Dies ist ein Auszug aus dem Buch Blackout - eine unterbelichtete Republik von Rainer Gievers

Publiziert am 15. Januar 2026

Auswirkungen der EU-Energiepolitik und deutscher CO2-Regulierungen auf die deutsche Wirtschaft

EU-Energiepolitik

Das Legislativpaket „Fit for 55" der EU verschärft die Klimaziele: Statt 40% sollen die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55% gegenüber 1990 reduziert werden. Dies führt zu drastisch steigenden CO2-Zertifikatspreisen (Unternehmen müssen für jede Tonne CO2, die sie ausstoßen, ein Zertifikat vorweisen).

Die Verschärfung des EU-ETS mit seinen steigenden CO2-Kosten trifft deutsche Unternehmen hart. Das Risiko von Carbon Leakage – der Abwanderung energieintensiver Industrien in Regionen mit niedrigeren Klimaschutzauflagen – hat sich dadurch signifikant verschärft.

Ab 2027/2028 soll mit dem EU-ETS 2 ein zweiter Emissionshandel für die Sektoren Wärme und Verkehr europaweit eingeführt werden. Für Deutschland bedeutet dies die Ablösung des nationalen Systems durch ein europäisches – mit höheren und volatileren Preisen.

Deutsche CO2-Regulierungen: Die nationale Zusatzbelastung

Deutschland hat 2021 mit dem BEHG (Brennstoffemissionshandelsgesetz) einen nationalen Emissionshandel für die Sektoren Wärme und Verkehr eingeführt – zusätzlich zum EU-ETS. Ab 2026 wird der Preiskorridor bei ca. 55–65 %/t CO2 liegen. Ab 2024 werden auch CO2-Emissionen aus der thermischen Abfallverwertung bepreist, was zusätzliche Kosten für die Entsorgungswirtschaft und ihre Kunden bedeutet.

Anlagen, die bereits am EU-ETS teilnehmen, sollen nicht zusätzlich mit dem nationalen CO2-Preis belastet werden. Die Umsetzung ist jedoch komplex und führt zu bürokratischem Aufwand.

EEG-Umlage

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) war lange Zeit ein massiver Kostentreiber. Die EEG-Umlage wurde zwar Mitte 2022 auf null Euro gesenkt, aber die Kosten verschwanden nicht – sie wurden lediglich aus dem Bundeshaushalt finanziert. Die prognostizierten Gesamtkosten für 2024 sind zuletzt auf 19 Milliarden Euro hochgeschossen.

Netzentgelte: Der versteckte Kostentreiber

Der Ausbau erneuerbarer Energien hat in den vergangenen Jahren zu einem erheblichen Anstieg der dafür erhobenen Netzentgelte geführt. Um den Strom aus Solar- und Windkraftanlagen effizient zu integrieren, sind massive Investitionen in die Netzinfrastruktur erforderlich. Die Netzentgelte machten 2025 durchschnittlich 27,5–28 % des Strompreises aus (11 Cent/kWh für private Haushalte).

Der deutsche Sonderweg: Atomausstieg

Deutschland hat als einziges großes Industrieland den vollständigen Ausstieg aus der Kernenergie vollzogen – 2023 wurden die letzten drei Kernkraftwerke abgeschaltet. Bis 2011 konnte in Deutschland ein Drittel des Strombedarfs mit günstigem Strom aus Kernkraftwerken gedeckt werden. Die Grenzkosten der bereits vollständig abgeschriebenen Kernkraftwerke lagen bei nur 15 EUR/MWh – deutlich unter allen anderen Erzeugungsformen.

Die Abschaltung aller Kernkraftwerke bedeutet nicht nur höhere Strompreise, sondern auch den Verlust der Grundlastfähigkeit. Eine Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschlands Atomausstieg von 2011 bis 2023 rund 19.200 Todesfälle durch erhöhte Luftverschmutzung und 730 Millionen Tonnen zusätzliche CO2-Emissionen verursachte. Die ETS-Zertifikate für diese Emissionen kosteten über 57 Milliarden Euro – knapp 1.390 Euro pro Haushalt.

Kernkraftwerke sind grundlastfähig, netzstabilisierend und CO2-neutral. Ein Braunkohlekraftwerk mit 1.000 MW stößt ca. 8 Milliarden kg CO2 pro Jahr aus, während Kernkraftwerke praktisch kein CO2 erzeugen. Die Wiederinbetriebnahme von bis zu sechs abgeschalteten Kernkraftwerken wäre technisch möglich und würde Deutschland wetterunabhängige Grundlastsicherheit, wettbewerbsfähige Strompreise und Unabhängigkeit von Stromimporten bieten.

Während Frankreich, Polen, Finnland und andere Länder auf Kernkraft setzen oder neue Reaktoren planen, hält Deutschland am Atomausstieg fest – mit dem Argument der Sicherheit und der ungeklärten Endlagerfrage. Die wirtschaftlichen Konsequenzen dieser Haltung werden zunehmend sichtbar.

