel: Bei einem ver­fügbaren Federweg von 50 Millimetern sollte die Sattelstütze ca. 10 bis 15 Millimeter einsinken.

Schnellspanner am Sattelrohr

Ein Schnellspanner am Sattelrohr ist praktisch für die schnelle Höhenverstellung. Wenn Sie sich aber einen hochwertigen Sattel oder eine gefederte Sattelstütze zugelegt haben, steigt die Gefahr, dass jemand Ihre Sattelstütze ausbaut und mitnimmt.

Sattelschelle

Sie sollten sich daher eine sogenannte Sattelschelle (Sattelstützenklemme) zulegen. Diese wird mit einer Imbusschraube befestigt und hält zumindest Gelegenheitsdiebe ab. Achten Sie darauf, dass die Sattelschelle die passende Größe für das Sattelrohr hat. Das Festschrauben sollte mit ei­nem Drehmomentschlüssel erfolgen, den Sie entsprechend der Nm-Einprägung an der Schelle ein­gestellt haben.

8. Teil: Lesen Sie hier weiter


  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrradsattel

  2. https://www.sq-lab.com

  3. https://www.sq-lab.com/de/ergonomie/111-konzepte/667-sattelbreitensystem-sitzknochenvermessung-zuhause-in-4-schritten.html

  4. https://ergo4bike.com/Vermessung-der-Sitzknochen:_:14.html

  5. https://www.radforum.de/threads/3033037-gepolsterte-radhose-vs-gelsattel

  6. http://www.gillesberthoud.fr/_en

  7. https://selleanatomica.com

  8. https://www.buechel-online.com

  9. https://www.comfort-line.de

  10. Zeitschrift Aktiv radfahren 05/2010