Dies ist ein Auszug aus dem Buch Blackout - eine unterbelichtete Republik von Rainer Gievers
Publiziert am 15. Januar 2026
CDU/CSU, SPD und FDP haben seit Ende der 1990er Jahre deutlich an Wählerzuspruch verloren. Das zeigen die Bundestagswahlergebnisse von 2025 sehr klar. 1998 kamen CDU/CSU und SPD zusammen noch auf rund 76 % der Zweitstimmen, die FDP auf gut 6 %. Zusammen liegen sie heute nur noch bei gut 49 %. Parallel dazu sind neue und ehemals kleine Parteien (Grüne, AfD, Linke, BSW) erstarkt.
Es gibt dafür drei zentrale Gründe:
Die deutsche Parteienforschung spricht seit gut zwei Jahrzehnten von einer „Erosion der Volksparteien“. Insbesondere zwei klassische Anker sind geschwächt:
Die Bindungskraft dieser Milieus hat sowohl quantitativ (Mitgliederschwund in Kirchen und Gewerkschaften) als auch qualitativ (schwächere lebensweltliche Prägung) deutlich nachgelassen. Gleichzeitig ist die Parteiidentifikation generell zurückgegangen – weniger Stamm-, mehr Wechsel- und Nichtwähler.
Damit verlieren CDU, SPD und FDP ihre Rolle als „Massenorganisationen“, die gesellschaftliche Großgruppen dauerhaft integrieren. Politische Loyalitäten werden brüchiger; Wähler „probieren“ häufiger andere Parteien aus oder bleiben zuhause.
Parallel zum Milieuwandel hat sich das Wertemuster stark verändert. Individualisierung schwächt dauerhafte kollektive Bindungen (Kirche, Gewerkschaft, Partei), während postmaterialistische Werte (Selbstentfaltung, ökologische Anliegen, Diversität) für Teile der Gesellschaft wichtiger werden.
Darüber hinaus besteht ein Konflikt zwischen:
Studien belegen, dass gerade in der bürgerlichen Mitte – früher natürliche Basis vor allem von CDU/CSU, aber auch FDP und moderater SPD – das Vertrauen in etablierte Parteien deutlich gesunken ist. Gleichzeitig nimmt die Offenheit für rechtspopulistische Deutungen zu. Gefühlte kulturelle Überforderung trifft auf als technokratisch wahrgenommene Politik.
Die Erosion der Volksparteien führt zu einem fragmentierteren Parteiensystem. Seit 1983 sind die Grünen, seit den 2000er-Jahren die Linke und seit 2017/2021 die AfD dauerhaft parlamentarisch präsent.
Bei der Bundestagswahl 2025 kamen CDU/CSU und SPD zusammen nur noch auf gut 45 % der Zweitstimmen, die FDP schied mit 4,3 % aus.
Die Folge ist ein Mehrparteiensystem mit mindestens fünf relevanten Kräften (Union, SPD, Grüne, AfD, Linke/BSW – regional unterschiedlich). Koalitionsbildungen werden komplexer, Verantwortung schwerer zuschreibbar, was politische Verdrossenheit weiter verstärkt.
Untersuchungen belegen einen erheblichen Vertrauensverlust in Parteien und etablierte Politik. Parteien- und Politikverdrossenheit speisen sich aus:
Für CDU, SPD und FDP ist jede Regierungsbeteiligung risikoreich: Fehler wirken unmittelbarer auf das Image als früher. Gleichzeitig wird ihre Oppositionsrolle als unglaubwürdig wahrgenommen, da viele Bürger sie als Teil desselben politischen Establishments betrachten.
Social-Media-Analysen zeigen, dass insbesondere AfD und andere politische Ränder auf YouTube, TikTok und X reichweiten- und like-dominant sind. CDU/CSU, SPD und FDP fallen deutlich zurück.
In den Feeds junger Menschen werden Inhalte der politischen Ränder häufiger ausgespielt als Inhalte der Mitte. Kurze, emotionale Botschaften dominieren. Protestparteien, die gegen „die da oben“ argumentieren, sind darin besonders erfolgreich.
Bürgerliche Parteien, die auf Programme und institutionelle Rollen setzen, erreichen junge Wähler kaum, die Politik überwiegend digital konsumieren.
Die SPD erreichte 1998 noch 40,9 % und 2002 noch 38,5 % der Zweitstimmen. Seitdem befindet sie sich – mit kurzen Zwischenhochs – in einer Abwärtsspirale.
Die Agenda 2010 und die Hartz-Reformen entfremdeten Teile der Arbeiterschaft dauerhaft. Davon profitierten Parteien links und rechts der SPD. Mehrere Große Koalitionen verwässerten das Profil weiter; die SPD gilt zunehmend als „Staatspartei“ statt als gesellschaftliche Bewegung.
Der Einbruch bei der Bundestagswahl 2025 (16,4 %) hängt eng mit der Ampel-Regierung zusammen. Nur 17 % der Bevölkerung waren laut Infratest dimap mit deren Arbeit zufrieden. Besonders bei sozialer Gerechtigkeit, Altersversorgung, Steuern und Asylpolitik verlor die SPD massiv an Zustimmung.
Studien zeigen zudem: Der Anteil der Arbeiterstimmen für die SPD hat sich zwischen 2021 und 2025 mehr als halbiert, während er bei der AfD stark anstieg.
Unter Angela Merkel verschob sich die Union programmatisch in die Mitte. Öffnungen in gesellschaftspolitischen Fragen sowie das Krisenmanagement in Euro- und Flüchtlingskrise wurden von konservativen Wählern als Bruch empfunden.
Parteienforscher sprechen vom „Drang zur Mitte“, der ein Vakuum an den Rändern erzeugte – insbesondere rechts der Union. In dieses stieß die AfD vor.
Die Union verliert:
Ein zentrales Glaubwürdigkeitsproblem ist der Umgang mit der AfD. Die kategorische Brandmauer kollidiert zunehmend mit der kommunalen Realität, insbesondere in Ostdeutschland.
Die FDP war nie Volkspartei, sondern stets eine kleinere liberale Kraft. Ihre Wähler sind überdurchschnittlich gebildet, einkommensstärker, wirtschaftsliberal – und wenig parteigebunden.
Regierungsbeteiligungen schadeten der FDP regelmäßig. In der Ampel-Regierung geriet sie zwischen sozialdemokratische und grüne Positionen, relativierte zentrale Versprechen und wurde als Verhinderungspartei wahrgenommen. Das Ergebnis ist hohe Volatilität und Vertrauensverlust.
In allen fünf ostdeutschen Flächenländern ist die AfD 2025 stärkste Kraft geworden. CDU, SPD und FDP leiden dort unter schwacher Verankerung, geringen Mitgliederzahlen und Skepsis gegenüber westdeutschen Establishment-Parteien.
Auch im Westen verlieren CDU und SPD in urbanen Metropolen. Kosmopolitische Milieus tendieren zu Grünen oder liberalen Kleinparteien, modernisierungsskeptische Gruppen zur AfD oder zur Nichtwahl.
Zudem wären nötig: