Dies ist ein Auszug aus dem Buch Blackout - eine unterbelichtete Republik von Rainer Gievers
Publiziert am 15. Januar 2026
Der häufig im Zusammenhang mit Hochschulen genutzte Begriff „Linke Unterwanderung“ sollte vermieden werden, da es sich um einen politischen Kampfbegriff handelt. In der Forschung wird stattdessen von politischer Schieflage oder ideologischer Homogenisierung gesprochen, da „Unterwanderung“ eine bewusste Verschwörungsstrategie impliziert, die empirisch kaum nachweisbar ist.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich die heutige akademische Linke fundamental von der klassischen Arbeiterbewegung unterscheidet. Während historische linke Bewegungen primär ökonomische Ungleichheit thematisierten, fokussiert sich das zeitgenössische linke Milieu an Hochschulen auf kulturelle und identitäre Fragestellungen, die häufig unter den Begriffen „Identitätspolitik“ oder „Wokeness“ zusammengefasst werden.
Die sogenannte „woke Linke“, die ursprünglich antrat, um Diskriminierung zu bekämpfen, zeigt zunehmend illiberale Züge. Durch die Tabuisierung von Themen und die Regulierung von Sprache wird ein offener demokratischer Diskurs erschwert. Abweichende Meinungen werden nicht mehr als legitimer politischer Widerspruch, sondern als moralisches Defizit (z. B. Rassismus, Sexismus oder Transphobie) interpretiert und sanktioniert. Eine deutliche Verschärfung dieser Entwicklung ist seit dem Ende der 2010er Jahre zu beobachten.
Universitäten prägen künftige Eliten nicht nur fachlich, sondern auch hinsichtlich sozialer Bindungen, Werte und Auftreten. In den vergangenen Jahren ist eine zunehmende politische Homogenisierung festzustellen, die durch Gruppendynamiken und institutionelle Anreizsysteme verstärkt wird.
Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks sowie Analysen der TU Dortmund zeigen, dass geschlossene Gruppenstrukturen die Übernahme extremer Positionen begünstigen. Diskussionen innerhalb politisch homogener Gruppen – etwa in geisteswissenschaftlichen Seminaren oder studentischen Gremien – neigen zu immer extremeren Standpunkten, ein Phänomen, das als „Group Polarization“ bezeichnet wird.
Erhebungen der Heterodox Academy aus dem Jahr 2024 zeigen zudem, dass sich politisch moderat eingestufte Studierende zunehmend davor fürchten, ihre Meinung offen zu äußern. Paradoxerweise fühlen sich Studierende an den politischen Rändern am wohlsten in kontroversen Diskussionen, während die gemäßigte Mitte verstummt – ein klassischer Effekt der Schweigespirale.
Eine zentrale Rolle im Radikalisierungsprozess spielen die gesetzlich verankerten Studierendenvertretungen. AStA-Gremien agieren dabei nicht selten als ideologische Akteure, die Kampagnen gegen Dozenten initiieren oder unterstützen.
Besonders besorgniserregend ist die zunehmende Legitimation von Gewalt gegen Andersdenkende. Verfassungsschutzberichte und parlamentarische Anfragen dokumentieren, dass Teile der linksextremen Szene an Hochschulen Gewalt als legitimes Mittel politischer Auseinandersetzung betrachten. So kam es etwa zu Aufrufen, Vertretern konservativer Studentenverbindungen physische Gewalt anzutun, sowie zur Störung von Veranstaltungen konservativer Politiker, beispielsweise Thomas de Maizière in Göttingen.
Der sogenannte „Marsch durch die Institutionen“ zeigt sich nicht nur bei Studierenden, sondern zunehmend auch im Lehrkörper. Zwei Mechanismen wirken hier zusammen: demografische Verschiebungen und Anpassungsdruck durch politische Korrektheit.
Eine Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Deutschen Hochschulverbandes (2021/2022) verdeutlicht das Ausmaß:
Die Etablierung linker Normen erfolgt zunehmend über die Verwaltungsebene. Rund ein Drittel der Professoren beklagt eine Behinderung ihrer Arbeit durch Hochschulverwaltungen. Leitfäden zur geschlechtergerechten Sprache, Antidiskriminierungsrichtlinien und Meldestellen schaffen einen bürokratischen Apparat, der ideologische Konformität überwacht. Das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit dokumentiert zahlreiche Fälle administrativer Sanktionen aufgrund sprachlicher oder inhaltlicher Abweichungen.
Mehrere Fallbeispiele verdeutlichen, wie abstrakte Radikalisierungsmechanismen konkret zur Zerstörung von Reputationen und Karrieren führen. Häufig skandalisiert eine kleine, gut organisierte Gruppe Aussagen oder Personen, woraufhin institutionelle Leitungen mit mangelnder Rückendeckung oder Sanktionen reagieren.
Die Rückkehr des ehemaligen AfD-Gründers Bernd Lucke an die Universität Hamburg wurde durch physische Blockaden und Hörsaalbesetzungen verhindert. Sicherheitskräfte kapitulierten, und die Universitätsleitung konnte den regulären Lehrbetrieb nicht gewährleisten. Die Argumentation, dass Luckes bloße Anwesenheit „diskursive Gewalt“ darstelle, gilt als paradigmatisch für neue Protestformen.
Im Fall von Susanne Schröter zeigt sich eine langfristige institutionelle Wirkung. Nach ihrem Ausscheiden wurde das Forschungszentrum Globaler Islam demontiert. Schröter interpretiert dies als politische Entscheidung, da kritische Islamforschung, die nicht dem postkolonialen Narrativ folgt, zunehmend unerwünscht sei.
Die an Universitäten etablierten Denkmuster wirken über Absolventen in Medien, Politik, Justiz und Unternehmen hinein. Journalisten rekrutieren sich überwiegend aus akademischen Milieus. Eine Langzeitstudie der TU Dortmund (2024) zeigt eine starke politische Einseitigkeit: Rund 41 % der Volontäre und Jungjournalisten präferieren Bündnis 90/Die Grünen, während konservative Parteien deutlich unterrepräsentiert sind.
Diese Homogenität führt dazu, dass akademisch-linke Themen wie Gendern, Antirassismus oder Klimaschutz in der Berichterstattung überproportional vertreten und häufig als wissenschaftlicher Konsens dargestellt werden. Konservative Positionen werden dagegen häufiger problematisiert oder als umstritten gerahmt.
Wissenschaftler fungieren zunehmend als politische Berater. Sind jedoch ganze Fachbereiche politisch homogen, erhält die Politik ein verzerrtes Bild gesellschaftlicher Realitäten. Staatliche Förderprogramme begünstigen laut Kritik des Netzwerks Wissenschaftsfreiheit häufig Akteure mit spezifischer ideologischer Agenda und verstärken diesen Kreislauf.
Als Reaktion haben sich Gegenbewegungen formiert, die sich für wissenschaftliche Pluralität einsetzen. Das 2020 gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zählt inzwischen über 700 Mitglieder und engagiert sich gegen Cancel Culture sowie für offene Debatten. Gerichtsurteile bestätigen regelmäßig, dass auch polemische oder konservative Aussagen von der Meinungsfreiheit gedeckt sind.