Dies ist ein Auszug aus dem Buch Blackout - eine unterbelichtete Republik von Rainer Gievers

Publiziert am 15. Januar 2026

Die AfD

Die AfD-Wähler

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat im September 2024 nach der Landtagswahl in Brandenburg die Gründe analysiert, warum die AfD gewählt wurde. Zu beachten ist, dass sich die Wählermeinung dynamisch ändert und diese Analyse nur bedingt auf Bundesebene übertragbar ist. Sie gibt jedoch wertvolle Hinweise.

  • Soziale Breite statt Randphänomen: Die AfD erreicht Menschen aller Altersgruppen sowie relevante Segmente der Arbeiterschaft (46 %) und Selbstständigen (34 %). Dies widerspricht der Reduktion auf ein rein „abgehängtes“ oder marginalisiertes Milieu.

  • Wohlbefinden und Protest sind nicht identisch: Dass 46 % der AfD-Wählenden ihre eigene Lage als gut einschätzen, zeigt, dass die AfD-Wahl nicht auf Existenzangst basiert, sondern kulturell-politisch (z. B. Ordnungsvorstellungen) motiviert ist.

  • Überzeugungs- vs. Protestwahl: Mit 52 % Überzeugungswählenden und 42 % Enttäuschten zeigt sich, dass die AfD sowohl als programmatische Option als auch als Protest gegen etablierte Parteien fungiert. Dies erklärt ihre relative Stabilität auch jenseits akuter Krisen.

  • Wahrnehmung der eigenen Positionierung: 81 % der AfD-Anhänger sehen die Partei in der politischen Mitte, während nur 10 % der Aussage zustimmen, sie gefährde Demokratie und Rechtsstaat. Diese Dissonanz zur Mehrheitswahrnehmung (62 % der Gesamtbefragten sehen eine Gefährdung) weist auf ein abweichendes Weltbild hin.

Bewertung:
Die Umfrage zeichnet das Bild einer normalisierten, sozial breit verankerten Wählerschaft der Alternative für Deutschland, deren Unterstützung wesentlich aus Überzeugung gespeist wird. Wer die AfD ausschließlich als Protest- oder Randphänomen interpretiert, unterschätzt ihre strukturelle Verankerung und verfehlt zentrale Ursachen ihres Erfolgs.

Quelle:
https://das-praxisbuch.de/blog/politikversagen/teil11


Die Brandmauer

Die Brandmauer gegenüber der AfD dürfte sich perspektivisch erledigt haben, da Umfragen zeigen, dass Mehrheiten künftig nur noch mit der AfD erreichbar sein könnten. Bisher diente die Brandmauer vor allem der Verhinderung von Kontakten mit der AfD. Dieses Vorgehen grenzt jedoch auch Wähler aus, die hinter der Partei stehen.

Eine kritische Auseinandersetzung mit der AfD statt einer pauschalen Ausgrenzung könnte dazu beitragen, dass Parteien der Mitte verlorene Wähler zurückgewinnen. Positiv zu bewerten ist daher die Entscheidung der Münchner Sicherheitskonferenz, nach zweijähriger Pause wieder Fachpolitiker der AfD einzuladen.

Die etablierten Parteien sollten analysieren, warum die Alternative für Deutschland zunehmend Wähler anzieht. Die Erklärung liegt weniger in einer plötzlichen ideologischen Radikalisierung großer Teile der Bevölkerung als vielmehr in einem Gefühl mangelnder politischer Repräsentation. Wenn Parteien wie CDU und SPD Politik betreiben, die von vielen Bürgern als nicht mehr interessengerecht wahrgenommen wird, und dabei eine abwertende Rhetorik gegenüber kritischen Wählern verwenden, sind sinkende Umfragewerte eine logische Konsequenz.