Kostenexplosion: Die Rechnung der Energiewende

Eine von Frontier Economics im Auftrag der DIHK erstellte Studie kommt zu alarmierenden Ergebnissen: Die Gesamtkosten der Energiewende in Deutschland summieren sich zwischen 2025 und 2049 auf 4,8 bis 5,4 Billionen Euro. Ab 2030 steigen die Gesamtkosten für Erzeugung, Netze, Betrieb und Importe auf 212 bis 229 Milliarden Euro pro Jahr – im ungünstigen Fall sogar auf bis zu 257 Milliarden Euro.

Die Energiewende basiert auf volatilen Erzeugern (Wind und Solar), die nicht grundlastfähig sind. Dies führt zu massiven Problemen:

  • Negative Strompreise: 2025 gab es in Deutschland 573 Stunden mit negativen Strompreisen – Strom war weniger als nichts wert, weil das Überangebot nicht gespeichert oder abtransportiert werden konnte. Deutschland muss in solchen Situationen Abnehmer bezahlen, damit der Strom abgenommen wird – ansonsten würde das Netz zusammenbrechen.
  • Dunkelflauten: Wenn weder Wind weht noch Sonne scheint, muss Deutschland teuren Strom aus fossilen oder nuklearen Quellen aus dem Ausland einkaufen (Polen, Tschechien, Frankreich). Diese Importabhängigkeit widerspricht der angestrebten Energiesouveränität.
  • Netzstabilität: Erneuerbare Energien liefern keine Momentanreserve (rotierende Masse), die für die Netzstabilität (Frequenz- und Spannungshaltung) unerlässlich ist. Der Wegfall konventioneller Kraftwerke gefährdet deshalb die Versorgungssicherheit.

Speicherproblem

Die derzeit verfügbaren Stromspeicherkapazitäten in Deutschland betragen rund 12 GWh. Kurzfristig wird bis 2030 ein Ausbau auf etwa 100 GWh erwartet, was vor allem der Netzstabilisierung dient. Für eine vollständig erneuerbare Stromversorgung wären jedoch langfristig saisonale Speicher im Umfang von mehreren Tausend GWh erforderlich. Batteriespeicher eignen sich aufgrund hoher Kosten und begrenzter Entladezeiten jedoch nur für kurzfristige Anwendungen (Stunden bis wenige Tage). Selbst bei stark sinkenden Kosten von künftig unter 100 Euro/kWh wären sie für saisonale Speicherung ökonomisch und technisch ungeeignet.

Für längere Dunkelflauten setzt die Bundesregierung daher auf Wasserstoffspeicherung und gasbasierte Backup-Kraftwerke. Diese Technologien verursachen jedoch sehr hohe Stromgestehungskosten: Für 2045 werden Werte von rund 300–350 Euro/MWh erwartet, deutlich über den Kosten erneuerbarer Direkterzeugung. Dies verdeutlicht, dass Versorgungssicherheit in einem vollständig erneuerbaren System mit erheblichen Zusatzkosten verbunden ist.

Die Energiewende ist nicht umsetzbar

Der promovierte Physiker Björn Peters ist Berater für Energiewirtschaft und Energiepolitik. Seiner Ansicht nach befinden wir uns beim Einsatz der Erneuerbaren aktuell in einer kritischen Phase:

Bei einem Marktanteil der Erneuerbaren von 30 bis 60 Prozent (hier befinden wir uns aktuell) ist die Regelbarkeit des Kraftwerkparks ausgereizt. Immer wieder kommt es zu volkswirtschaftlich schädlichen Negativpreisen an der Strombörse. Der thermische Kraftwerkspark (Kohle- und Gaskraftwerke) kommt auf deutlich reduzierte Einsatzstunden und ist zu unprofitabel, um Neubau zu rechtfertigen. Damit der wetterabhängig produzierte Strom einigermaßen gut genutzt werden kann, muss das Stromnetz massiv ausgebaut werden. Die Wetterabhängigen sind allerdings wegen der hohen Gleichzeitigkeit der Einspeisung gleichfalls nicht am Markt überlebensfähig. Der Staat muss sämtliche Komponenten des Stromerzeugungssystems subventionieren.

Ab einem Marktanteil der Wetterabhängigen von 60 bis 90 Prozent reicht die erzeugte Energie nicht mehr aus. Das Gesamtsystem muss von nachfrage- zu angebotsorientierter Stromversorgung umgestellt werden. Dieser Schritt ist irreal, denn vorher ist mit einem Zusammenbruch der Wirtschaft zu rechnen.

Deutschland ist für einen Extremwinter nicht gerüstet

Der Meteorologe Dr. Ryan Maue prognostiziert, dass die deutsche Stromversorgung in einem Extremwinter, wie wir ihn 1962/63 erlebten, zusammenbrechen würde.

