Dies ist ein Auszug aus dem Buch Blackout - eine unterbelichtete Republik von Rainer Gievers

Publiziert am 15. Januar 2026

Wokeness

Einordnung

Die Woke-Bewegung beruht auf der Annahme, dass Menschen und Gesellschaft primär durch Sprache grundlegend verändert werden können. Kritiker argumentieren, dass dies zu erheblichen Schäden an Rationalität, Wissenschaft und gesellschaftlichem Zusammenhalt geführt habe.

Ein zentrales Beispiel ist das Gendern. Ursprünglich sollte es Frauen sprachlich sichtbarer machen. Aus einer freiwilligen Praxis ist jedoch zunehmend ein sozialer und institutioneller Zwang geworden, der von vielen als autoritär wahrgenommen wird.

Gendern erschwert die Verständlichkeit von Texten. Die Umdeutung von Begriffen wie „Studierende“ oder „Teilnehmende“ führt zu Unschärfen darüber, wer konkret gemeint ist. Dies kann insbesondere in juristischen Texten zu Auslegungsproblemen führen. Kritiker sehen darin eine sprachliche Normierung, bei der Form über Inhalt gestellt wird und reale Inklusion hinter formalen Vorgaben zurücktritt.

Die sogenannte woke Sprachregulierung hat dazu geführt, dass neben als problematisch angesehenen Begriffen wie „Zigeunerschnitzel“, „Mohrenkopf“ oder „Indianer“ auch bislang neutrale Wörter ersetzt wurden. Begriffe wie „Mutter“ werden durch Formulierungen wie „Gebärende“ oder „Menschen mit Gebärmutter“ ersetzt. Die Suche nach potenziell diskriminierenden Ausdrücken wird dabei zunehmend ausgedehnt.

Die Woke-Bewegung befindet sich international im Rückzug, was sich auch an wirtschaftlichen Reaktionen zeigt:

  • Gillette zog nach Umsatzverlusten Kampagnen gegen „toxische Männlichkeit“ zurück.
  • Walt Disney produzierte Filme mit bewusst veränderten Geschlechter- und Hautfarbenbesetzungen, die beim Publikum auf geringe Resonanz stießen.
  • Jaguar verzeichnete nach der Präsentation eines stark ideologisch aufgeladenen Marketingauftritts einen massiven Umsatzeinbruch.

Quellen:


Warum sich „woke“ Positionen etablieren

Wokeness bedeutet, besonders sensibel auf mögliche Formen unfairer Behandlung oder Ausgrenzung zu achten. In der Praxis werden dabei häufig enge Vorgaben gemacht, wie gesprochen oder gedacht werden soll.

Oft wird Wokeness als rein akademisches oder urbanes Phänomen beschrieben. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein kulturelles Deutungsmuster, das in unterschiedlichen sozialen Gruppen vorkommt.

Das Bedürfnis nach sozialer Positionierung

In komplexen und krisenhaften Zeiten – etwa während Pandemien, Migrationsdebatten oder im Kontext des Klimawandels – bieten moralisch klar strukturierte Weltbilder Orientierung. Die Woke-Bewegung liefert einfache Deutungsmuster mit klarer Opfer-Täter-Zuordnung. Problematisch ist dabei die starke Vereinfachung komplexer sozialer Realitäten.

Bildung verstärkt Effekte

Akademische Milieus setzen woken Themen wie Sprachregelungen und normative Begriffe häufig diskursiv durch. Diese werden über Medien, Institutionen oder betriebliche Leitlinien von nicht-akademischen Gruppen übernommen. Studien zeigen zudem, dass moralisch aufgeladene Themen Schwarz-Weiß-Denken begünstigen. Wokeness ist daher kein Elitenphänomen, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Mechanismus.

Intoleranz als Nebenprodukt homogener Milieus

Politische Intoleranz entsteht insbesondere in ideologisch homogenen Umfeldern – akademischen, urbanen, medialen, aber auch religiösen oder stark traditionalistischen Gemeinschaften. Der zugrunde liegende Mechanismus ist allgemeingültig:

  • Abweichende Meinungen werden als Bedrohung der Gruppenidentität wahrgenommen.
  • Moralische Argumente ersetzen sachliche Auseinandersetzung.
  • Sanktionen wie sozialer Ausschluss oder Beschämung treten an die Stelle von Diskussion.

Wokeness entfaltet besondere Wirkung dort, wo Politik primär als moralisches Projekt verstanden wird. In solchen Kontexten steigt die Bereitschaft, abweichende Meinungen zu sanktionieren, sobald politische Fragen als moralisch alternativlos interpretiert werden.


Quere Querelen

LGBTQ ist eine Sammelabkürzung für verschiedene sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der klassischen heterosexuellen, zweigeschlechtlichen Norm entsprechen. Die Buchstaben stehen auf Deutsch übersetzt für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer. Die LGBTQ-Bewegung ging aus der Schwulen- und Lesbenbewegung hervor, die seit Ende der 1960er Jahre für rechtliche Gleichstellung kämpfte. Inzwischen wird häufig der Begriff LGBTQIA+ verwendet, um weitere Identitäten einzuschließen.