Auf regionaler Ebene spielt die AfD bislang eine begrenzte Rolle. Dort, wo AfD-Mehrheiten möglich wären, konnten andere Parteien durch Wahlempfehlungen und taktisches Vorgehen AfD-Kandidaten verhindern. Dennoch stellt die AfD inzwischen einen hauptamtlichen Bürgermeister in Sachsen-Anhalt, einen stellvertretenden Bürgermeister in Gelsenkirchen sowie einen Landrat in Thüringen. Angesichts der Umfragewerte dürfte die Zahl regionaler AfD-Mandatsträger bei kommenden Wahlen weiter steigen.

Ob ein Parteiverbotsverfahren, die Einstufung als gesichert rechtsextrem oder die systematische Blockade von Ausschussvorsitzen im Bundestag die gewünschte Wirkung erzielen, ist umstritten. Kritisch bleibt anzumerken, dass diese parlamentarischen Praktiken Präzedenzfälle schaffen, die sich bei veränderten Mehrheitsverhältnissen auch gegen andere Fraktionen richten könnten.

Quelle:
https://www.welt.de/debatte/plus6952543b1fd60a92dfe20e43/juli-zeh-der-anfang-vom-ende-der-brandmauer.html


Der Stimmungswandel

Zunehmend melden sich prominente Stimmen zu Wort, die einen anderen Umgang mit der AfD fordern:

Otto Schily, Gründungsmitglied der Grünen und ehemaliger Bundesinnenminister, stellte sich Ende Dezember 2025 gegen den aktuellen Umgang mit der AfD. Er bezeichnete es als falsch, die Partei in Quarantäne zu stellen und forderte, den Dialog nicht grundsätzlich zu verweigern. Die AfD habe dieselben parlamentarischen Rechte wie andere Fraktionen, zudem existierten auf kommunaler Ebene längst pragmatische Kontakte.

Die Autorin Juli Zeh beschrieb Weihnachten 2025 in der taz, dass sie in einem Dorf lebt, in dem die Mehrheit AfD wählt. Sie hält die „Brandmauer“ für gescheitert, da sie die Partei nicht geschwächt habe, sondern zu immer komplizierteren Koalitionen führe. Zeh betont, dass viele AfD-Wähler aus Misstrauen gegenüber „den Hauptstädten“ handeln, nicht aus dem Wunsch heraus, das parlamentarische System abzuschaffen. Zudem kritisiert sie eine moralisierende und alarmistische Sprache in Politik und Medien.

Auch in der Bevölkerung ist ein Stimmungswandel erkennbar. Während früher rund 75 % eine AfD-Wahl ausschlossen, ist es inzwischen nur noch etwa die Hälfte. Umfragen deuten darauf hin, dass es im Jahr 2026 erstmals einen AfD-Ministerpräsidenten geben könnte.

Trotz anhaltend hoher Umfragewerte von über 25 % hält die CDU-Führung weiterhin an der Brandmauer fest und schließt Gespräche oder Zusammenarbeit mit der AfD aus. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich rhetorisch stark festgelegt, obwohl seine Zustimmung sowohl bundesweit als auch in den östlichen Bundesländern sinkt.

Gleichzeitig erschwert die AfD selbst eine Annäherung. In mehreren Bundesländern sind Funktionäre und Verbände durch muslimfeindliche, rassistische oder antisemitische Äußerungen aufgefallen. Zwar sind Anzeichen einer Professionalisierung erkennbar, dennoch scheint das Wählerpotenzial am rechten Rand bewusst nicht aufgegeben zu werden.

Ein Blick auf die Umfragen zeigt, dass die CDU insbesondere in den östlichen Bundesländern vor erheblichen Herausforderungen steht. Dort wären zur Machtsicherung teils Viererbündnisse mit linken Parteien notwendig. Dies würde jedoch bedeuten, dass sich die CDU weiter von konservativen Wählern entfernt – polemisch formuliert könnte das „C“ im Parteinamen dann eher für „Sozialismus“ stehen.

Quellen