Maue verweist auf die Studie „On the Link Between Weather Regimes and Energy Shortfall During Winter for 28 European Countries“ in der Fachzeitschrift Meteorological Applications. Dort wird dargelegt, wie das heutige Stromsystem mit historischen Extremwintern umgehen würde. Auch der Jahrhundertwinter von 1962/63 wurde mit dem heutigen Netz simuliert, wobei es sich zeigte, dass Europa überhaupt nicht dafür gerüstet ist. Das Problem: Da das Extremwetter auch unsere Nachbarländer betrifft, kann Deutschland nicht auf die gewohnten Stromimporte zurückgreifen.

Quellen:
https://x.com/Bjoern_Peters/status/2005346621622808872
https://report24.news/meteorologe-maue-wenn-der-jahrhundertwinter-zurueckkommt-ist-deutschland-am-ende/

Der deutsche Alleingang

Deutschland führte 2025 die Liste der teuersten Stromländer Europas an: 38,35 Cent/kWh für private Haushalte – 34% über dem EU-Durchschnitt von 28,72 Cent.

Zum Vergleich:

  • Frankreich: 26,64 Cent/kWh (31% günstiger)
  • Niederlande: 23,42 Cent/kWh (39% günstiger)
  • Ungarn: 10,4 Cent/kWh (fast viermal günstiger)

2024 lag der deutsche Strompreis noch bei 28,06 Cent/kWh. Der Anstieg um mehr als 35% innerhalb eines Jahres ist auf höhere Netzentgelte, sinkende staatliche Entlastungen und eine angespannte Lage an den Energiemärkten zurückzuführen.

Fazit: Deutschland zahlt die höchsten Strompreise weltweit (Haushaltskunden), gefährdet die Versorgungssicherheit und verliert Wettbewerbsfähigkeit. Weltweit sind 112 Atomkraftwerke im Bau und 330 in Planung (Stand Ende 2021). China will bis 2050 230 weitere AKWs bauen. Deutschland steht international isoliert da.

Wirtschaftliche Konsequenzen

Die hohen Strompreise gefährden die deutsche Industrie fundamental. Industriekunden zahlten 2024 durchschnittlich 14 bis 16,77 Cent pro Kilowattstunde – deutlich über internationalen Wettbewerbern.

45% der energieintensiven Betriebe planen oder realisieren Produktionseinschränkungen oder Abwanderung – sieben Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Bei Großunternehmen liegt dieser Anteil bei 51%.

Die Chemieproduktion liegt auf 30-Jahres-Tief, die Aluminiumproduktion brach um 63% ein und die Stahlindustrie kämpft ums Überleben. Diese Entwicklung ist direkt auf die Energiekosten zurückzuführen.

Die hohen Strompreise belasten vor allem Geringverdiener. Während Höchstverdiener nur 0,17% ihres Nettoeinkommens für die EEG-Finanzierung aufwenden mussten, wurden Geringverdiener mit 1% zur Kasse gebeten – die sechsfache relative Belastung.

Bei einem durchschnittlichen Haushaltsstrompreis von 38 Cent/kWh und einem Verbrauch von 3.500 kWh/Jahr zahlt ein Haushalt 1.330 Euro pro Jahr für Strom. Für einkommensschwache Haushalte ist dies eine erhebliche Belastung, die zu Energiearmut führen kann.

Gescheiterte Energiepolitik?

Die deutsche Energiewende verfehlt zentrale Ziele:

  • Versorgungssicherheit: Die Gefahr für Blackouts nimmt zu, Netzausfälle häufen sich. Deutschland ist zunehmend auf Stromimporte angewiesen – ausgerechnet aus Ländern mit Atom- und Kohlestrom.
  • Klimaschutz: Die CO2-Emissionen sanken zwar, aber zu einem extrem hohen Preis. Der Atomausstieg führte von 2011–2023 zu 730 Millionen Tonnen zusätzlicher CO2-Emissionen.
  • Bezahlbarkeit: Deutschland hat die höchsten Strompreise Europas und weltweit. Die Energiewende ist unbezahlbar geworden.
  • Wettbewerbsfähigkeit: Die Deindustrialisierung ist Realität. Deutschland verliert systematisch Industriekapazität und Arbeitsplätze.

Die EU-Energiepolitik allein wäre bereits herausfordernd. In Kombination mit dem deutschen Alleingang wird sie zur existenziellen Bedrohung für den Industriestandort Deutschland. Während Frankreich mit Kernkraft 31% niedrigere Strompreise hat und andere Länder auf Technologiemix setzen, manövriert sich Deutschland in eine energiepolitische Sackgasse – mit gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen.

Die Frage ist nicht mehr, ob die Energiepolitik gescheitert ist, sondern wie hoch der endgültige Preis sein wird.