Das Selbstbestimmungsgesetz, das am 1. November 2024 in Kraft trat und die Änderung des Geschlechtseintrags erleichtert, markiert einen wichtigen Erfolg der LGBTQ-Bewegung. Doch das Gesetz hat auch Kontroversen ausgelöst: Einige feministische Gruppen und Lesben sehen darin eine potenzielle Gefährdung von Schutzräumen für Frauen. Umstritten bleibt auch, wie in Bezug auf das Selbstbestimmungsgesetz das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz anzuwenden ist, etwa bei geschlechtsspezifischen Einrichtungen wie Frauenfitnessstudios. Der Verve, mit dem nicht nur LGBTQ-Aktivisten gegen die berechtigten Einwände von betroffenen Frauen vorgehen, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, denn vor nicht einmal 60 Jahren wurde noch mit ähnlicher Energie gegen Schwule und Lesben Stimmung gemacht.

Wenig hilfreich sind auch derbe reichweitenstarke Äußerungen durch die NGO HateAid, die abschätzig Kritiker als TERFs bezeichnet:

„TERFs glauben an ein binäres Geschlechtermodell, das sich anhand der Genitalien ablesen lässt. Sie nehmen an, dass ein Mensch, der mit einem Penis geboren wird, von Geburt an patriarchale Unterdrückung in sich trägt. Deswegen sehen sie in jeder Person, die einen Penis hat oder mit einem geboren wurde, eine Gefahr für cis Frauen. TERFs bezeichnen sich selbst als „gender-kritisch". Sie sprechen inter Personen einfach ihre Existenz ab. TERFs machen andere Lebenswege, Einstellungen, Identitäten und biologische Tatsachen, wie die, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, unsichtbar und lehnen sie kategorisch ab, um ihr ideologisiertes Weltbild abzusichern."

Quellen:


Fazit

Wokeness ist weniger eine Frage von Bildung oder sozialer Herkunft als eine Frage des politischen Stils. Sie bietet Orientierung und moralische Sicherheit, birgt jedoch die Gefahr, gesellschaftliche Konflikte zu verengen, statt sie auszuhandeln. Eine pluralistische Demokratie ist darauf angewiesen, moralische Sensibilität mit Meinungsvielfalt und Selbstkritik zu verbinden.


Die Theorie der Dummheit

Der deutsche Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer entwickelte während seiner Haftzeit zwischen 1943 und 1945 eine soziologische Theorie der Dummheit. Er beschrieb Dummheit nicht als mangelnde Intelligenz oder Bildung, sondern als kollektives soziales Phänomen.

Nach Bonhoeffer entsteht Dummheit durch die freiwillige Aufgabe individueller Selbstständigkeit zugunsten von Machtstrukturen. In Gruppen oder Massen geben Menschen ihre Fähigkeit zum kritischen Denken auf, um sich der Mehrheit anzupassen. Diese Dynamik kann Gesellschaften destabilisieren und moralisches Handeln verhindern. Politische oder religiöse Macht fördert diesen Prozess gezielt.

Obwohl Bonhoeffers Überlegungen im Kontext der NS-Zeit entstanden, gelten sie auch heute als erklärungskräftig für moderne Phänomene wie Populismus oder Propaganda.


Confirmation Bias

Eine weitere Form kognitiver Verzerrung ist der Confirmation Bias. Studien zeigen, dass höhere Bildung den sogenannten Bias Blind Spot nicht reduziert. Intelligente Menschen erkennen Denkfehler bei anderen, übersehen jedoch systematisch ihre eigenen.

Die Befunde ergänzen sich: Während Bonhoeffers „Dumme“ ihre Autonomie aufgeben, halten sich gebildete Menschen mit Confirmation Bias für immun gegen Denkfehler und werden dadurch besonders anfällig.


Cipollas Grundgesetze der Dummheit

Der italienische Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla formulierte 1976 fünf Grundgesetze der Dummheit:

  1. Man unterschätzt stets die Anzahl dummer Menschen.
  2. Dummheit ist unabhängig von Bildung, Status oder anderen Eigenschaften gleichmäßig verteilt.
  3. Dumme Menschen schaden anderen und sich selbst, ohne davon zu profitieren.
  4. Nicht-dumme Menschen unterschätzen die schädliche Wirkung dummer Menschen.
  5. Dumme Menschen sind die gefährlichste Gruppe, da sie unberechenbar sind.

Cipolla unterscheidet vier Menschentypen: Intelligente, Banditen, Hilflose und Dumme.


Synthese

Zusammengefasst entsteht Dummheit durch mangelnde Reflexion und unkritische Übernahme äußerer Einflüsse (Bonhoeffer), ist überall vorhanden und hochgradig schädlich (Cipolla) und wird durch kognitive Selbstüberschätzung selbst bei Gebildeten verstärkt (Confirmation Bias).

Alle drei Ansätze warnen davor, dass dumme Handlungen oft größeren Schaden anrichten als bewusst böses Handeln. Während rationale Akteure innerhalb logischer Grenzen agieren, wirken dumme Akteure außerhalb dieser Grenzen und destabilisieren gesellschaftliche Systeme.